Schwulen-Parade in Moskau Russlands Radikale hetzen gegen Homosexuelle

Diskriminiert, verfemt, verprügelt: Homosexuelle leben in Russland gefährlich. Trotz Verbots wollen sie beim Eurovision Song Contest Mitte Mai für ihre Rechte demonstrieren. Ihre Gegner machen Front - und sammeln Unterschriften gegen die vermeintlichen "Missgeburten".

Eigentlich sehen sie harmlos aus, ganz so, als sammelten sie Geld für bedrohte Tierarten. Rund ein Dutzend Menschen hat sich am Nachmittag auf dem Moskauer Puschkin-Platz eingefunden. Damen und Herren zwischen 30 und 50 Jahren, gepflegte russische Mittelschicht. Doch sie predigen Hass gegen jene, die anders sind. "Moskau ist nicht Sodom", steht auf einem Transparent, und "Unterschreiben Sie gegen die Parade der Missgeburten".

Die Aktion zielt gegen die "Moscow Gay Pride", eine Demonstration von Homosexuellen, die Mitte Mai in Moskau stattfinden soll. Auf ihrem Flugblatt sind schrill geschminkte Transvestiten abgebildet - und die Schule von Beslan. Dort, im russischen Nordossetien, stürmten tschetschenische Terroristen 2004 eine Schuleinführungsfeier und hielten tagelang mehr als 1200 Kinder und Erwachsene gefangen. Hunderte starben beim blutigen Ende des Geiseldramas.

"Homosexualität ist doch dasselbe wie Terrorismus", behauptet einer der Aktivisten vom Puschkin-Platz. Er und seine Mitstreiter nennen sich "Rechtgläubige Front"; interessierten Passanten erzählen sie, dass die Gay Parade eine Provokation gegen die Regierung sei und Reklame für die Homosexualität. Viele unterschreiben gern.

Auf der anderen Straßenseite steht Nikolaj Alexejew und schüttelt den Kopf. "Schauen Sie sich das an", sagt der blonde junge Mann, "das ist Russland im 21. Jahrhundert." Näher traut er sich nicht heran, man könnte ihn erkennen: Alexejew ist Hassfigur Nummer eins für Leute wie die Mitglieder der "Rechtgläubigen Front". Er ist der Organisator der Moskauer Schwulen-Parade.

Seit 2006 versucht Alexejew jedes Jahr aufs Neue, eine Genehmigung für den friedlichen Demonstrationszug der Schwulen und Lesben zu erhalten. Jedes Mal hat der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow das, wie er sagt, "satanische Treiben" verboten. Als die Aktivisten sich trotzdem versammelten, marschierten rechtsradikale Schläger und orthodoxe Gläubige mit Kruzifixen und Ikonen auf. Polizisten sahen seelenruhig zu, wie Skinheads die Schwulen beschimpften, bespuckten und verdroschen. Im Sommer 2006 wurde auch Volker Beck, Bundestagsabgeordneter der Grünen, verletzt, 2007 von der Miliz abgeführt.

Teilnehmer der Parade wurden fristlos entlassen

Gewalt und Diskriminierung gehören für Russlands Homosexuelle zum Alltag: Regelmäßig werden Schwulen-Clubs von Hooligans überfallen, bekennende Homosexuelle werden von Veranstaltungen ausgeschlossen, aus Wahllokalen gedrängt. Teilnehmer vergangener Schwulen-Paraden wurden fristlos und ohne Begründung entlassen, nachdem ihre Arbeitgeber sie im Fernsehen erkannt hatten. Anfang Oktober 2008 sabotierten Behörden in St. Petersburg ein Kulturfestival, das von einer Lesbenbewegung organisiert wurde. Zum Auftakt der Veranstaltung rückten Miliz und Feuerwehr an, sie sperrten den Veranstaltungsort, vorgeblich aus Brandschutzgründen.

Theoretisch verbietet die russische Verfassung solche Diskriminierung. Theoretisch muss Russland als Mitglied des Europarats auch die Meinungs- und Versammlungsfreiheit garantieren. Doch die Realität sieht anders aus: Zweifelhafte Gruppierungen wie die "Rechtgläubige Front" dürfen in aller Öffentlichkeit Hetze betreiben, Schwule und Lesben aber müssen sich verstecken.

Um auf diese Missstände aufmerksam zu machen, haben Alexejew und seine Mitstreiter die Schwulen-Parade in diesem Jahr auf den 16. Mai gelegt, den Tag, an dem ganz Europa zum Finale des Eurovision Song Contest nach Moskau schauen wird. Sie hatten gehofft, dass die Demonstration deshalb erstmals genehmigt werde. Vergeblich: Solche Paraden habe es noch nie gegeben und so werde es auch bleiben, verkündete die städtische Verwaltung am Donnerstag. "Ich hatte angenommen, dass unsere Regierung etwas cleverer ist", kommentiert Alexejew bitter. "Bilder von Menschen, die auf der Straße verprügelt werden, sind nicht gerade positiv für Russland." An dem Plan für die Demonstration ändere das Verbot aber nichts.

"Moskau ist meine Stadt"

Mit Anzug, Schlips und Notebook-Tasche sieht der 31-Jährige aus wie ein ganz normaler Moskauer Businessman. Aber sein "Business" ist bereits seit dem Studienabschluss der Kampf für die eigenen Rechte. Alexejew wollte an der Moskauer Staatlichen Universität über die rechtliche Situation Homosexueller in Osteuropa promovieren. Das Thema wurde abgelehnt, er zog erfolglos gegen die Entscheidung vor Gericht. Seit 2005 betreibt Alexejew das Internet-Portal "Gay Russia".

Er bewundert, wie frei Homosexuelle in westlichen Großstädten leben. Im September hat er in Genf seinen langjährigen Lebensgefährten geheiratet. Das Paar lebt nun halb in der Schweiz, halb in Moskau. Die russische Hauptstadt komplett zu verlassen, kam Alexejew nie in den Sinn. "Moskau ist meine Stadt", sagt er. "Ich habe meine Freunde hier und meine Familie." Außerdem sei es nicht so, wie Bürgermeister Luschkow behauptet, dass 99 Prozent der Moskauer gegen die Schwulen-Parade seien. Wenigstens der Hälfte sei es egal.

Doch Umfragen sehen etwas anders aus: 80 Prozent der Russen halten Homosexualität für unmoralisch, ermittelte das unabhängige Meinungsforschungsinstitut Lewada im vergangenen Jahr. Ein Moskauer Radiosender kam vor ein paar Tagen zu einem ähnlichen Ergebnis: Vier von fünf Anrufern fanden, dass die Stadtverwaltung das Recht habe, die Schwulen-Demo zu verbieten, verkündete eine fröhliche Moderatorin. Dann wurden Anrufe eingespielt. "Wir sind ein rechtgläubiges Land", mahnte da eine Frau. "Warum fahren die nicht nach Amsterdam?", fragte ein anderer. Und ein dritter druckste herum: Eigentlich habe er nichts gegen Schwule, aber müssen die sich unbedingt öffentlich zeigen?

Auch die Kirche geißelt die vermeintliche "Unzucht"

Homosexualität war zu Sowjet-Zeiten ein Tabu, und sie ist es in fast allen Staaten der ehemaligen UdSSR geblieben. Bis 1993 war es in Russland noch strafbar, gleichgeschlechtliche Liebe zu praktizieren. Seit 2002 kämpft eine Gruppe Parlamentarier darum, die Strafe wieder einzuführen. An dieser Stimmung hat das Wiedererstarken der russisch-orthodoxen Kirche seinen Anteil, auch wenn sich Kirchenvertreter von Gewalt distanzieren. "Die Kirche ist dagegen, dass diese Menschen verfolgt oder beleidigt werden", sagte Kirchenoberhaupt Metropolit Kyrill zu Jahresbeginn in einem Interview mit dem SPIEGEL. Die Schwulen-Parade sei aber eine aufdringliche Zurschaustellung von Unzucht und zersetze die öffentliche Moral.

Aufdringlich aber waren die bisherigen Kundgebungen beileibe nicht. Die bescheidenen Demonstrationen der vergangenen Jahre hatten mit den schrillen, exzentrischen Partys der weltweiten Christopher Street Days nichts gemein. Den Moskauer Schwulen und Lesben geht es nicht um ein farbenfrohes Straßenfest, ein großes Spektakel - es geht ihnen schlicht um Bürgerrechte.

"Wenn die Schwulen-Parade in Russland eines Tages eine Party sein wird", sagt Alexejew, "dann wird sie mich nicht mehr interessieren."

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