Schweizer Streit mit Libyen Gaddafis Geiseln, ein leerer Jet und etwas Gepäck

Alle Rettungsmissionen verliefen bisher im Sand der libyschen Wüste. Seit mehr als einem Jahr hält Staatschef Gaddafi zwei Schweizer Geschäftsleute fest. Selbst ein Solo-Trip von Bundespräsident Merz nach Tripolis brachte die Geiseln nicht zurück - bloß ihr Gepäck. Jetzt steht Merz in der Kritik.
Von Michael Soukup
Bundespräsident Hans-Rudolf Merz: "Der Flieger ist nicht leer zurückgekehrt"

Bundespräsident Hans-Rudolf Merz: "Der Flieger ist nicht leer zurückgekehrt"

Foto: PASCAL LAUENER/ REUTERS

Zürich - Weitab von der Weltpolitik spielt sich zur Zeit ein kleines Drama ab. Wäre es nicht so tragisch, dürfte man ohne schlechtes Gewissen von einer Lachnummer schreiben. Freitagfrüh, um 0.25 Uhr, landete heimlich eine Falcon 50 auf dem Militärflughafen Dübendorf bei Zürich. Der Schweizer Regierungsjet transportierte bloß ein paar Koffer. Zuvor stand das Flugzeug während drei Tagen in der heißen Sonne von Libyens Hauptstadt Tripolis und wartete vergeblich auf zwei Schweizer Geiseln. Die Geschäftsleute werden dort seit über einem Jahr festgehalten.

Derweil die ganze Schweiz den Atem anhält, lässt die Pressestelle der Schweizer Regierung seelenruhig ausrichten: "Die Maschine wird anderweitig benötigt." Wenige Stunde später sagt ein optimistisch lächelnder Bundespräsident Hans-Rudolf Merz in die Mikrofone: "Der Flieger ist nicht leer zurückgekehrt, sondern hatte das Gepäck der beiden dabeigehabt."

Eine Woche zuvor war derselbe Jet schon einmal nach Tripolis geflogen. Diesmal jedoch mit dem Schweizer Bundespräsident an Bord. Nicht zuletzt von Bill Clintons erfolgreicher Nordkorea-Mission inspiriert, hoffte wohl Hans-Rudolf Merz ebenfalls auf eine triumphale Rückkehr mit den Geiseln. Doch der Mann kam mit leeren Händen respektive einem leeren Flugzeug zurück. Schlimmer noch: Merz handelte im Alleingang, ohne dass seine Regierungskollegen, ja nicht einmal die Außenministerin etwas davon wussten. In Tripolis verweigerte ihm der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi ein Treffen. Stattdessen unterschrieb Merz aus schierer Verzweiflung einen ominösen Staatsvertrag, nur damit die Geiseln endlich zurückkehren und die zwischenstaatlichen Beziehungen verbessert werden konnten.

Der 32.000 Franken teure Hin- und Rückflug des leeren Bundesratsjets, wie die Boulevardpresse bald ausrechnete, ist der vorläufige Höhepunkt einer seit über einem Jahr andauernden Strafaktion Libyens. Im vergangenen Juli nahm der Streit seinen Anfang. Damals reisten Gaddafis Sohn Hannibal mit seiner schwangeren Frau Aline nach Genf, um ihr zweites Kind in der Schweiz zur Welt zu bringen. Hotelangestellten fiel auf, dass die Gaddafis ihre beiden Diener brutal behandelten. Sie kontaktierten zuerst die Direktion und schließlich die Polizei.

"Hätte ich eine Atombombe, würde ich die Schweiz von der Landkarte fegen"

Zweimal ließen sich die Beamten von libyschen Diplomaten in der Lobby abwimmeln, beim dritten Mal stürmte ein 21 Mann starkes Polizeikommando die Gemächer der Gaddafis und führte Hannibal in Handschellen ab. Er verbrachte zwei Tage in einem Genfer Untersuchungsgefängnis, wurde verhört und erst gegen eine Kaution von 200.000 Schweizer Franken wieder auf freien Fuß gesetzt.

Die Demütigung des Diktatorenclans war perfekt. Noch in Genf schwörten die Gaddafis Rache: "Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wer angefangen hat, ist im Unrecht!", rief Aischa, Lieblingstochter des Revolutionsführers. Zwei Tage nach der Ausreise Hannibals begann eine beispiellose Racheaktion gegen die Schweiz. Zuerst wurden zwei willkürlich ausgewählte Schweizer Geschäftsleute "wegen Verstoß gegen die Einreisebestimmungen" verhaftet und seitdem als Geiseln in Tripolis festgehalten. Anschließend zog Libyen seinen Botschafter aus Bern ab, erteilte Schweizern keine Visa mehr, ließ sämtliche Niederlassungen Schweizer Konzerne schließen und drehte der Eidgenossenschaft den Ölhahn zu. Selbst die stolze Swiss durfte nicht mehr nach Libyen fliegen.

Doch damit nicht genug. Während die Schweizer Außenministerin Micheline Calmy-Rey eine Entschuldigung ablehnte, nahm der Disput zunehmend groteske Formen an. "Die Schweiz muss zerschlagen und auf ihre Nachbarländer aufgeteilt werden", sagte Muammar al-Gaddafi beim G-8-Gipfel diesen Juli. Und sein Sohn Hannibal legte der britische "Sunday Times" zufolge gleich nach: "Wenn ich eine Atombombe hätte, würde ich die Schweiz von der Landkarte fegen."

Auf den Luxus Genfs möchte der Diktator offenbar weiterhin nicht verzichten. Laut dem Westschweizer Fernsehen hat er erst kürzlich bei der Genfer Uhrenfirma Chopard für acht Millionen Franken eingekauft. Die 250 Uhren sollen am 1. September, dem 40. Jahrestag von Gaddafis Machtergreifung, ausgewählten Gästen überreicht werden.

"Das Vorgehen von Merz war hochgradig unprofessionell"

Selten fühlte sich die neutrale Schweiz so alleingelassen wie in diesen Tagen. Nach dem Steuerstreit mit Deutschland, der Zerschlagung des Bankgeheimnisses durch die Amerikaner und nun die andauernde Demütigung im Streit mit Libyen ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Wäre die Schweiz Mitglied der EU, würden sich wohl die anderen Mitgliedstaaten solidarisch zeigen. Stattdessen beschäftigte die europäische Öffentlichkeit viel mehr, dass weder Russlands Premier Wladimir Putin noch Präsident Dmitrij Medwedew, Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy, Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi noch das spanische Königspaar an der Jubelfeier zu Ehren Gaddafis am kommenden Dienstag teilnehmen werden. In Amerika und der Europäischen Union hatte der Jubel-Empfang für den Lockerbie-Attentäter Abd al-Bassit Ali al-Mikrahi in Tripolis heftigen Unmut hervorgerufen.

Zum außenpolitischen Scherbenhaufen kommt die innenpolitische Konsternierung. Wieder zu Hause hagelte es heftige Kritik für Merz. Nicht wenige Eidgenossen würden gerne ihr eigenes Staatsoberhaupt in die Wüste schicken. "Das Vorgehen von Merz war gottvergessen naiv und hochgradig unprofessionell", schimpfte der Thurgauer CVP-Ständerat Philipp Stähelin in der "NZZ am Sonntag". Selbst aus den Reihen seiner eigenen Partei, der FDP, wurde scharf geschossen: "Merz ist Weltmeister darin, von Fettnapf zu Fettnapf zu hüpfen", sagte Merz' Parteikollegin und Ständerätin Christine Egerszegi der "NZZ am Sonntag".

Es könnte noch weit schlimmer kommen. Nämlich dann, wenn die beiden in Libyen festgehaltenen Schweizer Geschäftsleute, darunter der Direktor der Niederlassung des Technologie-Konzerns ABB, nicht wie versprochen spätestens Ende August zurückkehren. Dann würde der Schweizer Staatspräsident, wie er selbst erklärte, "sein Gesicht verlieren". Ein Rücktritt wäre wohl unvermeidlich. "Nun hat Gaddafi drei Schweizer Geiseln", kommentierte die "NZZ am Sonntag".

Wie der Zürcher "Tages-Anzeiger" gestern aus bisher unveröffentlichten Untersuchungsakten zitierte, hätte die hochschwangere Aline Gaddafi ihre Bedienstete mit hölzernen Kleiderbügeln so lange geschlagen, bis sie jeweils kaputtgingen. Im Hotelkorridor schlug ihr Hannibal Gaddafi unvermittelt ins linke Auge. Der 39-jährige Marokkaner, der seit fünf Jahren Hannibal diente, erzählte der Genfer Polizei, dass ihm zweimal der Arm gebrochen und Zähne eingeschlagen worden. Weil er seinen Dienst quittieren wollte, habe ihn der Sohn des Herrschers im Wüstenstaat sechs Monate eingekerkert.

Nun hat sich Bundespräsident Hans-Rudolf Merz bei den Libyern für das Verhalten der Genfer Polizei entschuldigt. Viele Schweizer werden ihm das nicht verzeihen.

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