Schwedens Grüne bei Europawahl Wo war bloß der Greta-Effekt?

Fast überall in Europa jubeln die Grünen über Wahlgewinne. Doch ausgerechnet in Schweden, der Heimat der Klimaaktivistin Greta Thunberg, hat die Umweltpartei vier Prozentpunkte verloren. Warum?

Klimaaktivistin Greta Thunberg (Archivaufnahme)
Gian Ehrenzeller/ KEYSTONE/ DPA

Klimaaktivistin Greta Thunberg (Archivaufnahme)

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Als am Wahlwochenende die ersten Hochrechnungen öffentlich werden, zeigen sich an vielen Orten in der EU ähnliche Szenen: In Deutschland jubeln die Grünen, in Finnland jubeln die Grünen. In Schweden freuen sie sich dagegen eher verhalten.

Während die Partei an vielen Orten der EU Wähler gewinnt, verliert das schwedische Pendant der Grünen, die Miljöpartiet de Gröna, vier Prozentpunkte im Vergleich zu den letzten EU-Wahlen. Sie landet bei guten elf Prozent und wird im Europaparlament nicht mehr mit vier, sondern nur noch mit zwei Sitzen vertreten sein. Ausgerechnet die Grünen in Schweden.

Thunberg: "Wählt die Zukunft!"

Dabei ist das Land doch die Heimat der Aktivistin Greta Thunberg, die einen maßgeblichen Teil dazu beigetragen hat, dass viele in Europa sich jetzt mit dem Klimawandel befassen. Die 16-Jährige sorgt seit Monaten dafür, dass Jugendliche überall in der EU immer freitags für ein besseres Klima auf der Straße stehen. Sie darf zwar - wie viele ihrer Unterstützer - selbst noch nicht wählen, hatte aber vor der Wahl alle anderen dazu aufgerufen: "Wählt die Zukunft!"

Doch die Lage der grünen Partei in Schweden ist komplizierter. Zum einen hat die Partei, die seit 2014 eine Minderheitsregierung mit den Sozialdemokraten bildet, in der Vergangenheit viele Kompromisse eingehen müssen - so haben sie etwa die Verschärfung der Asylpolitik mitgetragen.

Peter Eriksson von der grünen Partei in Schweden ist nicht erfreut über die Ergebnisse
Janerik Henriksson/ TT/ kod 10010/ picture alliance

Peter Eriksson von der grünen Partei in Schweden ist nicht erfreut über die Ergebnisse

Zum anderen ist die grüne Partei nicht die einzige im Land, die Umweltthemen besetzt. "Bis auf die Schwedendemokraten befassen sich eigentlich alle Parteien mit Umweltthemen und Klimawandel", sagt Sverker Sörlin. Er ist Professor für Umweltgeschichte an der Königlich Technischen Hochschule in Stockholm und einer von acht Experten des schwedischen Klimarats, der die Regierung in Klimafragen berät.

Sörlin hat die Umweltprogramme der Parteien und auch den Werdegang von Greta Thunberg genau verfolgt. Sie sei erst außerhalb ihres Landes zu der Ikone geworden, die sie heute ist, weil diese Art des Klimaaktivismus für andere Länder etwas Neues sei - nicht aber für die Schweden.

Auch die liberale Zentrumspartei wirbt etwa seit Langem mit dem Thema. Sie beschreibt sich als eine "grüne, liberale Partei mit den Füßen auf dem Boden", die es als ihre Aufgabe ansieht, den Klimawandel zu stoppen. Die Vorsitzende der Zentrumspartei, Annie Lööf, lobte Thunberg im März auf Twitter.

Bei den Europawahlen konnte die Partei ihr Ergebnis von 6,49 Prozent bei der vorigen Europawahl 2014 auf 10,8 Prozent verbessern. Die schwedische Zeitung "Dagens Nyheter" schreibt von einem "grün-liberalen Trend".

Einen Greta-Effekt gesteht Sörlin der Partei durchaus zu. "Doch auch die Miljöpartiet de Gröna hat einen solchen Effekt erlebt. Zwar sind ihre Zahlen deutlich geringer als bei der vergangenen EU-Wahl. Doch wenn man sie mit der nationalen Wahl vergleicht, haben sich die Stimmen fast verdreifacht!", so Sörlin.

Als am 9. September 2018 in Schweden gewählt wurde, erhielt die Umweltpartei nur 4,4 Prozent der Stimmen. Es dauerte 131 Tage bis sie dennoch mit den Sozialdemokraten in einer Regierung einzogen.

Einen Greta-Effekt gibt es also doch, auch wenn er nicht so aussieht. Zumindest ein bisschen.

insgesamt 131 Beiträge
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Seite 1
ingen79 28.05.2019
1. Vielleicht haben die
Schweden erkannt, das Klimaschutz zwar wichtig aber nicht das einzig relevante Thema ist
ebmarzt 28.05.2019
2. Miljöpartiet
lässt sich mit unseren Grünen kaum gleichstellen. Die Partei ist in letzten Jahren immer wieder durch Vorschläge aufgefallen, die selbst einem deutschen grünen Hardliner orwellianische Schauer über den Rücken laufen lassen.
Kampfgeist 28.05.2019
3. Children of the - low hanging fruit
In Schweden war Greta mehr eine Medienkuriosität wie die Ludolfs oder Conchita Wurst. Das war hip aber nicht ernst. Dort ist man sich sehr genau bewußt, was man alles für den Klimaschutz tut und wer tatsächlich auf der Welt zum Umdenken gebracht werden müsste. Für die Kids war diese Pseudorevolution wegen "Low hanging fruits" mal ganz nett, naive Fanatiker, die sich von geschürten diffusen Ängsten und der Hysterie anstecken ließen, fand man unter den Erwachsenen aber nur in Deutschland.
moltomuell 28.05.2019
4. Heilig??
Weil es nur in Deutschland "Heilige" gibt, von Obama über, zeitweise, Martin Schulz, Macron und eben Greta. Da ist keine Diskussion möglich, Kritiken sind Majestätsbeleidigung und werden notfalls unterdrückt oder gelöscht. Dazu das Demokratieverständnis von z.B. AKK, was ja leider in der Bevölkerung inzwischen weit verbreitet ist. Wie Ralf Dorschel in der Hamburger Morgenpost den AfD-Wählern das Wahlrecht entziehen wollte, es gibt Beispiele genug, den §5 des Grundgesetzes nich kennen (wollen).
tobih 28.05.2019
5. Mich beschleicht das Gefühl...
...daß Schweden einfach merken, wenn populistische Phrasen gedroschen werden, die in der Realität nicht umsetzbar sind. Kam aus der linkgrünen Ecke schon ein einziges mal eine Aussage WIE die Probleme gelöst werden können? Die Erkenntnis, DASS wir ein Umweltproblem haben, dürfte sich mittlerweile in jeder Partei rumgesprochen haben...
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