Vor Lampedusa abgewiesen Seenotrettungsschiff "Alan Kurdi" muss Richtung Malta abdrehen

Das Seenotrettungsschiff "Alan Kurdi" hatte bereits Lampedusa erreicht, dort händigte man der Crew das Verbots-Dekret des Innenministers Salvini aus. Der "Sea Eye"-Einsatzleiter Gorden Isler erzählt, wie es nun weitergeht.
Ein Interview von Steffen Lüdke
Sea-Eye-Hilfsschiff "Alan Kurdi" muss Richtung Malta abdrehen

Sea-Eye-Hilfsschiff "Alan Kurdi" muss Richtung Malta abdrehen

Foto: Fabian Heinz/ dpa

Carola Rackete  ist frei, die "Sea-Watch 3" noch festgesetzt, schon liegt das nächste deutsche Rettungsschiff vor Lampedusa: Die "Alan Kurdi" der privaten Rettungsorganisation Sea-Eye hat 65 gerettete Menschen an Bord, 39 der Migranten geben an, minderjährig zu sein.

Deutschlands Innenminister Seehofer forderte seinen italienischen Kollegen in einem Brief auf, die Häfen für die "Alan Kurdi" und andere private Seenotretter zu öffnen. Salvini antwortete umgehend auf Seehofers Schreiben. "Die Bundesregierung bittet mich, italienische Häfen für die Schiffe zu öffnen? Absolut nicht", erklärte er.

Der Sprecher von "Sea Eye", Gorden Isler, sagt, der italienische Innenminister Salvini habe seiner Crew drakonische Strafen für die Seenotrettung im Mittelmeer angedroht. Jetzt müssten andere Staaten zeigen, ob sie Italiens Kurs stützen. In den letzten Tagen hatte zuerst die "Sea-Watch 3" und nun die "Alex" Lampedusa als Nothafen angesteuert.

Am Nachmittag verkündete das italienische Segelschiff "Alex" den Notstand und fuhr unter Nothafenrecht in den Hafen von Lampedusa ein. Das 18 Meter lange Segelschiff hatte am Donnerstagabend 55 Menschen von einem Schlauchboot gerettet. "Es kann nicht sein, dass Menschen in Not erst ein weiteres Mal in Lebensgefahr sein müssen, bis wir sie in einen sicheren Hafen bringen dürfen", so Isler. "Wir haben die Menschen vor dem Tod gerettet und nun sollen wir dafür bestraft werden."

Seine Mannschaft habe erlebt, dass die italienische Regierung dazu bereit sei, die Geretteten so lange auf Schiffen festzuhalten, bis Lebensgefahr besteht.

Gorden Isler fungiert auf der aktuellen Mission als Einsatzleiter. Im Interview erklärt er, warum die "Alan Kurdi" jetzt nach Malta fahren soll.

Zur Person

Gorden Isler, Jahrgang 1982, ist Sprecher von Sea-Eye. Die Organisation ist seit April 2016 vor der libyschen Küste im Rettungseinsatz. Isler ist derzeit Einsatzleiter an Bord der "Alan Kurdi"

SPIEGEL: Herr Isler, wie ist die Situation an Bord der "Alan Kurdi"?

Gorden Isler: Am Samstagmorgen haben wir Lampedusa erreicht und Besuch von der Guardia di Finanza bekommen. Man händigte uns persönlich das sogenannte Salvini-Dekret aus und ließ sich den Empfang quittieren. Es enthält das ausdrückliche Verbot gegen die "Alan Kurdi", in italienische Gewässer einzufahren. Die 65 geretteten Menschen erholen sich gerade auf dem Hauptdeck. Niemand ist ernsthaft verletzt.

SPIEGEL: Beeinflusst die Entscheidung des Untersuchungsrichters im Fall Rackete ihr Verhalten?

Isler: Nun, wir haben die italienische Reaktion analysiert. Unsere Juristen hatten außerdem mehr Zeit, sich mit dem Salvini-Dekret zu beschäftigen. Das verschafft uns vermutlich schon andere Entscheidungsgrundlagen.

SPIEGEL: Was werden Sie tun, falls sich die Lage verschlechtert? Matteo Salvini hat angekündigt, die "Alan Kurdi" auch dann nicht einlaufen zu lassen, wenn die Geretteten auf andere europäische Länder verteilt werden.

Isler: Wir haben gelernt, dass Italien bereit war, zwei Schiffen so lange die Hafeneinfahrt zu verweigern, bis die Situation für deren Kapitäne unerträglich wurde. Ein solches Ausmaß an verantwortungslosem Regierungshandeln zeigt uns, welche Perspektiven uns vor Lampedusa erwarten. Das wollen wir nicht riskieren. Deswegen fahren wir jetzt nach Malta. Ich halte es für undenkbar, dass wir dort so behandelt werden wie Salvini die Rettungsschiffe behandelt.

SPIEGEL: Inwieweit ist die Lage der "Alan Kurdi" mit der "Sea-Watch 3" vergleichbar?

Isler: Vergleichbar ist die italienische Strategie. Allerdings haben wir ein kleineres Schiff, mehr Menschen an Bord, einen anderen Flaggenstaat und die Erfahrungen aus der "Sea-Watch 3".

SPIEGEL: Die "Sea-Watch 3" fuhr unter niederländischer Flagge, die "Alan Kurdi" unter deutscher. Macht das einen Unterschied?

Isler: Wir hatten nicht den Eindruck, dass die Niederlande bei der "Sea-Watch 3" besonders viel Verantwortung übernommen hätten. Wir stehen mit unserem Flaggenstaat in regelmäßigem Kontakt. Unsere Fragen können wir schnell adressieren und die Zusammenarbeit bei den Seeblockaden im Dezember und im April waren immer professionell.

SPIEGEL: Wer ist Kapitän der "Alan Kurdi" und wie viel Erfahrung hat er?

Isler: Unser Kapitän ist Waldemar Mischutin. Es ist sein erstes Kommando, obgleich er das Schiff aus der Überführung von Cuxhaven nach Spanien sehr gut kennt. Er war auf mehreren Rettungseinsätzen mit der "Aquarius" und dort an schweren Einsätzen beteiligt.

SPIEGEL: Wie haben Sie die Rettung wahrgenommen? Es waren ja sehr viele Kinder an Bord des Boots.

Isler: Die Evakuierung habe ich von der Brücke aus beobachtet. Ich war erschrocken, weil wir augenscheinlich so viele Minderjährige gerettet haben. Am Abend hat uns dann das Ärzteteam informiert, dass 39 von 65 Menschen tatsächlich angeben, zwischen 12 und 17 Jahre alt zu sein. Diese vielen jungen Menschen hatten sehr viel Glück. Ihr Schlauchboot war aus meiner Sicht ein Himmelfahrtskommando.

SPIEGEL: Wie bewerten Sie die Ankündigung von Horst Seehofer, einen Teil der Geretteten aufnehmen zu wollen, wenn sich auch andere europäische Staaten dazu bereit erklären?

Isler: Wir begrüßen, dass die Bundesregierung damit schnell an die Öffentlichkeit gegangen ist, auch wenn wir nicht verstehen, warum nun erneut mit anderen EU-Mitgliedsstaaten über menschliche Einzelschicksale verhandelt werden muss. Das könnte man auch dann noch tun, wenn die Menschen in Sicherheit sind. Offensichtlich braucht es aber immer wieder Rettungen, um Politiker zu motivieren, sich mit dem Schicksal dieser Menschen zu befassen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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