Schwerer Schlag Iraker melden Festnahme von al-Qaidas Kriegsminister

Abu Ajjub al-Masri gilt als Chefplaner aller Qaida-Aktivitäten im Irak - jetzt meldet das Verteidigungsministerium des Landes seine Festnahme. Wie bei seinem Vorgänger Abu Musab al-Sarkawi soll Verrat im Spiel gewesen sein. US-Armee und al-Qaida haben die Meldung noch nicht bestätigt.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Sollte die Meldung über die Festnahme stimmen, dann dürfte Abu Ajjub al-Masri seit Donnerstagabend der weltweit begehrteste Gefangene im "Krieg gegen den Terror" sein. Denn der Mann, der auch als Abu Hamza al-Muhadschir bekannt ist, ist der "Kriegsminister" al-Qaidas im Irak.

Der "Kriegsminister": Dieses Bild soll Abu Ajjub al-Masri zeigen
AFP

Der "Kriegsminister": Dieses Bild soll Abu Ajjub al-Masri zeigen

Und da er, anders als sein Vorgänger Abu Musab al-Sarkawi, offenbar lebendig gefasst wurde, werden die Iraker und die Amerikaner alles daran setzen, so viel wie möglich von seinem Wissen über Strukturen, Führungspersonal, Planungen und Ressourcen der irakischen Filiale von Osama Bin Ladens Terrornetzwerk in Erfahrung zu bringen.

Noch allerdings beruht die Meldung allein auf der Aussage irakischer Beamter. Zwar war es immerhin der Sprecher des irakischen Verteidigungsministeriums, der am Donnerstagabend mitteilte, dass die Polizei in der nordirakischen Stadt Mossul einen Qaida-Führer festgenommen habe, der bereits im Zuge "einer ersten Untersuchung" zugegeben habe, Abu Ajjub al-Masri zu sein. Aber noch ist Skepsis angebracht. Schließlich hat das irakische Innenministerium im Mai vergangenen Jahres auch schon einmal den Tod Abu Ajjubs verkündet. Zur Stunde kann außerdem niemand ausschließen, dass der festgenommene Mann nicht mit Absicht falsche Angaben gemacht hat.

Bis zum frühen Freitagmorgen bestätigten jedenfalls weder die US-Armee noch al-Qaida selbst die Behauptung der Iraker. Im auch für den Irak zuständigen Zentralkommando der US-Armee hieß es lediglich: "Wir prüfen das noch." Noch befinde sich der Mann in den Händen der Iraker. Agenturen meldeten allerdings wenig später, der Festgenommene sei an die USA übergeben worden. Aus dem US-Verteidigungsministerium verlautete lediglich, das alles sei eine "sensible Sache" - es gelte abzuwarten.

Ein "tugendhafter" Bruder mit Erfahrung

Abu Ajjub al-Masri war von al-Qaida im Irak nach dem Tod ihres Gründers Abu Musab al-Sarkawi auf den Schild gehoben worden. "Das Ratgebergremium der Mudschahidin der irakischen al-Qaida hat sich darauf geeinigt, dass Scheich Abu Hamza al-Muhadschir der Nachfolger des Scheichs Abu Mussab al-Sarkawi als Befehlshaber der Organisation al-Qaida sein soll": So teilte es das Terrornetzwerk am 12. Juni 2006 in einer offiziellen Erklärung mit. Al-Sarkawi, ein Jordanier, der einen maßgeblichen Anteil daran hatte, dass der Irak in Gewalt versank, war durch einen US-Bombenangriff getötet worden.

Viele Details über den neuen "Amir" Abu Hamza enthielt das Kommuniqué seinerzeit nicht. Mitgeteilt wurde lediglich, er sei ein "tugendhafter Bruder", habe Erfahrung und sei gebildet.

Seitdem ist nicht viel an Erkenntnissen über den Mann hinzugekommen. Die USA sind überzeugt, dass es sich bei ihm um einen Ägypter handelt, der sich Anfang der achtziger Jahre der Terrorgruppe al-Gihad anschloss, die damals von Aiman al-Sawahiri geführt wurde, heute die Nummer zwei al-Qaidas nach Osama Bin Laden.

Abu Ajjub soll ein Bombenbau-Experte sein - und ein Afghanistanveteran, gut vernetzt mit den Resten der zentralen Führung des Netzwerks, die heute eher in Pakistan als in Afghanistan vermutet wird. Angeblich half er al-Sarkawi dabei, die ersten Qaida-Zellen im Zweistromland aufzubauen. Als sicher gilt, dass sowohl Abu Ajjub als auch Abu Hamza Kampfnamen sind - sein Klarname ist umstritten.

Vom Sarkawi-Nachfolger zum Kriegsminister

Im Oktober 2006 gründete al-Qaida im Irak einen Phantasiestaat, den "Islamischen Staat Irak" - nicht zuletzt mit der klaren Absicht, sich einen irakischeren Anstrich zu geben. Das sollte die Skepsis der Iraker zerstreuen, dass dort eine militante Gruppe am Werk ist, die sich für das Zweistromland in Wahrheit gar nicht interessiert - sondern den Irak nur als Basislager für den weltweiten Dschihad betrachet.

Für Abu Ajjub hatte dieser Schritt zwei Folgen: Zum einen wurde er zum "Kriegsminister" ernannt. Zum anderen setzte man ihm quasi einen Vorgesetzten vor die Nase: Abu Omar al-Baghdadi durfte sich fortan Regierungschef und "Anführer der Gläubigen" nennen. Um diesen Mann ranken sich noch mehr Mythen - sie reichen von der Behauptung, dass es ihn gar nicht gibt, bis zu der angeblichen Erkenntnis, dass er ein Ex-Offizier der alten irakischen Armee Saddam Husseins ist.

Fortan übernahm Abu Omar al-Baghdadi die Rolle des ideologischen Lautsprechers und religiösen Führers. Abu Ajjub allerdings gilt den Analysten der meisten Geheimdienste zufolge als der eigentliche Vordenker der Anschläge al-Qaidas im Irak. Aus diesem Grund könnte sich seine Festnahme - so sie sich bestätigt - auch als schwerer Schlag gegen das ohnehin angeschlagene Terrornetzwerk erweisen.

Ab und an wandte sich Abu Ajjub durchaus auch selbst zu Wort: zum Beispiel mit Aufrufen, Menschen aus dem Westen zum Zweck von Freipressungen zu entführen - oder die Tatsache zu feiern, dass schon 4000 US-Soldaten im Irak gestorben sind.

Den am Donnerstagabend aus Bagdad eintrudelnden Berichten zufolge wurde Abu Ajjub aus demselben Grund gefasst, aus dem auch al-Sarkawi sterben musste: Verrat. Einem Sprecher des irakischen Innenministeriums zu Folge erhielt die Polizei in Mossul einen Hinweis auf den Aufenthaltsort des Terrorführers - von einem Mann aus seinem Umfeld. Immerhin fünf Millionen Dollar hatten die USA für solche Tipps geboten.

Die Reaktionen schwanken zwischen Panik un Gelassenheit

Für al-Qaida im Irak dürfe es vor allem ein Problem sein, dass ihr Anführer anscheinend lebendig gefasst wurde. Nach dem Tode Sarkawis konnte man diesen als Märtyrer verkaufen: "Wer für Abu Musab gekämpft hat - Abu Musab ist tot. Wer aber für Gott kämpft - Gott lebt", erklärte die Terrortruppe damals. Eine Festnahme mit anschließenden Verhören birgt hingegen große Risiken für die verbleibenden Führungsfiguren.

Die Anhänger al-Qaidas im Internet reagierten in der Nacht zum Freitag uneinheitlich - die Stimmung wechselte zwischen Panik ("Der Kriegsminister wurde festgenommen!") und Gelassenheit ("Abu Musab ist tot, Abu Laith al-Libi ist weg, aber hat das den Dschihad etwa geschwächt?").

Allerdings wartet man auch in diesen Kreisen auf eine Bestätigung und traut den bisherigen Informationen nicht: "Es ist nicht das erste Mal, dass der Tod oder die Festnahme von Abu Hamza verkündet wird!"

Trotzdem: Unter Terrorexperten gilt es mittlerweile als gesicherte Erkenntnis, dass al-Qaida im Irak an Prestige, Ressourcen und Kapazitäten eingebüßt hat. Zwar ist die Organisation nach wie vor sehr aktiv; aber sie sieht sich einer wachsenden Allianz von Gegnern gegenüber, nicht zuletzt aus dem Lager der irakischen Stämme. Mit Hilfe von Hinweisen aus diesen Reihen konnte al-Qaida aus einigen Provinzen des Landes praktisch vertrieben werden.

Falls die Meldung von Abu Ajjubs Festnahme stimmt, werden al-Qaidas Probleme im Irak noch größer. Ein neuer Chef müsste ernannt werden - und der wäre wahrscheinlich noch weniger bekannt als Abu Ajjub oder Abu Omar. Eine Truppe, die von Phantomen geführt wird, ist aber für die potentiellen Sympathisanten nicht mehr sonderlich attraktiv.



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