Faktencheck zur Seenotrettung Mehr Retter, mehr Flüchtlinge - warum das so nicht stimmt

Wegen Helfern wie Carola Rackete gibt es mehr Flüchtlinge - das behaupten Politiker immer wieder. Stimmt das wirklich? Wissenschaftler haben den sogenannten Pull-Faktor untersucht.
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Geflüchtete auf einem Holzboot vor Lampedusa, Italien (Archivbild)

Foto: Chris McGrath/ Getty Images

Fliehen Menschen, weil sie wissen, dass sie sich auf die Retter im Mittelmeer verlassen können?

Politiker wie der ehemalige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz behaupten das. Kurz bezeichnete die Rettungsaktionen im Mittelmeer 2017 als "NGO-Wahnsinn". Bruno Kahl, Chef des Bundesnachrichtendiensts warnt, die Hilfseinsätze setzten Anreize für die Fahrt über das Mittelmeer.

Italiens Innenminister Matteo Salvini führt eine politische Kampagne gegen Nichtregierungsorganisationen, die im Mittelmeer Migranten bergen. Seine Regierung hat die Häfen für Rettungsschiffe geschlossen; Kapitänen, die, wie die Deutsche Carola Rackete, trotzdem Italien ansteuern, drohen Geld- und Haftstrafen.

Diese Woche kündigte Salvini weitere Gesetzesverschärfungen an. Wenn es nach ihm geht, sollen Seenotretter künftig Strafen von bis zu einer Million Euro zahlen.

Welchen Effekt hat Seenotrettung auf Migrationsbewegungen?

Immer wieder haben Politiker Flüchtlingshelfer drangsaliert. Das Drama um Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete und ihre Festnahme hat diese Attacken nun in den Mittelpunkt der Migrationsdebatte gerückt.

Welchen Effekt hat Seenotrettung auf Migrationsbewegungen? Anhänger der sogenannten Pull-Theorie meinen: Sie verstärkt sie. Private Seenotretter wie Sea-Watch dagegen sagen: Wir retten nur jene, die ohnehin fast da sind - und die sonst womöglich ertrinken würden.

Der "Pull-Faktor" ist zum Kampfbegriff geworden. Dahinter steckt der Wunsch, eine einzige Ursache für Migration zu finden - und damit auch ein Gegenmittel: Einen Schalter, den man nur umlegen muss, und schon kommen keine Flüchtlinge mehr. Doch schon der Begriff ist umstritten. Genauso wie die Frage, ob er ein real existierendes Phänomen beschreibt.

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Vertreter der "Pull-Theorie" argumentieren mit einer scheinbar zwingenden Logik: Wenn Menschen wissen, dass sie mithilfe der Retter einfacher über das Mittelmeer flüchten können, machen sie sich eher auf den Weg, als wenn das nicht der Fall ist. Das Problem ist jedoch: Es gibt keinen empirischen Beleg für diese These.

Video: 7, 3000, 141.472 - Seenotrettung im Mittelmeer in Zahlen

SPIEGEL ONLINE

Matteo Villa, Migrationswissenschaftler am "Italian Institut for International Political Studies", hat erfasst, wie viele Migranten von der libyschen Küste ablegen und an wie vielen dieser Tage Boote von privaten Seenotrettungsorganisationen in der Nähe sind.

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Die Daten dazu sammelt er unter anderem von den Vereinten Nationen, aus der Presse und dem italienischen Innenministerium. Sein Ergebnis für die Zeit von Anfang Januar bis Ende Juni 2019: An den 31 Tagen mit NGOs in der Nähe schickten Schlepper im Schnitt 32,8 Menschen aufs Meer. An den 150 Tagen, an denen keine NGOs in der Nähe der libyschen Küste fuhren, legten im Schnitt 34,6 Menschen ab. Villa selbst fasst seine Ergebnisse, die bislang noch nicht veröffentlicht wurden, so zusammen: "Der Pull-Faktor existiert nicht."

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In einer vielbeachteten anderen Studie verglichen Sozialwissenschaftler der Universität Oxford und der Scuola Normale Superiore in Florenz drei verschiedene Jahre miteinander. Ihre Auswertung zeigt: In Jahren, in denen die EU sich stark in der Seenotrettung engagierte, kamen nicht mehr Menschen in Europa an, als in einem Jahr, in dem kaum Seenotrettung stattfand. "Trotz weniger Seenotrettung erreichten nicht weniger Menschen die EU", sagt Elias Steinhilper, einer der beiden Verfasser der Studie, der mittlerweile am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung tätig ist.

Die Wahrscheinlichkeit, zu ertrinken, ist gestiegen

Die Erhebung, die zu den meistzitierten gehört, scheint einen kurzfristigen Pull-Effekt zu widerlegen. Doch sie untersucht nur Korrelation, keine Kausalität. Auch ob Seenotrettung langfristig zu mehr Migration führt, können die Soziologen nicht beantworten. Franck Düvell vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung sieht dafür allerdings keinen Hinweis: "Der Hauptgrund für Migration ist die Lage in den Heimatländern."

Das Phänomen Migration sei zu komplex, als dass es sich in einfache Formeln pressen ließe, sagt auch David Kipp, Migrationsexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Warum genau jemand seine Heimat verlässt, lässt sich nicht so einfach berechnen.

Gut belegt ist allerdings die Tatsache, dass die Wahrscheinlichkeit, auf der Flucht zu sterben, gestiegen ist, seit es weniger Seenotretter gibt. 2015 kamen 4 von 1000 Migranten, die die Odyssee über das Mittelmeer wagten, ums Leben. Inzwischen sind es 25 von 1000.

Da insgesamt kaum noch Migranten nach Europa gelangen, sinkt die absolute Zahl der Ertrunkenen zwar: 2016 starben mehr als 5000 Menschen bei der Überfahrt, 2018 etwa 2300. Für jeden einzelnen Flüchtling wird die Reise jedoch immer gefährlicher. Und viele, die es vorher nach Europa geschafft hätten, sitzen nun unter entsetzlichen Zuständen in Libyen fest.

"Man muss handeln, ganz egal, ob die Rettung mehr Menschen nach Europa bringt oder nicht", sagt der österreichische Migrationsexperte Belachew Gebrewold. "Es ist rechtlich und moralisch geboten. Ob Europa ihnen danach Asyl gewährt, ist eine andere Frage."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

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Die Stücke sind beim SPIEGEL zu finden auf der Themenseite Globale Gesellschaft .