Schweiz Europas Ende am Röstigraben


Zürich - Eine neue Zerreißprobe droht dem oft schwierigen Zusammenleben der Deutsch sprechenden Schweizer mit ihren französischsprachigen Landsleuten am Genfer See, im Jura und dem Unterwallis. Der aktuelle Streit am "Röstigraben", der die Sprachengrenze bildet, entzündet sich am möglichen EU-Beitritt der Eidgenossenschaft.

Bei einer Volksabstimmung zur Initiative "Ja zu Europa", die verlangt, "ohne Verzug Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union aufzunehmen", will am Sonntag eine Mehrheit der Romands mit Ja votieren. Eine große Mehrheit der Deutschschweizer hat laut Umfragen dagegen vor, dem Vorhaben an der Urne eine Abfuhr zu erteilen. Wegen der Deutschschweizer Dominanz (fast zwei Drittel der Bevölkerung) scheint eine landesweite Zustimmung so gut wie ausgeschlossen. Außerdem dürften die konservativen Kantone der deutschsprachigen Zentralschweiz alle Avancen in Richtung EU stoppen - außer der Mehrzahl der Wähler ist auch eine Mehrheit der Kantone für die Annahme der Initiative notwendig.

Deutsch sprechende Hardliner wie Maximilian Reimann von der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei legen den Romands sogar nahe, die Eidgenossenschaft zu verlassen: "Das ewige schlechte Gewissen mit sich herumtragen zu müssen, die Romands fühlten sich wegen uns 'verschlossenen und ewiggestrigen Deutschschweizern' in unserem Land nicht mehr zu Hause, ist auf Dauer unzumutbar."

Den letzten großen Sieg über ihre Landsleute trugen die alemannischen Schweizer 1992 davon. Bei der Abstimmung über den damals geplanten Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) stimmten bis auf Basel-Stadt und Basel-Land die deutschsprachigen Kantone mit Nein. Alle französischsprachigen Kantone sprachen sich für eine EWR-Mitgliedschaft Helvetiens aus. Wie sehr der Röstigraben die Volksgruppen spaltet, fasst in der aktuellen Debatte der Historiker Hans-Ulrich Jost von der Universität Lausanne zusammen: "Je weniger wir uns verstehen und voneinander hören, desto freier fühlt man sich an den Ufern des Genfer Sees."



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