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Wahl in Schweden: Gewalt in den Problemvierteln

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Wahl in Schweden Abschied von der heilen Welt

Morde und Gewalt erschüttern seit Monaten Schwedens Großstädte. Die Täter haben oft einen Migrationshintergrund. Rechtspopulisten könnten bei der Wahl stärkste politische Kraft werden.

Der Mörder kommt mit dem Moped. Wie ziellos kurvt er auf und ab entlang der belebten Straße in Malmös Problemstadtteil Rosengård. Dann fährt er plötzlich von hinten auf einen jungen Mann zu. Zückt seine Pistole. Schießt dem Opfer in den Kopf. Rast davon.

Die Teelichter am Rand des Von Rosens Väg sind längst heruntergebrannt, Wochen nach der Tat. Zusammen bilden sie ein Herz. Und den Namen "Omar". Der 20-Jährige war polizeibekannt als mutmaßlicher Dealer. Er gehörte einer der Banden an, die gegeneinander um die Herrschaft über den örtlichen Drogenmarkt kämpfen. Dieses Profil haben fast alle Protagonisten der Morde von Malmö, Opfer wie Tatverdächtige.

Eine Serie brutaler Gewalt erschüttert Schwedens größte Städte. Zehn Menschen wurden allein in Malmö seit Jahresanfang umgebracht, seit Anfang 2016 gab es hier mehr als 120 Schusswechsel mit 24 Toten. In der Hauptstadt Stockholm kommt es immer wieder zu Brandanschlägen, Handgranatenexplosionen oder Schießereien auf offener Straße. In Göteborg marodierten Mitte August Vermummte in Banden durch die Straßen, zündeten rund hundert Autos an. Insgesamt wurden 2017 landesweit 43 Menschen durch Schusswaffen getötet.

Und das alles in Schweden, dem vermeintlichen Heile-Welt-Land. Das Bullerbü-Idyll war zwar immer ein Klischee. Aber um ihre Sicherheit haben die Schweden nie gebangt.

Am 9. September wählen sie jetzt ein neues Parlament. Kriminalität ist zu einem bestimmenden Thema des Wahlkampfs geworden. Die sogenannten Schwedendemokraten  profitieren davon. Die rechtspopulistische Partei mit Wurzeln in der Neonazi-Szene war im Sommer in mehreren Umfragen stärkste Kraft, bis zu 28 Prozent wurden ihr zeitweise vorhergesagt.

Rechtsaußen als Zünglein an der Waage

Selbst wenn die Rechtsaußen "nur" auf ein Fünftel der Stimmen kommen, werden sie wohl zum Zünglein an der Waage zwischen Mitte-Links und Mitte-Rechts, zwischen dem sozialdemokratischen Premierminister Stefan Lövfen und seinem konservativen Herausforderer Ulf Kristersson. Angesichts des sich abzeichnenden Rechtsrucks kommt wohl keiner der beiden gemäßigten Blöcke auf eine Mehrheit.

Die Gewaltverbrechen kommen wie gerufen für die Schwedendemokraten mit ihrem Anführer Jimmie Akesson. Haben doch die meisten Täter einen Migrationshintergrund: ein willkommener Anlass für Akesson, auf Flüchtlinge zu schimpfen - oder gar den Einsatz der Armee in den Städten gegen Banden zu fordern. Die Kandidaten der Mitte lassen sich mitreißen: Premier Löfven hat einen Militäreinsatz nicht ausgeschlossen. Oppositionschef Kristersson kündigte für "lange Zeit eine verschärfte Flüchtlingspolitik" an.

Dabei sind die Flüchtlinge nicht schuld an der Eskalation der Gewalt. Die Täter sind vor allem junge Männer mit schwedischem Pass, deren Vorfahren einst nach Schweden kamen - und deren Integration misslungen ist.

"Flüchtlinge sind nicht unser Problem. Es sind immer dieselben, altbekannten Personen, die so extrem gewalttätig sind", sagt Malmös Vize-Polizeichef Erik Jansaker. Gut 200 Männer, meistens zwischen 19 und 24 Jahre alt, Söhne oder Enkel von Einwanderern aus dem Nahen Osten, Iran oder Bosnien. "Diese Menschen haben keine gute Ausbildung, keine Jobs, keine Perspektive", sagt Jansaker. "Wir haben es nicht geschafft, sie in unsere Gesellschaft zu integrieren."

Nur ein paar Hundert Meter neben der Polizeistation wurde "Omar" ermordet: in Herrgården, der verrufensten Ecke von Rosengård. Die Ansammlung von monotonen Wohnblocks stuft Schwedens Polizei als eine von 23 "besonders verwundbaren" Gegenden im Land ein, wegen der hohen Präsenz von Kriminellen.

Wer den sozialen Aufstieg schaffte, zog bald weg

"No-Go-Zonen" nannte der US-Fernsehsender Fox vergangenes Jahr diese Gebiete in einem Beitrag, tags darauf polterte Donald Trump: "Look, what's happening last night in Sweden!" Da allerdings war in der Nacht zuvor nichts passiert.

Blocks wie Herrgården stammen aus dem sogenannten Millionenprogramm. Von 1965 bis 1974 ließ die sozialdemokratische Regierung am Rande der Großstädte preiswerten Wohnraum für eine Million Menschen bauen - vergaß aber, die Siedlungen lebenswert zu machen und in die Städte zu integrieren.

Wer den sozialen Aufstieg schaffte, zog bald weg. Im Gegenzug wurden immer mehr Migranten hier einquartiert. Oder sie zogen hierher, weil die Mieten so niedrig und ihre Landsleute hier waren. So entstanden Parallelgesellschaften.

Heute verlassen in einigen Problemvierteln zwischen 50 und 70 Prozent der Jugendlichen mit 15 die neunjährige Grundschule nach der Mindestschule ohne gültiges Abgangszeugnis, das sind drei- bis viermal so viele wie im Durchschnitt. Entsprechend groß ist die Arbeitslosigkeit. Mit dem Staat Schweden identifiziert sich hier kaum jemand.

Die Heimat von Ibrahimovic

Zwar sind die Menschen hier direkt von der Gewalt betroffen. Doch wenn Jansaker und seine Polizisten Zeugen für die Verbrechen suchen, ernten sie meist Schweigen.

"Man kann einen Jungen aus Rosengård herausholen. Aber man kann nicht Rosengård aus einem Jungen holen", steht auf einer Bahnunterführung am Eingang des Viertels. Der Spruch stammt vom berühmtesten Sohn Rosengårds: Zlatan Ibrahimovic.

Ivica Kurtovic, 58, Fußballerwaden, gutmütiges Lächeln, war einer von Zlatans ersten Trainern, als der Ausnahmekicker ein Knirps war. Noch heute trainiert Kurtovic Kinder und Jugendliche beim FC Rosengård. Fast alle hier haben einen Migrationshintergrund, er selbst kam vor 51 Jahren mit seinen Eltern aus Jugoslawien.

Kurtovic macht sich Sorgen um Rosengård. Konflikte habe es immer gegeben. "Aber sie haben sich geprügelt und nicht aufeinander geschossen." Viel zu viele Waffen und Drogen seien im Viertel.

"Ich erlebe mit, wie Jugendliche vom rechten Weg abkommen. Am Anfang bieten ihnen Kriminelle 500 Kronen (50 Euro; d. Red.), wenn sie ein Paket transportieren oder eine Pistole für ein paar Stunden aufbewahren. So viel Geld haben die noch nie verdient. Dann kriegen sie den nächsten Auftrag, bald hören sie auf mit dem Fußball."

Die Eltern täten oft nichts dagegen. "Viele kümmern sich nicht um ihre Kinder. Sie versuchen nicht einmal, Schwedisch zu lernen und Teil der Gesellschaft zu werden. Das war in unserer Generation anders."

Sollten die Rechtspopulisten die Wahl gewinnen oder gar an einer Regierung beteiligt werden, würde alles nur noch schlimmer, meint Kurtovic. "Die Schwedendemokraten würden noch weniger für die Menschen hier tun und Migranten immer weiter an den Rand drängen."

Zu wenig Polizisten

Polizist Jansaker sieht das ähnlich. "Wenn das Militär hierherkäme, wäre das nicht nur ein Zeichen, dass die Polizei aufgibt. Es würde die Menschen in diesen Vierteln stigmatisieren." Auf Nachfrage gibt Jansaker zu: Seine Polizisten gehen zurzeit nur selten auf Streife im Rosengård. Denn viele Beamte wurden abgezogen, um die Morde zu untersuchen. Die Personaldecke ist dünn. Die Polizei aufzustocken, versprechen deshalb im Wahlkampf Politiker aller Couleur.

Problemviertel wie Rosengård bräuchten bessere Schulen, bessere Wohnungen, bessere Krankenhäuser - und vor allem: bessere Perspektiven für junge Menschen. Aber das alles kostet viel Geld. "Und nach der Wahl", sagt Kurtovic, "heißt es immer: es ist kein Geld da."

Das Ergebnis sehen Erik Jansakers Polizisten. Am Tatort.

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