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10. Juli 2014, 18:01 Uhr

Grenze zwischen Israel und Gazastreifen

Im Raketenhagel der Hamas

Aus Sderot berichtet

An der Grenze von Israel zum Gazasteifen leben die Menschen in Angst vor den Hamas-Raketen - und unter dem Abwehrschirm Iron Dome. Wenn die Sirenen heulen, bleiben Sekunden.

Man ist den Krieg gewohnt, im beschaulichen Sderot mit seinen breiten Palmenstraßen. Von der israelischen Stadt ist der Gazastreifen gerade mal einen guten Kilometer entfernt, dort herrschen die Islamisten. Man sieht die grauen Hochhäuser in der Ferne. Ertönen die Sirenen in Sderot, bleiben normalerweise noch 15 Sekunden, um Schutz zu suchen, bis die Rakete einschlägt. Doch dieses Mal ist etwas anders.

"Tel Aviv, Tel Aviv!", rufen die israelischen Journalisten aufgebracht, die von einem Hügel bei Sderot den Gazastreifen beobachten. Aus dem palästinensischen Gebiet steigen gerade zwei Raketen auf. Ihre Kondensstreifen weisen hoch in den Himmel und dann nach Norden in Richtung der israelischen Küstenstadt. Sie sollen in Tel Aviv einschlagen.

Schon wieder sind es zwei größere Raketen, die da vom Gazastreifen starten: iranische Fadschr oder syrische M302. Ihre Reichweite liegt bei bis zu 150 Kilometern - eine erhebliche Bedrohung für Israel. Plötzlich heulen nicht nur in Sderot täglich die Warnsirenen. Die Stadt kann mit den kleinen selbst gebastelten Kassam-Raketen der Hamas erreicht werden. Auf einmal flüchten die Menschen auch im Zentrum Israels jeden Tag in die Schutzräume.

"Die wissen, wie man schmuggelt"

"Das ist eine neue Entwicklung", sagt Major Arye Sharuz Shalicar, ein Sprecher des israelischen Militärs. "Dieses Mal trifft es deutlich häufiger auch Tel Aviv, Jerusalem und sogar Städte darüber hinaus." Er hat als Militärsprecher schon den Gazakrieg 2012 begleitet.

Der Major schätzt, dass die Milizen im Gazastreifen insgesamt einige Hundert importierte Raketen mit einer Reichweite über 100 Kilometer haben und Tausende selbst gebastelte kleine Exemplare. Wie die Raketenteile ins abgeriegelte Gaza gelangt sind, kann der Soldat nur vermuten: "Die wissen, wie man schmuggelt."

Hinter ihm steigen zwei israelische Raketen mit lautem Dröhnen in die Luft. Hier ist Israels "Eiserne Kuppel" im Einsatz, ein Raketenabwehrsystem, das feindliche Geschosse in der Luft zerstört, wenn sie auf bewohntes Gebiet zusteuern. Weiße Kondensstreifen kringeln sich in den blauen Himmel, eine Explosion ist zu hören - getroffen, die anfliegenden Feindesraketen sind vernichtet. Das Heulen der Warnsirenen stoppt.

"Das Militär soll den Job dieses Mal zu Ende bringen"

In Sderot zittern die Hände von Hava Gads Hände jedes Mal, wenn sie die Sirenen hört. Die 49-Jährige im olivfarbenen Sommerkleid hat sich als eine von Wenigen kurz vor die Haustür gewagt. Sie muss Brot einkaufen. Ihr Auto parkt sie in zwei Meter Entfernung vom Laden - schnell rein, schnell wieder raus. Die Frau wirkt gehetzt. Ihre kurzen schwarzen Haare stehen in alle Richtungen ab. Die vergangenen Tage der Alarmbereitschaft haben ihre Spuren hinterlassen.

"Normalerweise gehen wir immer nach Tel Aviv zu meiner Schwester", sagt sie. Sie meint Zeiten, in denen der Konflikt eskaliert: Wenn Israel Ziele in Gaza bombardiert und die Hamas mit ihren Raketen das Leben in Südisrael stilllegt. "Dieses Mal habe ich meiner Schwester gesagt: 'Kommt her zu uns. Wir bekommen nur die Kassam-Raketen ab, ihr die großen.'" Nachdenklich fügt sie hinzu: "Jetzt weiß sie, wie wir uns fühlen."

Der 42-jährige Yuval Shitrit hat sich ebenfalls kurz auf die Straßen von Sderot getraut für letzte Besorgungen. Er will mit seinen Kindern die Stadt später noch verlassen - eine Woche Spontanurlaub am Toten Meer, fern des Krieges. Ans Mittelmeer, nur wenige Minuten entfernt, traut sich keiner. Der Strand ist leer. Immer wieder heult der Raketenalarm. Schutz gibt es dort nicht - genauso wenig wie für die Menschen im Gazastreifen.

"Ich sage es nicht gern, aber ich bin froh, dass es dieses Mal auch Tel Aviv trifft", sagt Yuval Shitrit. "Jetzt sehen sie, wie es uns hier seit Jahren geht." Er fordert ein entschiedenes Vorgehen des Militärs im Zweifelsfall bis hin zur Bodenoffensive. "Ich hoffe, dass sie dieses Mal den Job zu Ende bringen" sagt er, "wir können so nicht weiterleben."

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