Auf Lampedusa beschlagnahmtes Flüchtlingsschiff Migranten verlassen "Sea-Watch 3"

Die Irrfahrt der "Sea-Watch 3" mit Dutzenden Menschen an Bord ist beendet. Kapitänin Rackete steht nach der Ankunft in Lampedusa unter Hausarrest - und die Migranten an Bord durften an Land gehen.


Sie waren vor mehr als zwei Wochen vor der libyschen Küste von der "Sea-Watch 3" gerettet worden: Nachdem das Schiff der deutschen Hilfsorganisation unerlaubt im Hafen der italienischen Insel Lampedusa festgemacht hat, sind die etwa 40 Migranten dem Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer zufolge von Bord gegangen.

Was nun mit ihnen passieren soll, ist unklar. Mehrere EU-Staaten, darunter Deutschland, hatten sich bereit erklärt, Schutzsuchende aufzunehmen. Neben den Flüchtlingen waren noch 22 Besatzungsmitglieder und mehrere italienische Abgeordnete auf dem Schiff.

Polizisten nahmen die deutsche Kapitänin Carola Rackete fest. Fotos zeigen, wie Rackete von italienischen Polizisten abgeführt wird. Der italienischen Nachrichtenagentur Ansa zufolge drohen der 31-Jährigen drei bis zehn Jahre Haft, weil sie gegen ein Kriegsschiff Widerstand geleistet oder Gewalt angewendet habe. Die Staatsanwaltschaft Agrigent hat sie demnach unter Hausarrest gestellt.

Migranten sollen auch nach Deutschland

Die "Sea-Watch 3" hatte am 12. Juni insgesamt 53 Menschen vor der Küste Libyens von einem Schlauchboot gerettet. 13 von ihnen, darunter Frauen, Kranke und Kinder, waren bereits in den vergangenen Tagen an Land gebracht worden. Die "Sea-Watch 3" wurde von den Behörden nun beschlagnahmt.

Kapitänin Rackete war Mitte der Woche trotz Verbots der italienischen Regierung in die Hoheitsgewässer des Landes gefahren (ein Interview mit ihr darüber können Sie hier nachlesen). Am Freitag leitete die italienische Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Rackete ein.

Sea-Watch-Geschäftsführer Johannes Bayer teilte mit, Rackete habe "genau das Richtige getan". Sie habe die Flüchtlinge in Sicherheit gebracht. Am Samstagmorgen twitterte Sea-Watch, man habe vor fast 60 Stunden den Notstand ausgerufen. "Niemand hörte uns zu. Niemand übernahm Verantwortung. Einmal mehr ist es an uns, (...), die 40 Geretteten in Sicherheit zu bringen."

Grünen-Co-Chef Robert Habeck verurteilte das Vorgehen der italienischen Behörden. Es sei eine "Sprachverdrehung orwellschen Ausmaßes", wenn Rackete "Unterstützung von Menschenhändlern" und Piraterie vorgeworfen werde, sagte Habeck. "Der eigentliche Skandal ist das Ertrinken im Mittelmeer, sind die fehlenden legalen Fluchtwege und ein fehlender Verteilmechanismus in Europa."

Rackete selbst hält Seenotrettung für ein unumstößliches Recht. "Es spielt keine Rolle, wie jemand in Not gerät - da können auch Feuerwehren und Krankenhäuser nicht nach fragen", sagt Rackete. Ebenso sei es auf hoher See: "Wenn Rettung benötigt wird, hat jeder einzelne die Verpflichtung zu helfen."

Dem italienischen Außenminister Enzo Moavero zufolge haben sich mittlerweile fünf Länder bereit erklärt, Migranten von dem Schiff aufzunehmen: Finnland, Luxemburg, Portugal, Frankreich und Deutschland.

Seit Jahren streiten die EU-Länder über einen Mechanismus zur Verteilung der Bootsflüchtlinge. Italiens rechtspopulistischer Innenminister Matteo Salvini verlangte nun konkrete "Garantien" der aufnahmebereiten Länder, bevor die Menschen von Bord des Schiffes gehen dürften. Die Regierung sei "entschlossen", gegen jeden vorzugehen, der die Gesetze gebrochen habe.

apr/ssu/AFP/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.