Deutsches Seenotrettungsschiff Offenbar Warnschüsse gegen "Alan Kurdi"

Bei einem Konflikt mit der libyschen Küstenwache sind nach SPIEGEL-Informationen offenbar Warnschüsse auf die "Alan Kurdi" abgegeben worden. Der Betreiber des deutschen Seenotrettungsschiffs spricht von Lebensgefahr.

Die "Alan Kurdi" im Mittelmeer (im August): "Ein völliger Schock, es bestand Lebensgefahr"
Darrin Zammit Lupi / REUTERS

Die "Alan Kurdi" im Mittelmeer (im August): "Ein völliger Schock, es bestand Lebensgefahr"

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Das deutsche zivile Rettungsboot "Alan Kurdi" ist nach Angaben eines Sprechers am Samstag vor der libyschen Küste von mindestens drei Booten der libyschen Küstenwache bedroht worden, als es einem Flüchtlingsboot in Seenot zur Hilfe geeilt ist.

"Die Besatzung der libyschen Küstenwache hat Warnschüsse ins Wasser und in die Luft abgegeben. Für unsere Crew war das ein völliger Schock, es bestand Lebensgefahr", sagte Gorden Isler dem SPIEGEL. Isler ist Sprecher von Sea-Eye, die Organisation betreibt das Schiff.

Isler zufolge hatte seine Crew zunächst einen Notruf weitergeleitet bekommen. Demnach sei ein weißes Flüchtlingsboot mit etwa 90 Menschen an Bord in Seenot geraten. Die "Alan Kurdi" habe laut Isler das Boot erreicht und bereits zehn Migranten an Bord genommen, als mindestens drei Boote der libyschen Küstenwache die "Alan Kurdi" umkreist und die Rettung behindert hätten.

Vom Flüchtlingsboot sprangen demnach anschließend Menschen ins Wasser, um zur "Alan Kurdi" zu gelangen. Die libysche Küstenwache habe zum Teil auch Flüchtlinge an Bord genommen, die seien aber wieder ins Wasser gesprungen. Einige Flüchtlinge seien zudem bei der Aktion zwischen "Alan Kurdi" und Flüchtlingsboot geraten, die Situation sei sehr gefährlich gewesen, sagte Isler.

Eine Frau soll verletzt sein

Die Männer auf den libyschen Booten hätten anschließend Warnschüsse in die Luft und ins Wasser abgegeben, ihre Maschinengewehre seien auf die Flüchtlinge im Wasser gerichtet gewesen. "Offenbar wollten sie verhindern, dass wir die Flüchtlinge retten", sagte Isler. Schließlich hätten die libyschen Boote aber abgedreht.

"Wir haben wohl alle Flüchtlinge an Bord", sagt Isler. "Eine Frau, die bei uns an Bord ist, hat allerdings schwere Unterleibsblutungen, wir befürchten, dass sie schwanger ist und ihr Kind verloren hat." Weitere Verletzte seien bisher nicht bekannt. Die "Alan Kurdi" fahre jetzt Richtung Norden.

Bilder, die Sea-Eye dem SPIEGEL zur Verfügung gestellt hat, zeigen die Situation. Zu erkennen ist unter anderem ein weißes Boot, das unter libyscher Flagge fährt, ein Mann steht am Bordgeschütz, nur wenige Meter entfernt ist das weiße Flüchtlingsboot zu sehen sowie die "Alan Kurdi" und die zwei kleineren Rettungsboote der Organisation.

Auf einem anderen Bild sind mindestens zehn Personen erkennbar, die im Wasser schwimmen und offensichtlich Rettungswesten tragen. Offenbar hat auch der Pilot des Aufklärungsflugzeugs "Moonbird", das vom Verein Sea-Watch betrieben wird, die Situation beobachtet.

Der Europäischen Union machte Isler schwere Vorwürfe: "Das war für uns heute sehr gefährlich. Dass diese Personen in der Lage sind, uns auf diese Weise zu bedrohen, hat auch etwas damit zu tun, dass unsere Heimatländer die libysche Küstenwache erst dazu befähigt haben." Die EU unterstützt die libysche Küstenwache darin, Migranten, die über das Mittelmeer nach Europa wollen, zurück in das Bürgerkriegsland zu bringen.

Die "Alan Kurdi" sei nicht in libyschen Territorialgewässern unterwegs gewesen, betonte Isler. Bereits in der Vergangenheit war es zu Konflikten zwischen zivilen Seenotrettungsorganisationen und der libyschen Küstenwache gekommen.

Wenn die libysche Küstenwache Flüchtlinge aus Seenot rettet, werden die Männer und Frauen nach der Anlandung in der Regel in libysche Flüchtlingslager gebracht. Einige der Lager werden von Milizen kontrolliert. Das Auswärtige Amt hat einige dieser Lager einst mit "Konzentrationslagern" verglichen. Dort werden Flüchtlinge teils gefoltert, verkauft, vergewaltigt oder getötet.

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