Österreich spottet über Kurz-Biografie Der Sonnenkanzler

Vor der Wahl in Österreich sorgt eine Biografie über Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz für Aufsehen. Aber nicht, weil sie Kritisches aufdeckt.
Auszug aus Kurz-Biografie: "'Ist er es wirklich?', dachte ich mir. Ich sah lediglich einen Teil eines Kopfes"

Auszug aus Kurz-Biografie: "'Ist er es wirklich?', dachte ich mir. Ich sah lediglich einen Teil eines Kopfes"

Foto: CHRISTIAN BRUNA/EPA-EFE/REX

Am 11. September erscheint eine Biografie des österreichischen Ex-Bundeskanzlers Sebastian Kurz, die schon jetzt für hitzige Debatten sorgt. Und für eine Menge Spott: Vor allem auf Twitter machen sich Nutzer unter dem Hashtag #50ShadesOfKurz über das Buch lustig, in Anlehnung an die schwülstige Roman-Trilogie "Fifty Shades of Grey".

Denn "Sebastian Kurz. Die offizielle Biografie", verfasst von der Journalistin Judith Grohmann, liest sich in Teilen eher wie eine Mischung aus Fanbuch und Kitschroman, hier und da auch wie ein Kniefall, eine Huldigung, eine Liebeserklärung an den Mann, der Spitzenkandidat der bürgerlich-konservativen ÖVP zur Nationalratswahl am 29. September ist - und mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit bald wieder Regierungschef. Der Münchner Finanzbuchverlag hat Anfang September Leseproben verschickt, und auch in manchen Buchhandlungen liegt die Biografie schon vor dem offiziellen Erscheinungstermin aus. Gemessen an den Kommentaren im Netz scheinen sie viele schon gelesen zu haben.

Über eine Begegnung mit Kurz, damals noch Außenminister, schreibt Grohmann zum Beispiel: "Zunächst erblickte ich nur eine Silhouette. 'Ist er es wirklich?', dachte ich mir. Ich sah lediglich einen Teil eines Kopfes, doch der kam mir bekannt vor. Diese dunkelbraunen Haare, die streng nach hinten gekämmt waren, und die kleine, spitze Nase, die aus seinem Gesicht hervorlachte. (…) Er sah aus dem Fenster und blickte gedankenversunken in die Ferne. Ob er uns wahrgenommen hatte, war fraglich. Das helle Sonnenlicht leuchtete in den Raum hinein. Doch das störte ihn nicht. Die Herbstsonne blendete sein Gesicht. Er war vertieft und in Gedanken versunken. (…) Es war ein besonderer Augenblick für mich. Denn ich sah einen Politiker bei seiner täglichen Arbeit, versunken in Gedanken über die beste Strategie. Abseits von Kameras und Mikros. Für einen Journalisten ein besonderer Augenblick, kennt man doch Politiker meist nur von öffentlichen Auftritten und Medienterminen. So etwas passiert wirklich nicht jeden Tag.

Schließlich atmete er tief durch. Also sprang ich auf und ging einen Schritt auf ihn zu: 'Herr Minister, wollen Sie sich zu uns setzen?' Dabei machte ich eine einladende Handbewegung zum schwarzen Ledersofa. Doch der Mann, der an die Türe gelehnt stand, schüttelte nur sanft seinen Kopf, weiter in die Leere blickend. Noch einmal atmete er tief durch, dann sah er uns in die Augen und nickte uns zu, bevor er sich umdrehte und wortlos aus dem Raum verschwand."

Diesen Stil der Autorin parodieren viele auf Twitter:

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Auch für ein Buchcover gibt es diverse Vorschläge, wie dieses:

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Den Spott mag mancher gemein finden, aber er ist - nach Lektüre dieser Biografie - durchaus angemessen. Kritische Worte zum Beispiel über seine Koalition mit Rechtspopulisten findet man nicht (Lesen Sie hier alles zum Strache-Skandal und der Regierungskrise in Österreich). Ja, klar ist Sebastian Kurz ein "politisches Ausnahmetalent", Grohmann wird nicht müde, das zu betonen. Aber sie nennt ihn darüber hinaus einen "beinharten Macher einer neuen, modernen, sensiblen Politik", "talentiert", "offen", "sachlich", "wissbegierig", "ehrlich", "souverän", "authentisch", "entschlossen", "bravourös", außerdem "höflich" und "eloquent", und natürlich arbeite er "hart". Man rechnet schon mit einer Passage, in der sie ihm offen ihre Liebe gesteht.

Kurz kam 1986 zur Welt und war "jüngster Außenminister" und "jüngster Bundeskanzler", wie in vielen Texten erwähnt wird. Grohmann setzt aber noch eins drauf: 1986 sei ein Jahr gewesen, "in dem auch international sehr viel geschah". "Und dieses spannende Jahr war erst acht Monate alt, als Sebastian Kurz in Wien geboren wurde." Kurz entwickelte sich zu einem "Baby, das auf der Überholspur fuhr". Mit einem Jahr schon habe er komplette Sätze gesprochen und "stellte damit viele andere Kinder in den Schatten".

Nach eigenen Angaben hat Grohmann Kurz einige Jahre begleitet und für die Recherche zu diesem Buch auch dessen Eltern Elisabeth und Josef Kurz besucht, bei denen sie sich für den "Einblick in das Familienleben" bedankt. Als Leser wüsste man gern mehr über die Autorin, aber Angaben zu ihr selbst findet man in dem Buch nicht, obwohl sie in der Ich-Form schreibt und ihren Gedanken nicht zu knapp Raum gibt.

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Erst auf der Homepage von Grohmann , die merkwürdigerweise in weiten Teilen auf Englisch und Französisch gehalten ist, findet man biografische Angaben. Dort schreibt sie, sie sei "die jüngste Investigativ-Journalistin Österreichs" gewesen. "Mit 17 ging sie zum Herausgeber des bekanntesten österreichischen Enthüllungs- und Nachrichtenmagazins 'Profil' und bot ihm an, für ihn als Investigativ-Journalistin zu arbeiten. Zwei Monate später bot ihr derselbe Herausgeber an, neben ihrer Tätigkeit als Journalistin auch als Chefin vom Dienst für 'Profil' zu arbeiten." Später habe sie als Wirtschaftsressortleiterin der Tageszeitung "Die Presse" gearbeitet.

Beides wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn nicht die Redaktionen beider Medien dementierten. "Profil" veröffentlicht eine Meldung, wonach die Behauptungen Grohmanns eine "krasse Übertreibung" seien . Sie habe "mit Sicherheit nicht als Redakteurin, geschweige denn als Chefin vom Dienst" gearbeitet:

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Und "Presse"-Chefredakteur Rainer Nowak merkt via Twitter an: "Das entspricht nicht der Wahrheit. Die Autorin war nie Ressortleiterin unseres Wirtschaftsressorts. Sie schrieb für das wesentlich kleinere Ressort 'Karriere'."

Vor allem aber verwundert, dass dies eine offiziell von der ÖVP autorisierte Biografie ist. Dem Vernehmen nach soll Kurz sie persönlich abgenickt haben - eine Biografie, wie sie sich in Ton und Stil nur Autokraten wünschen, die Unterwürfigkeit und Botmäßigkeit erwarten. Daher merkt die Wiener Schriftstellerin Julya Rabinowich zu Recht an:

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Auf eine E-Mail für Rückfragen hat Grohmann sich bis Sonntagabend nicht gemeldet.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.