Schwedische Urlauber in Tunesien Hatz auf die Wildschweinjäger

Sie waren auf der Jagd - und wurden selbst zu Gejagten: Für 13 Schweden endete die Tunesien-Reise im Chaos. Bürgermilizen hielten sie für Scharfschützen der gestürzten Regierung und schlugen einige von ihnen blutig. Offen ist, ob der Vorfall mit Berichten über inhaftierte Deutsche zusammenhängt.

Aus Tunis berichtet


Die schwedische Reisegruppe, die gerade von einer einwöchigen Wildschweinjagd in den Bergen nahe der tunesischen Stadt Kasserin zurückkam, wollte eigentlich nach Hause. Doch die Heimfahrt endete im Chaos.

"Unser Urlaub war vorbei, wir waren unterwegs zum Flughafen nach Tunis, um über Frankfurt nach Schweden zu fliegen", berichtet der Reiseveranstalter Erik von Eckhardt am Montagmorgen. Er organisiert schon seit 1974 Jagdreisen nach Tunesien.

Dann fuhr die Gruppe direkt in ihr Verderben.

Die 13 schwedischen Jäger verpassten zunächst ihr Flugzeug. So blieben sie am Sonntag in Tunis hängen, einer Stadt im Ausnahmezustand. In der tunesischen Hauptstadt wird derzeit scharf geschossen. Zwei Tage nachdem Präsident Ben Ali abgedankt hat, liefern sich Armee und Polizei mit militanten Anhängern des Despoten heftige Feuergefechte.

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Tunesien: Jagd auf schwedische Jäger
Die Stimmung ist entsprechend nahe an der Panik. Gerüchte kursieren, wonach die Marodeure aus fahrenden Taxis auf Passanten schießen.

Zur selben Zeit fassen die Schweden, die am Flughafen gestrandet sind, einen verhängnisvollen Beschluss: Sie wollen mit Taxis in die Stadt fahren, um dort für die Nacht ein Hotel zu finden. Die Gruppe verteilt sich auf vier Wagen - ihre Jagdgewehre halten sie auf den Knien fest. Jeder der Jäger hat mehrere Waffen bei sich. Sie weisen die Fahrer an, in Richtung Innenstadt zu fahren.

Von den vier Fahrzeugen kommt nur eines ohne Probleme bei einem Hotel an. Die anderen bekommen Schwierigkeiten. Offensichtlich gibt es Sprachprobleme: Einer der Taxifahrer berichtet der Nachrichtenagentur Reuters später, seine Passagiere hätten ihm gesagt, sie wollen auf die Jagd gehen - so wie es die Heckenschützen tun, die in diesen Stunden in der Stadt ihr Unwesen treiben.

Mindestens einer der Fahrer alarmiert daraufhin die Polizei. Der Wagen, in dem Veranstalter von Eckhardt sitzt, wird gestoppt. "Wir wurden von Uniformierten angehalten, die dachten, sie hätten Terroristen gefasst."

Zwei andere Taxis geraten in improvisierte Straßensperren. Bürgerwehren haben sich dort postiert. Als sie die Waffen der Europäer entdecken, glauben auch sie, die Scharfschützen des abgedankten Präsidenten gefasst zu haben.

Für die Europäer beginnt ein Alptraum.

Der Volkszorn entlädt sich. Die Schweden werden aus einem der Taxis geholt und geschlagen. Sie gehen zu Boden, der Mob tritt weiter zu: Die Menschen glauben, sich nun an denen rächen zu können, die in den vergangenen Tagen wahllos Tunesier erschossen haben sollen. Ein zufällig anwesendes Fernsehteam filmt, wie die Schweden attackiert werden.

Ein Fahrzeug ist verschwunden

"Sie haben uns aus den Autos gezerrt, uns wie ausländische Terroristen behandelt. Wir wurden mit Füßen getreten und geschlagen", berichtet der Jäger Ove Oberg der Nachrichtenagentur AFP. Oberg und fünf weitere Schweden hatten demnach zahlreiche blaue Flecken und Abschürfungen erlitten.

Erst Sicherheitskräfte können die Lynchjustiz schließlich stoppen. "Eine unserer Gruppen wurde buchstäblich in letzter Sekunde von der Polizei gerettet", berichtet von Eckhardt am Montag. Die Beamten hätten ein Taxi mit Jägern schließlich mit Blaulicht ins Hotel eskortiert, wo sie blutig und zerschunden eintrafen.

Das dritte Taxi ist auch am Montagmorgen noch verschwunden. Entsprechend angespannt ist Jagdmeister von Eckhardt: "Das letzte Lebenszeichen war ein Anruf gestern. Darin berichteten sie von wütenden Tunesiern, die sie aufhalten", sagt er. Wo seine Jagdfreunde sind, wie es ihnen geht, weiß der Wildschweinjäger nicht. "Ich hoffe, dass sie heute wieder auftauchen und wir abreisen können."

Berichte über verhaftete Deutsche

Ermittlungen gegen die Schweden wird es nicht geben. Offensichtlich gehen auch die Behörden von einem Versehen aus.

In Deutschland sorgten Berichte über die Festnahme von vier Landsleuten zunächst für Unruhe: Ein Polizeivertreter hatte am Sonntag im Staatsfernsehen erklärt, es seien vier bewaffnete Deutsche festgenommen worden, sie seien gemeinsam mit weiteren Ausländern in drei Taxis unterwegs gewesen. Dies bestätigte sich am Montag nicht. Wie eine Sprecherin des Auswärtigen Amts sagte, seien europäische Staatsbürger, aber keine deutschen verhaftet worden.

Mit Material von AFP



insgesamt 171 Beiträge
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Seite 1
Core Dump, 17.01.2011
1. Tja...
...dann wissen die Scheden nun sicherlich wie sich das Jagdwild so fuehlt wenn es abgeballert wird. Sicher ne ganz neue Erfahrung fuer die Flintenschwinger.
bogol 17.01.2011
2. .
Bedauerlich, die waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Gottseidank ist niemand getötet worden. Aber es ist auch nicht wirklich klug, in einem Bürgerkriegsgebiet mit offen geführten Waffen unterwegs zu sein.
frubi 17.01.2011
3. .
Zitat von sysopSie waren auf der Jagd - und wurden selbst zu Gejagten: Für 13 Schweden endete die Tunesien-Reise im Chaos. Bürgermilizen hielten sie für Scharfschützen der gestürzten Regierung und schlugen einige von ihnen blutig. Offen ist, ob der Vorfall mit Berichten über inhaftierte Deutsche zusammenhängt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,739848,00.html
Dumm und Naiv. Wie kann man nur in solch einer Situation und im Bezug auf Ereignisse in der Vergangenheit (Staatsterror westlicher Staaten in anderen Ländern, Putschversuche angeführt von westlichen Geheimdiensten etc.) als Europäer mit Waffen durch Tunesien fahren?
susie.sunshine 17.01.2011
4.
Zitat von sysopSie waren auf der Jagd - und wurden selbst zu Gejagten: Für 13 Schweden endete die Tunesien-Reise im Chaos. Bürgermilizen hielten sie für Scharfschützen der gestürzten Regierung und schlugen einige von ihnen blutig. Offen ist, ob der Vorfall mit Berichten über inhaftierte Deutsche zusammenhängt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,739848,00.html
Wir freuen uns täglich über die Supertitel der Spon-Titel. Weiter so, danke sehr.
Sheol 17.01.2011
5. Mitleid?
Ganz ehrlich? Mein Mitleid hält sich doch arg in Grenzen. Wer in andere Länder fährt, nur, um dort ansässige denkende und fühlende Lebewesen aus reinem Vergnügen als Urlaubserlebnis zu töten, der hat eine ruppige Behandlung verdient.
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