Nach Drama um "Sea-Watch 3" Weiteres deutsches Rettungsschiff nimmt Kurs auf Lampedusa

Nach dem Streit um die von der deutschen Kapitänin Carola Rackete gesteuerte "Sea-Watch 3" droht neuer Ärger: Die Seenotretter von Sea-Eye haben 65 Migranten an Bord, 39 sollen minderjährig sein. Ihr Schiff steuert nun Italien an.

Die "Alan Kurdi" nimmt Kurs auf Lampedusa
SEA-EYE

Die "Alan Kurdi" nimmt Kurs auf Lampedusa


Das deutsche Rettungsschiff "Alan Kurdi" mit 65 auf dem Mittelmeer geretteten Migranten hat nach Angaben der Organisation Sea-Eye trotz eines Verbots Kurs auf die italienische Insel Lampedusa genommen. "Die italienische Insel ist der am nächsten gelegene europäische Hafen. Dort könnten die Geretteten schließlich an einen sicheren Ort gebracht werden, denn so verlangt es das internationale Recht", stand in einer am Freitagabend verbreiteten Erklärung der Organisation.

Ein Angebot der libyschen Küstenwache, den Hafen der Stadt Sawija als "Place of Safety" anzulaufen, wurde demnach abgelehnt. "Libyen ist kein sicherer Ort, für niemanden", begründete Einsatzleiter Gorden Isler die Entscheidung. Die italienischen Rettungsleitstellen in Rom und Valletta schwiegen laut Sea-Eye. Die Seenotleitung Bremen antwortete demnach schnell und informierte laut Sea-Eye das Auswärtige Amt.

Nach dem Drama um die "Sea-Watch 3"-Kapitänin Carola Rackete droht damit neuer Streit zwischen Deutschland und Italien. Ein Rettungsschiff der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch hatte vorige Woche trotz eines Verbots Italiens Kurs auf die italienischen Hoheitsgewässer genommen und mit zuletzt noch 40 Migranten an Bord im Hafen Lampedusas angelegt. Die deutsche Kapitänin Carola Rackete war daraufhin festgenommen und erst am Dienstag wieder freigelassen worden.

Lesen Sie hier ein Interview mit ihr.

Salvini schreibt an Seehofer

Italiens rechtspopulistischer Innenminister Matteo Salvini hatte zuvor gesagt, die "Alan Kurdi" könne nicht nach Italien fahren - auch nicht im Fall einer späteren Verteilung der Migranten auf andere europäische Staaten. Er drängte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) in einem Brief, Verantwortung für das Schiff zu übernehmen.

Nach Angaben von Sea-Eye gaben 39 der 65 Migranten an, noch minderjährig zu sein. Der Jüngste von ihnen sei erst zwölf Jahre alt. Insgesamt 48 der Geflüchteten stammten aus Somalia in Ostafrika, zwei seien Libyer. Einer der Somalier habe erzählt, dass er schon vor drei Jahren aus seiner Heimat aufgebrochen sei, drei Monate für die Durchquerung der Wüste benötigt und einen Freund verloren habe, der an der libyschen Grenze erschossen worden sei.

Ihr Schlauchboot sei vor der libyschen Küste in internationalen Gewässern entdeckt worden, teilte Sea-Eye mit. Es war demnach manövrierfähig und mit ausreichend Treibstoff versorgt, hatte aber weder ein GPS-fähiges Telefon noch andere Navigatonshilfen an Bord. "Ohne ein GPS-fähiges Telefon oder nautische Grundkenntnisse hätten diese jungen Menschen vermutlich keinen Ort erreicht und wären verschwunden", sagte Isler.

Die "Alan Kurdi" befand sich Schiffspositionsdiensten im Internet zufolge am Freitagabend etwa 185 Kilometer südlich von Lampedusa. Bei einer Geschwindigkeit von etwa 13 Kilometern pro Stunde würde die Fahrt rund 14 Stunden dauern.

Sea-Eye erklärte, die Rettungsleitstellen von Italien und Malta würden um "dringende Unterstützung" gebeten. Eine Sea-Eye-Sprecherin sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Organisation strebe eine "gute Lösung" an.

jat/dpa/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.