Flüchtlinge vor Libyen Sea-Watch teilt Spenden mit anderen Seenotrettern

Hunderttausende Euro sind innerhalb weniger Tage bei Sea-Watch eingegangen. Die Organisation will damit auch andere Seenotretter unterstützen. Die EU diskutiert derweil über die Verteilung der Geretteten.

Sea-Eye

Der Fall der Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete hat die Diskussion um die europäische Flüchtlingspolitik neu entfacht - und den Seenotrettern eine Welle der Solidarität beschert. Die eingegangenen Spenden will die deutsche Hilfsorganisation Sea-Watch nun mit anderen Seenotrettern gemeinsam nutzen.

"Es wird ein Gremium gebildet, weil wir das Geld möglichst effektiv für die Seenotrettung einsetzen wollen, nicht nur für Sea-Watch, sondern wir wollen gemeinsam schauen, wo es am dringendsten gebraucht wird", sagte Sprecher Ruben Neugebauer. In diesem Gremium seien unter anderem Vertreter von Hilfsorganisationen und von dem Netzwerk Seebrücke, das sich für die Rettung von Migranten auf dem Mittelmeer einsetzt. Ein Teil der Spenden soll für die Verfahrenskosten von Rackete verwendet werden.

Nach der Verhaftung der 31-Jährigen in Italien gab es eine Welle der Solidarität. Allein über den Aufruf der Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf kamen bisher knapp eine Million Euro zusammen.

Rackete ist mittlerweile wieder auf freiem Fuß, gegen sie wird aber in Italien weiter ermittelt. Sie war mit dem Schiff "Sea-Watch 3" und Dutzenden Migranten an Bord unerlaubt in den Hafen von Lampedusa gefahren.

Ringen um europäische Lösung

Weil auch der Regensburger Organisation Sea-Eye die Einfahrt in italienische Häfen verwehrt blieb, hatte sie am Wochenende Malta angesteuert. Deutschland erklärte sich schließlich bereit, einen Teil der Menschen vom Rettungsschiff "Alan Kurdi" aufzunehmen. Mit einer EU-weiten Verteilung schiffbrüchiger Migranten rechnet Berlin derweil nicht mehr. Stattdessen hoffe man auf eine Gruppe williger Staaten, sagte Europastaatsminister Michael Roth am Montag.

Die EU-Kommission fordert die Mitgliedsstaaten jedoch auf, sich auf vorläufige Regeln zur Verteilung von Flüchtlingen zu einigen. "Die Herausforderungen der Migration können nicht nur in der Verantwortung von Italien und Malta liegen, nur weil sich diese Staaten am Mittelmeer befinden", sagte EU-Innenkommissar Dimitris Avramopoulos der "Welt".

Bis die neuen Regeln zur Verteilung von Flüchtlingen umgesetzt würden, fordere er daher alle EU-Mitgliedsländer auf, "ihre Arbeit zu beschleunigen und vorläufige Vereinbarungen zu finden, wie mit den Menschen umzugehen ist, wenn sie die Rettungsschiffe verlassen haben". Dabei müssten Situationen wie im Fall der "Sea-Watch 3" und der "Alan Kurdi", aber auch ähnliche Vorfälle, in denen die Kommission Einzelfalllösungen zwischen den Mitgliedstaaten koordiniert habe, verhindert werden.

"Nächste Woche werden wir das erste EU-Innenministertreffen unter finnischer Ratspräsidentschaft abhalten - ich hoffe, dass wir dort vorankommen können", sagte Avramopoulos. Zugleich müsse die EU aber auch mit Drittstaaten zusammenarbeiten, um zu verhindern, dass Menschen bei der Flucht ihr Leben riskierten. Dabei sollten jene, die Schutz durch eine Umsiedlung benötigten, auf legalem Wege nach Europa kommen.

Uno fordert mehr Engagement

Das Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) fordert derweil mehr Engagement für Flüchtlinge in Libyen von den europäischen Staaten. "Wir fordern die europäischen Regierungen auf, all ihre politischen Beziehungen zur libyschen Regierung zu nutzen, um eine deutliche Verbesserung der Lage für die Menschen in den Lagern zu erreichen", sagte der UNHCR-Repräsentant in Deutschland, Dominik Bartsch, der "Welt". Ziel müsse die Freilassung aller Menschen aus den Lagern sein.

Die Lage von Flüchtlingen in Libyen ist dramatisch. Immer wieder gibt es Berichte von Misshandlungen, Folter und Vergewaltigungen. In der vergangenen Woche wurde ein Auffanglager für Flüchtlinge in der Hauptstadt Tripolis aus der Luft attackiert. Dutzende Menschen kamen dabei ums Leben.

asc/dpa/Reuters

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