Schwarzer US-Präsident Afrika hofft auf Obamas Hilfe

Barack Obama wird auch in Afrika gefeiert: Von Kairo bis Kapstadt hat der künftige US-Präsident Hoffnungen geweckt - auf eine bessere Zukunft, Hilfe, Verständnis. Auch Südafrikas Freiheits-Ikone Nelson Mandela äußert in einem bewegenden Brief an Obama große Erwartungen.

Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt


Kapstadt - Mpumi Mantangana kann es immer noch nicht fassen. "Es ist großartig, dass er gewonnen hat," sagt sie immer wieder. "Er hat Geschichte geschrieben für die Schwarzen in Amerika und auf dem Rest des afrikanischen Kontinents," fügt sie in einer reichlich euphorischen Auslegung der geografischen Wirklichkeit hinzu. Doch an diesem Tag ist die Realität für Mantangana Nebensache.

Obama-Anhänger in Kenia:"Er ist doch einer von uns"
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Obama-Anhänger in Kenia:"Er ist doch einer von uns"

Denn für die resolute Managerin der Ubuntu-Klinik in Khayelitsha, einem der ärmsten Vororte Kapstadts, ist ein Traum wahr geworden: Barack Obama ist zum neuen amerikanischen Präsidenten gewählt worden. "Wir werden ein großes Fest feiern," sagt die Klinik-Managerin. Im August 2006 ist Barack Obama bei seiner Afrika-Tour in ihre Klinik in das Elendsviertel gekommen, um sich vor Ort über die tödliche Seuche zu informieren. "Damals hat er uns Mut gemacht," sagt Aids-Aktivist Zachie Achmat. "Seitdem hat er bei uns in Khayelitsha seine leidenschaftlichsten Anhänger."

Von Kairo bis Kapstadt hat Obama Hoffnungen geweckt, Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, auf Hilfe, auf Verständnis. Sein Sieg ist ihr Sieg. "Er ist doch einer von uns," sagt der arbeitslose Frank Chikonga, der auf Kapstadts Strand Street mit Hunderten anderen Verzweifelten auf einen Job wartet. "Er muss uns doch helfen."

Diese naive Gläubigkeit zieht sich durch fast alle Stellungnahmen des sogenannten "Mannes von der Straße", die afrikanische Medien nach Obamas Sieg zitieren. "Jetzt haben wir wieder Hoffnung, dass die Dinge sich auch für uns ändern werden," sagte Mohamed Shennawy in Kairo einer ägyptischen Nachrichtenagentur.

Der ghanaische Journalist Kwaku Sakyi-Addo gibt zu: "Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es so schwierig sein könnte, über einen solchen Tag zu schreiben. Die Worte schwirren mir nur so durch den Kopf. Aber keines ist stark genug, um diesen Tag zu beschreiben." Shamina aus Malawi verlangt schlicht: "Das afrikanische Volk hat ihn unterstützt. Jetzt soll er uns genauso unterstützen."

Ihr Landsmann Abdul-Azizi Kazembe formuliert seine Hoffnungen noch deutlicher: "Wir fordern ihn auf, die Hilfe für die afrikanischen Staaten zu verstärken, Malawi eingeschlossen." Auch Mukasa Mbidde aus Uganda ist sehr zuversichtlich: "Wir erwarten vom neuen Präsidenten, dass er Lösungen für die afrikanischen Probleme anbietet, auch für Uganda."

Außenstelle des Weißen Hauses

Heilsbringer und Hoffnungsträger – diese Rolle hat Barack Obama für viele Menschen in Afrika. Die Kenianer haben ihn in ihrem Überschwang gleichsam adoptiert, und Kisuma, das Heimatdörfchen seiner kenianischen Verwandten, zu einer Art Außenstelle des Weißen Hauses ernannt.

Aber auch in anderen Staaten des krisengeschüttelten Kontinents hoffen die Politiker nach den Jahren der Bush-Regierung auf einen Wandel der Beziehungen, darauf, dass Obama ein offeneres Ohr für die Probleme Afrikas hat: Bürgerkriege, Stammesfehden, Seuchen, Unterernährung, Armut, mangelnde Bildungschancen, Kriminalität, Korruption.

Südafrikas Freiheits-Ikone Nelson Mandela hat Obama nach seinem Sieg einen bewegenden Brief geschrieben, in dem er zwischen den Zeilen auch die Ängste und Hoffnungen für sein, in eine schwere innenpolitische Krise geratenes, Land anklingen lässt. "Ihr Sieg hat gezeigt, dass jeder auf der Welt den Traum träumen soll, die Welt zum Besseren zu verändern ... Wir vertrauen darauf, dass sie es zur Mission ihrer Präsidentschaft machen werden, die Geißeln Armut und Krankheit überall auf der Welt zu bekämpfen."

Zu viele, blutige Rückschläge auf dem schwarzen Kontinent

Der afrikanische Kontinent stand in den vergangenen Jahren oft genug auf der Agenda der Weltgemeinschaft – beim G-8-Gipfel in Heiligendamm im Mai 2007 ebenso wie beim Europa-Afrika-Gipfel im Dezember des selben Jahres. Doch es blieb meist bei feierlichen Gipfelerklärungen von neuer Partnerschaft auf gleicher Augenhöhe.

Die Rückschläge auf dem schwarzen Kontinent beim Weg zu Demokratie und Rechtsstaat erschüttern den Westen immer wieder: Vom verzweifelten Kampf des simbabwischen Diktators Robert Mugabe um die Macht bis zu den neuen blutigen Kämpfen in der Demokratischen Republik Kongo. In den meisten afrikanischen Staaten herrscht immer noch die Mentalität vor, die Probleme des Kontinents seien das hässliche Erbe des Kolonialismus, und nicht überall in Afrika ist Amerika mit Obamas Wahl gleichsam über Nacht vom Feind zum Freund geworden.

Fazila Farouk vom Informationszentrum der südafrikanischen Zivilgesellschaft jubelt zwar über Obamas Wahlsieg: "Wunder geschehen, wenn niemand mehr daran glaubt. Barack Obama kann jetzt beweisen, dass er das Wunder ist, auf das die ganze Welt gewartet hat." Die streitbare Bürgerrechtlerin weiß auch schon, wie "der neue Held" das tun kann: "Er muss endlich Amerikas Komplizenschaft in den Krisengebieten Afrikas zugeben." Noch immer verstehen es afrikanische Politiker wie Robert Mugabe meisterhaft, die Schuld für eigenes Versagen, für Hunger und Elend in ihren Ländern auf den Westen abzuwälzen und sich selbst zu Opfern zu stilisieren.

Doch auch damit soll jetzt Schluss sein. Die Kapstädter Tageszeitung überschreibt einen Leitartikel zu Obamas Wahl denn auch mit dem Satz : "Obama wird die schwarze Opferrolle schon morgen beerdigen."

Auch der simbabwische Politologe Blessing Chimbwanda nimmt Obamas Wahlerfolg zum Anlass für selbstkritische Töne: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass etwa im Jahr 2023 ein Weißer zum Präsidenten von Simbabwe gewählt werden könnte, egal, wie fähig er ist. Dazu haben uns die meisten unserer afrikanischen Führer zu sehr mit Worten und Taten des Hasses gefüttert – von Leuten wie Idi Amin bis zu Robert Mugabe und anderen."

Obamas Erfolg müsste für Afrika nun ein Anlass sein, darüber nachzudenken, warum trotz einiger positiver Anzeichen für eine Demokratisierung "unsere Führer auf diesem Kontinent so traurig versagt haben".

Kaum hatte Obama gesiegt, verbreitete sich in der ghanaischen Hauptstadt Accra eine SMS wie ein Flächenbrand: "Rosa Parks blieb einfach sitzen. Dann stand Martin Luther King auf. Und weil Martin aufstand, konnte Barack nun loslaufen. Und Barack lief los, damit unsere Kinder einst fliegen können."

Rosa Parks war die amerikanische Bürgerrechtlerin, die sich 1955 weigerte, in einem Bus für einen Weißen Platz zu machen und daraufhin verhaftet wurde. Der 1968 erschossene Martin Luther King ist eine der am meisten verehrten Führer der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Aus Ghana wurde die SMS quer durch den Kontinent gesendet. Gestern verlas der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu sie bei einem Gottesdienst im Kapstädter Tygerberg-Hospital mit Tränen in den Augen.



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