Deutsche Helfer im Mittelmeer "Ohne die Kirchen könnten wir nicht mehr retten"

Hilfsbedürftige Menschen an Bord, kein Hafen nimmt sie an: In dieser Situation befindet sich die deutsche Crew der "Alan Kurdi", dem derzeit einzigen Seenotrettungsschiff auf dem Mittelmeer. Deren Sprecher schildert, warum der Helferjob immer schwieriger wird.
Ein Interview von Steffen Lüdke
Gerettete Migranten an Bord der "Alan Kurdi" (03.04.2019)

Gerettete Migranten an Bord der "Alan Kurdi" (03.04.2019)

Foto: Fabian Heinz/ Sea-eye.org/ AP/ DPA

Als einziges privates Schiff hilft die deutsche "Alan Kurdi" derzeit schiffbrüchigen Flüchtlingen. Vor der libyschen Küste hat die Crew 64 Menschen retten können, darf aber keinen italienischen oder maltesischen Hafen anlaufen. Vor allem Italiens Innenminister Matteo Salvini macht Stimmung gegen die deutschen Seenotretter. Sein Kommentar: "Soll sie doch nach Hamburg fahren."

Im Interview spricht Sea-Eye-Vorstand Gorden Isler über die Situation an Bord, die Kooperation mit der libyschen Küstenwache - und er erklärt, warum seine Organisation plötzlich Probleme hat, die Missionen zu finanzieren.

SPIEGEL: Herr Isler, wie ist die Situation an Bord?

Gorden Isler: Schlecht. Die Menschen frieren, ihre Kleidung ist durchnässt. Viele sind seekrank. In den vergangenen Tagen hatten wir zwei medizinische Notfälle: Eine junge Frau aus Nigeria litt unter Bewusstseinsstörungen, ihr Kreislauf kollabierte. Eine andere schwangere Nigerianerin hatte einen epileptischen Anfall. Die maltesische Armee musste beide Frauen evakuieren.

Zur Person
Foto: Erik Marquart

Gorden Isler, Jahrgang 1982, ist Sprecher von Sea-Eye. Die Organisation ist seit April 2016 vor der libyschen Küste im Rettungseinsatz. Isler fährt hin und wieder selbst auf Missionen mit.

SPIEGEL: Unter den Geretteten befinden sich zwei Familien mit kleinen Kindern. Italien hatte angeboten, die Kinder und Mütter in Italien an Land zu lassen. Die Männer hätten aber an Bord bleiben müssen. Wie haben Sie reagiert?

Isler: Es gibt keinen einzigen plausiblen Grund, die Familien zu trennen. Wenn die Frauen und Männer in unterschiedlichen Ländern Asyl beantragt hätten, wären die Familien vermutlich sogar für längere Zeit getrennt worden. Wir haben die Familien schließlich selbst gefragt. Und die haben sehr schnell entschieden, dass sie zusammen an Bord bleiben wollen. Es war eine schwierige Situation.

SPIEGEL: Ende März hat die Europäische Union den Marineeinsatz vor der libyschen Küste beendet. Was bedeutet das für Sea-Eye?

Isler: Es ist niemand mehr da, der uns helfen könnte. Vor allem, wenn wir mal ein großes Boot mit vielen Menschen retten, wird es eng. Ob Flüchtlinge, die auf die Boote der Schlepper gehen, leben oder sterben, ist nun endgültig eine Frage des Glücks. Während der aktuellen Mission haben wir Notrufe von einem Boot gehört, das nie gefunden wurde. Und die Menschen werden weiter aus den libyschen Folterlagern fliehen - auch wenn die EU-Schiffe nicht mehr da sind. Nun wird in der Nähe von Tripolis auch noch gekämpft.

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SPIEGEL: Sind keine anderen privaten Seenotretter vor Ort?

Isler: Nein, derzeit sind wir die einzigen im Mittelmeer. Die "Mare Jonio" könnte möglicherweise bald auslaufen, nachdem italienische Behörden das Schiff Mitte März zunächst beschlagnahmt hatten. Das Einsatzgebiet ist einfach viel zu groß für ein Schiff. Dazu kommt: Neun von zehn Seenotrettungsfällen, bei denen wir in den vergangenen Jahren zu Hilfe geeilt sind, wurden uns aus Rom gemeldet. Diese Meldungen bekommen wir nun nicht mehr.

SPIEGEL: Warum nicht?

Isler: Wir wurden komplett von der Kommunikation zwischen den Rettungsleitstellen abgeschnitten. Selbst die Italiener und Malteser informieren uns nicht mehr über Seenotfälle. Über Funk haben wir von einem Notfall gehört und unsere Hilfe angeboten - doch niemand hat uns gesagt, wo die Schiffbrüchigen sind.

SPIEGEL: Ein Versehen oder Absicht?

Isler: Es war eine bewusste Entscheidung, diese Informationen nicht zu teilen. In den vergangenen Monaten haben Hafenbehörden die Schiffe privater Seenotretter nicht an Land gelassen. Das ist nun der nächste Schritt, um uns weiter zu isolieren und Europa abzuschotten.

SPIEGEL: Die libysche Rettungsleitstelle in Tripolis koordiniert mittlerweile offiziell die Rettungseinsätze. Wie läuft die Zusammenarbeit?

Isler: Es fühlt sich an, als würde die libysche Küstenwache nicht existieren. Wir haben jeden Morgen eine E-Mail geschrieben mit unserer Position und der geplanten Route. Darauf gab es keine Antwort. Auch im Notfall, als wir Menschen gerettet hatten, und um Anweisungen baten - keine Antwort. Wir haben acht Telefonnummern von der libyschen Küstenwache. Aber in den vergangenen Tagen ist nie jemand ans Telefon gegangen.

SPIEGEL: Für die einen sind Sie die Schlepper, für die anderen die humanitären Helfer. Wie hat sich die Debatte der vergangenen Monate auf die Arbeit von Sea-Eye ausgewirkt?

Isler: Wir bekommen viele hasserfüllte E-Mails. Und es spenden weniger Menschen.

SPIEGEL: Wie viel weniger wird gespendet?

Isler: Die Weihnachtszeit war noch ordentlich. Danach war der Rückgang massiv. Ich würde schätzen, dass die Anzahl unserer Spender um etwa 80 Prozent zurückgegangen ist.

SPIEGEL: Worauf führen Sie das zurück?

Isler: Es gibt ein Narrativ, es ist Teil eines vergifteten Diskurses: Schiffe werden blockiert, gegen Flüchtlingsretter wird ermittelt, wir dürfen nicht in die Häfen. Da bleibt etwas Negatives hängen, als würden wir Illegales tun.

SPIEGEL: Sie machen also auch Äußerungen und Aktionen wie die von Salvini für die wenigen Spenden verantwortlich?

Isler: Natürlich. Wenn wir ständig mit Dreck beschmissen werden, muss man sich nicht wundern, wenn etwas hängen bleibt. Warum sollten normale Bürger davon ausgehen, dass ein Minister lügt? Aber es ist auch ein Problem, dass der deutsche Außenminister oder die Kanzlerin sich nicht einmischen und uns verteidigen. Das würde helfen.

SPIEGEL: Melden sich auch weniger Freiwillige für die Missionen?

Isler: Leider ja. Das liegt aber größtenteils daran, dass die Fahrten so unberechenbar geworden sind. Wenn wir losfahren, wissen wir inzwischen nicht mehr, welcher Hafen unser Schiff einlaufen lässt. Wir wissen nicht mal, wann wir zurückkehren. Ich spreche mit vielen arbeitenden Menschen, die in ihrem Urlaub mit uns losfahren wollen, aber die Mission nicht vernünftig planen können. Solche Probleme kannten wir bisher nicht. Bisher haben wir nach langem Suchen immer noch genug Leute gefunden. Aber sobald das nicht mehr der Fall ist, müssen wir eben seltener auslaufen.

SPIEGEL: Haben andere private Seenotrettungsorganisationen ähnliche Probleme?

Isler: Wenn wir nicht genug Freiwillige haben, fragen wir bei den anderen privaten Seenotrettern an. Auch Organisationen wie Sea-Watch berichten, dass sie gerade weniger Freiwillige finden.

SPIEGEL: Kann Sea-Eye die gesunkene Spendenbereitschaft ausgleichen oder stehen die Rettungsmissionen vor dem Aus?

Isler: Wir kennen schlechte Phasen. Als Thomas de Maizière uns einst vorgeworfen hat, mit Schleppern zu kooperieren, haben wir wochenlang keine Spenden bekommen. Momentan können wir die fehlenden Spenden durch einige wenige Großspender sehr gut ausgleichen. Wenn Kardinal Marx uns allerdings nicht kürzlich 50.000 Euro gespendet hätte, hätten wir nicht auslaufen können. Ohne die Kirchen könnten wir nicht mehr retten.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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