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Sea-Watch-Kapitänin Rackete Die leise Rebellin

Die Deutsche Carola Rackete wird zur Symbolfigur für die Missstände im Mittelmeerraum. Sie bietet Italiens Salvini die Stirn - und entfacht die Debatte über die europäische Flüchtlingspolitik neu.

Eine Welle an Emotionen brandet Carola Rackete entgegen, als sie die Gangway der "Sea-Watch 3" heruntersteigt. Applaus von der einen, Beschimpfungen von der anderen Seite. Ein Beamter der italienischen Polizei greift sie am linken Handgelenk, führt sie weg von ihrem Schiff, hin zum Polizeiauto. Ein letztes Mal zoomt die Kamera auf ihr Gesicht, dann wird ihr Kopf nach unten gedrückt. Sie verschwindet im Gewahrsam der Polizei.

So ist es auf Videos von Carola Racketes Festnahme vom Samstag zu sehen. Seitdem steht sie in Italien unter Hausarrest, kann nur über ihre Anwälte mit der Öffentlichkeit kommunizieren. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ihr drohen mehrere Jahre Haft. Die 31-jährige Deutsche ist jetzt eine Symbolfigur für die Missstände im Mittelmeerraum. Und sie polarisiert - für manche ist sie eine Heldin, für andere eine Verbrecherin.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier setzt sich für Rackete ein, Außenminister Heiko Maas auch, Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf sowieso. Tausende Menschen spendeten Geld, damit Sea-Watch die Anwaltskosten bezahlen kann, mehr als eine Million Euro sind übers Wochenende zusammengekommen.

Rackete, die leise Rebellin im schlichten Tanktop, ein Sonnenanhänger um den Hals, gegen den rechtspopulistischen Hardliner, den Lautsprecher Matteo Salvini. Die Kapitänin gegen den "Capitano", wie ihn seine Verehrer in Italien nennen. Vielleicht berührt Racketes Schicksal deshalb so viele Europäer.

"Es ist ihr unangenehm, im Mittelpunkt zu stehen"

Wer ist die Frau, die die Debatte über die europäische Migrationspolitik neu entfacht hat? Viel weiß man noch nicht über Carola Rackete. Dieses Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit scheint sie jedenfalls nicht gesucht zu haben.

"Carola drängt sich nicht auf", sagt Ruben Neugebauer, Sprecher der Seenotretter-Organisation Sea-Watch, der seit 2016 mit ihr befreundet ist. Doch dann sei ein Kapitän ausgefallen und Rackete eingesprungen. Ursprünglich habe er sie in Schottland besuchen wollen, wo sie in einem Nationalpark arbeitete.

An Bord der Sea-Watch, über Wochen umgeben von Dutzenden geretteten Migranten, habe die Crew sie dann gebeten, sich in Videos zum Stand der Verhandlungen mit den italienischen Behörden zu äußern. "Carola ist nicht kamerascheu - aber auf keinen Fall eine Selbstdarstellerin", sagt Neugebauer. Auch Racketes Vater, ein ehemaliger Oberstleutnant der Bundeswehr, bereitet vor allem die viele Aufmerksamkeit Sorgen. Die möge seine Tochter nicht, sagte er den "Kieler Nachrichten" . "Es ist ihr unangenehm, im Mittelpunkt zu stehen."

Ruhig, erfahren, qualifiziert

Anders als bei Salvini gibt es von Rackete keine selbstverliebten Selfie-Videos. Auf den Beiträgen von Sea-Watch spricht sie ruhig und bestimmt, wirkt bisweilen fast emotionslos. In den sozialen Netzwerken findet man kein öffentliches Profil von ihr, nur auf LinkedIn listet sie ihre Vita auf.

Geboren wurde Rackete in Preetz bei Kiel, dann zogen die Eltern in die Gemeinde Hambühren bei Celle, wo sie 2007 Abitur machte. Auf der Seefahrtsschule in Elsfleth studierte sie Nautik, bestand ihren Bachelor; später machte sie in England einen Master in "Conservation Management". Naturschutz ist neben der Seenotrettung offenbar ihre zweite Leidenschaft. Sie engagierte sich bei Greenpeace, jobbte als Reiseführerin für Expeditions-Kreuzfahrten und arbeitete zeitweise für ein britisches Polarforschungsprogramm.

Ihre Qualifikation und ihre Ruhe hätten sie für den Job als Kapitänin der "Sea-Watch 3" prädestiniert, sagt Neugebauer. In Interviews spricht sie deutlich über ihre Kritik an der Kriminalisierung der privaten Seenotretter. Im Gespräch mit dem SPIEGEL vor ihrer Festnahme bezeichnete sie die "Ausreden der EU-Staaten" als "armselig". Sie hoffe, dass eines Tages nicht mehr Rettungskräfte vor Gericht gestellt würden, sondern "diejenigen, die das Sterben zu verantworten haben".

Auf Salvinis Schimpftiraden angesprochen, weicht sie aus, sie sei nicht die einzige, die mit seiner Politik nicht einverstanden sei, sagt sie. Sie müsse sich an Bord um 60 Menschen kümmern, sagt Rackete in einem Video, das die Sea-Watch-Crew aufgenommen und auf Twitter gestellt hat: "Herr Salvini könnte sich da vielleicht einfach hinten anstellen."

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Vor allem wegen eines Manövers droht Rackete nun Ärger. Beim Einlaufen in den Hafen berührte sie ein italienisches Polizeischiff, das ihren Weg blockiert hatte. Am Montagnachmittag vernahm die Staatsanwaltschaft sie auf Sizilien. "Widerstand und Gewalt gegen ein Kriegsschiff" ist nur einer der im Raum stehenden Vorwürfe. Vieles wird davon abhängen, wie die Staatsanwälte die Szene interpretieren, ob sie Rackete glauben, dass sie sich verschätzt habe, oder ob sie ihr Fahrlässigkeit oder gar Absicht attestieren.

Fotostrecke

Carola Rackete: Die Odyssee der "Sea-Watch 3"

Foto: Guglielmo Mangiapane/ REUTERS

Darüber hinaus wird Rackete vorgeworfen, das Anlegeverbot für ihr Schiff missachtet zu haben. Ein entsprechendes Dekret, das ein solches Verbot für Seenotretter ermöglicht, hat Salvini erst vor wenigen Wochen selbst erlassen. Sollten Racketes Anwälte dagegen vorgehen, könnte es sein, dass auch die Frage verhandelt wird, ob Salvinis Dekret überhaupt der italienischen Verfassung entspricht.

Dann würde es endgültig zur Konfrontation zwischen der Kapitänin und dem "Capitano" kommen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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