"Bereit, die Konsequenzen zu tragen" "Sea-Watch 3" steuert trotz Verbot Hafen von Lampedusa an

Behörden verweigerten den privaten Seenotrettern die Einfahrt in italienische Hoheitsgewässer: Trotzdem fährt die deutsche Kapitänin Carola Rackete mit 42 geretteten Migranten auf Lampedusa zu. Es drohen hohe Strafen.
Ein Interview von Steffen Lüdke
Carola Rackete, 31, Kapitänin der "Sea-Watch 3"

Carola Rackete, 31, Kapitänin der "Sea-Watch 3"

Foto: Till M. Egen / Sea-Watch.org / dpa

Richtung Westen, nach Osten und wieder zurück, so kreuzte die "Sea-Watch 3" seit Tagen vor der italienischen Insel Lampedusa umher. Italiens Innenminister Matteo Salvini verweigerte den privaten Seenotrettern die Einfahrt in italienische Hoheitsgewässer.

Zuvor hatte das Schiff 53 Menschen vor der libyschen Küste gerettet. Elf Flüchtlinge, darunter drei Minderjährige und zwei schwangere Frauen, waren drei Tage später in Lampedusa an Land gebracht worden. Die übrigen 42 Menschen mussten auf dem Schiff bleiben.

Kapitänin Carola Rackete, 31 Jahre alt, aus Hambühren in Niedersachsen, hat nun eine folgenschwere Entscheidung getroffen. Sie will in den Hafen von Lampedusa einlaufen. Im Interview erzählt sie, warum sie die Konsequenzen in Kauf nimmt.

Zur Person

Seit vier Jahren hilft Carola Rackete, 31, bei Sea-Watch. Kapitänin ist sie seit dem vergangenen Jahr. Vorher hat die Frau aus Niedersachsen an Expeditionen für das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung teilgenommen und für Greenpeace gearbeitet.

SPIEGEL: Frau Rackete, wie ist die Situation auf Ihrem Schiff?

Rackete: Wir kommen langsam an unsere Grenzen: Damit meine ich nicht so Kleinigkeiten wie Abwassertanks, die sich langsam füllen. Die psychische Situation unserer Gäste macht mir große Sorgen.

SPIEGEL: Inwiefern?

Rackete: Die Menschen kommen aus libyschen Lagern, einige wurden gefoltert. Sie haben zum Teil damit gedroht, von Bord zu springen.

SPIEGEL: Wie fühlen Sie sich?

Rackete: Ich bin wütend und enttäuscht. Europa hat uns im Stich gelassen. Seit zwei Wochen sind weder die EU-Kommission noch die Nationalstaaten bereit, Verantwortung zu übernehmen. Alles muss man selbst machen.

SPIEGEL: Wenn Sie in den Hafen von Lampedusa einlaufen, droht eine Strafe von bis zu 50.000 Euro. Das Schiff könnte beschlagnahmt werden. Haben Sie sich schon entschieden, was sie tun wollen?

Rackete: Ja. Wir fahren nach Lampedusa, heute Nachmittag sind wir in italienische Hoheitsgewässer eingelaufen. Gerade kontrollieren italienische Beamte das Schiff. Ich kann die Risiken für die psychische und physische Gesundheit der Menschen an Bord nicht weiter verantworten. Die Menschen haben Grundrechte, derer sie lange genug beraubt wurden.

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SPIEGEL: Allerdings ist selbst der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte der Meinung, dass sie nicht in Lampedusa anlegen müssen, weil es keine unmittelbare Gefahr für die Menschen auf dem Schiff gebe.

Rackete: Das Gericht hat vor allem entschieden, dass wir uns nicht unter italienischer Jurisdiktion befinden und die Leute deshalb nicht an Land dürfen. Er hat nicht in Zweifel gezogen, dass Lampedusa der nächste sichere Hafen ist. Es bleibt mir also gar nichts anderes übrig, als in italienische Hoheitsgewässer einzufahren.

SPIEGEL: Auch anderen deutschen Seenotretter drohen Haftstrafen. Claus-Peter-Reisch, Kapitän der Lifeline, musste 10.000 Euro Geldstrafe zahlen. Haben Sie keine Angst, verurteilt zu werden?

Rackete: Wenn uns nicht die Gerichte freisprechen, dann die Geschichtsbücher. Ich bin bereit, die Konsequenzen bis dahin zu tragen. Der Bürgermeister von Palermo hat dafür ein Wort gefunden: constitutional obedience, also in etwa verfassungsmäßiger Gehorsam.

SPIEGEL: Kann sich Sea-Watch die womöglich anstehenden Anwaltskosten überhaupt leisten?

Rackete: Wir haben einen Rechtshilfefonds eingerichtet. Der ist noch nicht so gut gefüllt - aber wir sind zuversichtlich. Vielleicht wird auch unser Schiff beschlagnahmt, das würde uns noch viel mehr zu schaffen machen.

SPIEGEL: Salvini will sie in die Niederlande schicken, weil sie unter der niederländischen Flagge fahren. Warum machen Sie das nicht?

Rackete: Der Vorschlag ist menschenverachtend, wieso sollte ich die Menschen dem Risiko einer so langen Reise aussetzen? Es gibt ja Angebote, die Leute auf verschiedene EU-Staaten zu verteilen. Der Bürgermeister von Rottenburg hat zum Beispiel angeboten, alle mit einem Bus abzuholen, so könnte man das machen. Aber zunächst müssen die Leute so schnell wie möglich an Land.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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