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Schweiz stimmt "gegen Masseneinwanderung" Land des Geldes, Land der Angst

Der Schweiz geht es blendend, doch sie fürchtet sich vor dem Abstieg. Mit dem Ja zu härteren Zuwanderungsregeln zieht sie jetzt die Grenzen hoch. Im Verhältnis zur EU droht eine Eiszeit - und eine neue, noch radikalere Abschottungsinitiative ist bereits geplant.

Berlin/Bern - Man sieht es einem Land an, wenn es ihm gutgeht. Beispiel Zürich in der Schweiz: Wer einige Jahre nicht hier war, erkennt die Stadt kaum wieder. Ganze Viertel mit schicken Wohnungen sind neu entstanden, Bürotürme in die Höhe geschossen. Läden, Restaurants und Bars sind voll. Auch wenn ein kleines Bier locker mal sechs Franken kostet, etwa fünf Euro. Die Leute haben Geld.

Experten sind sich einig: Diesen Wohlstand verdankt die Schweiz ihrer vernetzten Volkswirtschaft. Sie hat enorm profitiert von den offenen Grenzen - und vom Zustrom ausländischer Fachkräfte. Dennoch hat eine hauchdünne Mehrheit der Schweizer für die Abschottungsinitiative der national-konservativen SVP gestimmt; 50,3 Prozent votierten für eine Abkehr von der Politik, die in den letzten Jahren so erfolgreich war.

Wie ist das möglich? Ein wichtiger Grund ist das widersprüchliche Selbstbild des Landes. Die Schweiz sieht sich als Willensnation, als eine Gemeinschaft, die sich dazu entschlossen hat, ein Staat zu sein. Sie ist aber das Gegenteil: Eine Nicht-Willensnation. Die Landesteile leben nicht deshalb gemeinsam in einem Staat, weil es ihr innigster Wunsch wäre. Es ist profaner. Die deutschsprachigen Gebiete wollen nicht zu Deutschland, die Romandie nicht zu Frankreich und das Tessin nicht zu Italien gehören. Also ist man eben Schweizer.

Wer viel hat, der hat viel zu verlieren

Eine Identität, die sich hauptsächlich aus der Ablehnung des anderen ergibt, hat ihre Schwächen. Und seit die Strahlkraft von Wilhelm Tell und den alten Eidgenossen verblasst, fehlt die mythologische Untermauerung des vielbeschworenen helvetischen Sonderfalls. Als Ersatz für eine nationale Idee bleibt da noch der Wohlstand. Reicher zu sein als alle anderen ringsherum - immerhin etwas.

Die Kehrseite: Wer viel hat, der hat auch viel zu verlieren. Und die Aussicht, die angehäuften Franken mit Zuwanderern teilen zu müssen, wächst sich da schnell zur Existenzangst aus. Überspitzt gesagt: Es bleibt nicht mehr viel übrig vom Schweizer-Sein, wenn man auf einen Lebensstandard abrutscht wie in Deutschland oder - Gott bewahre - wie in Frankreich oder gar Italien.

So offen sagt das natürlich niemand. Stattdessen werden vermeintlich rationale Argumente genannt. Überfüllte Züge, Zersiedelung, verstopfte Autobahnen. Sogar liberale Kreise sind empfänglich für solche Das-Boot-ist-voll-Parolen. Politisch korrekt spricht man von "Dichtestress" - und meint eigentlich Angst vor Veränderung. Bedenklich: Die ländlichen Gebiete, die am wenigsten von der Zuwanderung betroffen sind, sagten besonders laut ja zur SVP-Initiative, vor allem in der Deutschschweiz. Die großen Städte dagegen, wo es vielleicht tatsächlich mal etwas enger werden mag in der Tram, lehnten ab.

Öko-Aktivisten und Wachstumskritiker

Wie geht es jetzt weiter? Der sogenannte bilaterale Weg, die sorgsam ausgetüftelte Beziehung zur EU, deren Mitglied die Schweiz nie werden wollte, scheint fortan verbaut. Die Regierung muss versuchen, das Abkommen über die Personenfreizügigkeit neu zu verhandeln. Die Grenzen werden nicht ganz dicht gemacht; es müssen auch nicht alle deutschen Ärzte, portugiesischen Bauarbeiter und italienischen Kellner morgen ausreisen.

Aber es sollen wieder Kontingente für Einwanderer festgelegt werden. Drei Jahre hat Bern dafür Zeit, so will es die Initiative. Von Brüssel dürfte kein Entgegenkommen zu erwarten sein. Die EU hat genug eigene Probleme, umso weniger dürfte sie gewillt sein, der prosperierenden Insel in ihrer Mitte Sonderwünsche zu erfüllen.

Fällt erst mal die Personenfreizügigkeit, werden auch weitere wichtige Verträge mit Brüssel auslaufen, weil sie juristisch miteinander verknüpft sind. Sogar die schweizerische Mitgliedschaft im Schengen-Raum könnte kippen. Luftverkehr, Landwirtschaft, Forschung und Energiewirtschaft dürften als Erste unter der neuen Isolation leiden. Auch viele Firmen würden ausgebremst - wegen Mangel an qualifiziertem ausländischem Personal. Es ist grotesk: Aus Angst vor dem ökonomischen Abstieg haben die Schweizer wieder Grenzen hochgezogen. Sie werden womöglich teuer dafür bezahlen.

Und die Migrationsdebatte wird weitergehen: Eine neue, noch radikalere Abschottungsinitiative ist schon in der Pipeline. Eine Gruppe von Öko-Aktivisten und Wachstumskritikern will die Zuwanderung in die Schweiz auf 0,2 Prozent jährlich begrenzen. Abgestimmt werden soll darüber nächstes Jahr. Vielleicht haben die Schweizer bis dann gemerkt, dass sie ein Teil Europas sind. Wahrscheinlich ist es nicht.

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