Schwere Nato-Angriffe in Libyen Aufständische planen Marsch auf Tripolis

Die Nato überzieht Tripolis mit heftigen Bombenangriffen, auch ein Anwesen des libyschen Diktators war womöglich ein Ziel. Die Rebellen hoffen schon auf ihren endgültigen Sieg, jetzt bereiten sie den Einmarsch in die Hauptstadt vor: "Den K.-o.-Schlag werden wir Gaddafi selbst versetzen."

Rebellen in Westlibyen (Archivbild): "Gaddafi hat sich eine blutige Nase geholt"
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Rebellen in Westlibyen (Archivbild): "Gaddafi hat sich eine blutige Nase geholt"


Bengasi/Istanbul - Die libyschen Rebellen sehen in den intensiven Nato-Luftangriffen der vergangenen Tage eine Vorbereitung für ihren Einmarsch in Tripolis. "Die Zerstörung der Mauern und Tore von Bab al-Asisija bedeutet, dass sich Gaddafi eine blutige Nase geholt hat. Den K.-o.-Schlag werden ihm schon sehr bald die Libyer selbst versetzen", erklärt Guma al-Gamaty, ein Sprecher der Aufständischen, in der Nacht zum Mittwoch via Twitter. Im Stützpunkt Bab al-Asisija befindet sich das Anwesen des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi.

In den Medien der Aufständischen heißt es unterdessen, in der Stadt Jafren südwestlich von Tripolis hätten ihre Kämpfer zahlreiche Waffen der Gaddafi-Truppen erbeutet, die sie für die Schlacht um die Hauptstadt nutzen wollten. Sie rechneten in vier Stadtvierteln von Tripolis mit Unterstützung durch Anhänger der Revolution. Die Aufständischen behaupteten zudem, mehrere Kinder des Machthabers Gaddafi hätten inzwischen das Land verlassen. Sohn Saadi, der einst in Italien als Fußballer angeheuert hatte, sei ausgereist. Gaddafis Tochter halte sich mit ihrer Familie in einem Hotel in Marokko auf.

In der Nacht zum Mittwoch hat die Nato ihre schweren Luftangriffe auf Tripolis fortgesetzt. Die Stadt wurde am frühen Morgen von etwa zehn Explosionen erschüttert. Welche Ziele getroffen wurden, war zunächst nicht bekannt. Wenige Stunden zuvor hatte sich Machthaber Gaddafi in einer unangekündigten Rede weiter kämpferisch gezeigt.

Er werde "bis zum Tod" kämpfen, sagte er in der am Dienstagabend landesweit im Fernsehen ausgestrahlten, etwa zehnminütigen Ansprache. Am Dienstag hatte die Nato die Luftangriffe auf Tripolis verstärkt und auf die Tagesstunden ausgeweitet. Die Militärallianz begann gegen 11.30 Uhr Ortszeit mit einer Serie von mindestens 40 Angriffen tief fliegender Flugzeuge.

Gaddafi hatte nach einer Serie von Nato-Angriffen auf seinen Stützpunkt Bab al-Asisija am Dienstagabend eine Audiobotschaft über das Staatsfernsehen abgesetzt. Darin erklärte er: "Ich bleibe in Tripolis, tot oder lebendig." Regierungssprecher Mussa Ibrahim sprach von 29 Toten bei insgesamt 60 Angriffen am Dienstag.

Keine weitere Unterstützung aus Deutschland

Deutschland hat dem Ruf von Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen nach einer breiteren Lastenteilung in Libyen erneut eine Absage erteilt. "Es bleibt bei unserer Position, was die militärische Aktion betrifft", sagte Verteidigungsstaatssekretär Christian Schmidt (CSU) am Mittwoch auf einem Nato-Verteidigungsministertreffen in Brüssel. Er habe großes Verständnis, dass bei den Hauptakteuren gut zwei Monate nach Beginn der Angriffe "eine gewisse Anspannung" bestehe. Aber Deutschland werde sich weiterhin nicht beteiligen.

Rasmussen will auf dem Treffen bei den Verbündeten um mehr militärisches Engagement für den Kampf gegen Gaddafi werben. Es sei "der Kern der Allianz", dass diejenigen Staaten mit den entsprechenden Fähigkeiten diese auch bereitstellten, hatte er zuvor betont. Bislang sind nur 14 von 28 Nato-Mitgliedern an der Operation "Unified Protector" beteiligt, die Hauptlast liegt bei Frankreich, Großbritannien und den USA.

Unabhängig vom Nato-Militäreinsatz kommen nach Angaben des französischen Außenministers Alain Juppé die diplomatischen Bemühungen um eine Lösung der Libyen-Krise voran. Seine Regierung arbeite auf eine "echte Waffenruhe" mit einem Rückzug von Gaddafis Truppen und einer Uno-Überwachung hin, sagte er am Dienstag bei den Vereinten Nationen in New York. Der Uno-Sonderbeauftragte für Libyen, Jordaniens früherer Außenminister Abdul Ilah Khatib, werde diese Woche von seinen Vermittlungsgesprächen berichten, sagte Juppé.

Khatib war am Wochenende nach Tripolis geflogen und soll am Donnerstag am Treffen der Kontaktgruppe für den Libyenkonflikt in Abu Dhabi teilnehmen. Dort will Frankreich nach Worten Juppés Vorschläge für eine Waffenruhe und für Gaddafis Rückzug von allen politischen und militärischen Aufgaben vorlegen.

In Deutschland hatte der außenpolitische Sprecher der Unionsbundestagsfraktion, Philipp Mißfelder (CDU), mehr Klarheit über die Kriterien, nach denen die Nato Auslandseinsätze beenden kann, gefordert. In Afghanistan habe man den Fehler gemacht, nicht vorher zu sagen, unter welchen Bedingungen man das Land wieder verlassen werde, sagte Mißfelder dem Radiosender MDR Info. Vor einer ähnliche Frage stehe man jetzt in Libyen, auch wenn die Probleme in Afghanistan deutlich gravierender seien. Deshalb müsse man eine Diskussion führen, wie und nach welchen Kriterien man Einsätze bewerten wolle. Daraus müssten dann Schlussfolgerungen gezogen werden, auch in Richtung Abzug, sagte Mißfelder.

anr/dpa/dapd

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