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08. April 2012, 07:13 Uhr

Homosexualität in Palästina

"Es ist besser, du stirbst"

Von Gil Yaron, Tel Aviv

Homosexualität ist in Palästina verpönt - wer sich outet, riskiert sein Leben. Von der Familie verstoßen, bleibt Hunderten Schwulen nur die Flucht über die Grenze nach Israel. In Tel Aviv lockt die grenzenlose Freiheit, doch viele scheitern und enden im Elend.

Sein erstes Mal mit einem Mann wurde Jussuf zum Verhängnis. 13 Jahre war der Palästinenser, als ihn ein fast zehn Jahre älterer Nachbar verführte. Sie wurden erwischt. An diesem Tag endete seine Jugend. So erzählt es Jussuf, inzwischen 28, ein hagerer Mann mit eingefallenen Augen. "Meine Sippe konnte dem Nachbarn nichts anhaben. Er stammt aus einer mächtigen Familie. Also wurde ich zur Rechenschaft gezogen, weil ich Schande über die Familie brachte." Man schlug ihn krankenhausreif, er trug eine Gehirnerschütterung und Knochenbrüche davon. "In Hebron konnte ich jetzt nicht mehr bleiben." Der Junge musste seine Geburtsstadt verlassen.

Die Flucht führte nach Ostjerusalem, zu arabischen Freunden, die ihn versteckten. Er arbeitete auf dem Gemüsemarkt. Als er 16 war, griffen israelische Polizisten Jussuf auf - er war ein illegaler Einwanderer: "Die Beamten setzten mich an einem Checkpoint nahe der Stadt ab. Ich wusste, es wird gefährlich heimzukehren, aber ich hatte keine Wahl. Mein Geld war in Jerusalem", sagt Jussuf. Im Gesicht und am Körper sind Narben zu sehen.

Daheim in Hebron erwartete ihn seine wütende Familie. "Zwei meiner Brüder und drei Cousins waren im Wohnzimmer, mein Vater war auch da. Sie warfen mir vor, dass sie meinetwegen keine Ehepartner finden. Weil Palästinenser glauben, dass Homosexualität genetisch veranlagt ist, wollte niemand meine 14 Geschwister heiraten." Jussufs Verwandte wollten die "Familienehre" wiederherstellen: "Es ist besser, du stirbst!", sagte einer seiner Brüder und stach ihm einen Dolch in die Brust. "Danach sperrten sie mich in ein Zimmer, damit ich dort verblute." Sein kleiner Bruder rettete ihm das Leben: "Er kam in der Nacht, öffnete mir die Tür, und ich floh."

Jussuf war auf sich gestellt: "Polizei? Was ist das?", fragt er ironisch. "Palästinas Polizei mischt sich nicht in Familienangelegenheiten ein. Homosexualität gilt als unmoralisch, unislamisch. Deswegen stört es niemanden, wenn Schwule sterben", erzählt Jussuf. "Im Gegenteil: Es wird erwartet, dass die Familien sich selbst um Problemfälle kümmern."

Verstoßen, verfolgt, verraten

Es ist schwer, mehr Feinde zu haben als ein "Luti". So nennen Palästinenser Homosexuelle, in Anspielung an den biblischen Lot. In ländlichen Gebieten, wo die Zentralgewalt der Palästinensischen Autonomiebehörde schwach ist, ist die Lage schlimmer als in Hebron: "Große Sippen sorgen dort für Ordnung", sagt Jussuf: "Wer aus der Reihe tanzt, hat schnell durchlöcherte Kniescheiben oder eine Kugel im Kopf. Zwei schwule Freunde wurden in den vergangenen vier Jahren auf einem Hügel neben ihrem Dorf erschossen. Ein weiterer wurde auf dem zentralen Platz seines Dorfes gehängt", berichtet Jussuf. Es wusste nur einen Ausweg: "Ich musste nach Tel Aviv."

Tel Aviv gilt in der arabischen Welt als Sinnbild des verhassten zionistischen Judenstaats. Sie steht aber auch, sagt Jussuf, für "absolute Freiheit. Hier ist das Paradies". Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück. In Tel Aviv fühlt er sich sicher.

Doch der Neubeginn in der Großstadt war schwer. "Ich wohnte bei einem anderen Schwulen aus Hebron in Tel Aviv. Als Illegaler konnte ich aber keine Arbeit finden." Also prostituierte er sich sechs Jahre lang: "Das war am Anfang richtig gutes Geld", erzählt er, "bis zu 1000 Euro am Tag". Ein Jahr später verliebte sich Jussuf in einen Juden: "Das war meine erste echte Beziehung. Wir liebten uns." Jussuf nahm nun auch Drogen: "Ich habe alles ausprobiert", sagt er mit rauer Stimme. Jussuf bezahlte für seine Sucht mit Diebesgut. Nach drei Jahren wurde er erwischt und kam für fünf Jahre ins Gefängnis. Als sein Freund die Wahrheit erfuhr, war es aus.

Zu diesem Zeitpunkt trat Schaul Ganon in Jussufs Leben. Er ist eigentlich Gärtner, aber seit rund 15 Jahren kümmert er sich ehrenamtlich im Auftrag der israelischen Vereinigung der Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgenders (GLBT) um palästinensische Homosexuelle, die nach Israel flüchten: "Jeder versucht, sie auszunutzen", sagt Schaul. "Bei Palästinensern gelten sie als Spitzel der Israelis. Israels Geheimdienst sieht sie als leicht manipulierbare Personen, aus denen man Informationen pressen kann. Ihre Familien betrachten sie als Schandfleck. Für Israels Polizei sind sie ein Sicherheitsrisiko."

"Geh nach Hause, Gott hat dich schon genug gestraft"

Jussufs Geschichte sei tragisch, "für einen 'Luti' aber typisch", sagt Schaul. Etwa 1000 "Lutis" leben heute in Israel, davon rund 400 in Tel Aviv. "Wenn wir uns nicht um sie kümmern, haben sie niemanden", sagt Schaul, der Jussuf vor zwölf Jahren vom Straßenstrich auflas. Am schlimmsten sei für viele die Hoffnungslosigkeit. "Fast jeder geflüchtete Palästinenser, den ich kenne, hat mindestens einmal versucht, sich das Leben zu nehmen", sagt Schaul. Jussuf hat bereits sieben Selbstmordversuche hinter sich. Schaul weiß nur einen guten Rat: "Verlasst das Land."

Doch Jussuf will bleiben, um jeden Preis. "No way! Ich gehe hier nie weg", sagt er. "Es ist nirgends besser als in Tel Aviv. Seit ich hier lebe, habe ich noch nie Rassismus erfahren. Sogar während der Zweiten Intifada, als hier überall von Palästinensern die Busse in die Luft gesprengt wurden." Mehr als 40 Mal setzten Polizisten ihn bereits im Westjordanland ab, aber Jussuf fand immer den Weg zurück. "Ich kenne schon alles: die Beamten, die Zellen, die Fragen und die Tricks, um über die Grenzanlagen zu kommen", sagt er. Entweder geht er durch die Wüste, klettert in Jerusalem über die Mauer oder nimmt eine Route im Norden: "Da kann man sich nachts über die Felder schleichen. Schaul wartet auf der anderen Seite mit dem Auto."

Jüdische Polizisten flößen Jussuf keine Angst mehr ein: "Die behandeln mich mit Respekt. Gegen Ende ihrer Schicht lassen sie mich oft einfach ziehen. Sie wissen, dass ich heute keinen Schaden mehr anrichte. Sie haben keine Lust auf den ganzen Papierkram", sagt Jussuf und grinst. Der Mitgliedsausweis des Schwulenvereins sei bei jüdischen Polizisten hilfreich: "Die sagen manchmal: Was, du bist Araber und schwul? Geh nach Hause, Gott hat dich schon genug gestraft."

Inzwischen träumt Jussuf wieder. Nach einer Entziehungskur in Israel ist er seit 13 Monaten und drei Tagen clean. "Ich will Koch werden", sagt er. Am innigsten wünscht er sich, "eines Tages ohne Angst durch Tel Aviv gehen zu können, hier zu arbeiten und zu leben". Doch die israelische Staatsbürgerschaft will er nicht. "Ich bin ein stolzer Palästinenser. Ich werde mein Volk und mein Land nie verraten", sagt er, "auch wenn es mich verraten hat".

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