Selbstmord in Haft Pakistaner bezweifeln Ergebnis der Cheema-Autopsie

Nach dem Tod Amer Cheemas in einem Berliner Gefängnis gibt es in Pakistan Zweifel an dem Ergebnis der Autopsie des Studenten. Das Parlament in Islamabad verlangt eine neue Obduktion, nachdem ein pakistanischer Beamter die Aussagen der deutschen Behörden über den Selbstmord unstimmig genannt hatte.


Islamabad  - Den Berliner Behörden zufolge hat sich der 28-Jährige Mann am 3. Mai in seiner Zelle erhängt. Die Obduktion hatte keinerlei Hinweise auf Fremdverschulden ergeben.

Die pakistanische Zeitung "The News" berichtet nun, der Ausschuss für Menschenrechte des Parlaments in Islamabad verlange eine neue Autopsie der Leiche. Anlass ist die Aussage eines pakistanischen Kriminalbeamten, der bei der Leichenöffnung Amer Cheemas in Deutschland anwesend war. Dem Zeitungsbericht zufolge berichtete Tariq Khosa den Abgeordneten von Unstimmigkeiten.

Demnach sei Cheemas Leiche mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen gefunden worden. Auch fehle das Original des in Cheemas Muttersprache Urdu verfassten Abschiedsbriefes. Die deutschen Behörden hätten den Pakistanern nur einzelne ins Englische übersetzte Absätze zugänglich gemacht. Gemeinsam mit einem weiteren pakistanischen Beamten und einem Vertreter der Botschaft seines Landes habe er zwei Stunden an der Autopsie teilnehmen dürfen, aber kein unterschriebenes Exemplar des Obduktionsberichts erhalten.

Berliner Justiz weist Zweifel zurück

Der Sprecher der Berliner Justizbehörde, Michael Grunwald, bekräftigte heute gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass sich bei der Obduktion der Leiche keine Zweifel am Selbstmord Cheemas ergeben hätten. Darin sei man sich mit den anwesenden pakistanischen Beamten seinerzeit einig gewesen. Cheemas Hände seien zum Zeitpunkt des Auffindens der Leiche tatsächlich fixiert gewesen, jedoch nicht auf dem Rücken, sondern vor der Brust. Nach Angaben der deutschen Pathologen habe Cheema dies selbst vorgenommen, um so eigene Befreiungsversuche in Todesangst zu erschweren, sagte Grunwald. Der vollständige schriftliche Obduktionsbericht werde den pakistanischen Kollegen in Kürze übermittelt.

Cheema hatte im März in Berlin den Chefredakteur der "Welt" wegen des Abdrucks der umstrittenen dänischen Karikaturen des Propheten Mohammed angreifen wollen. Er wurde bei dem Versuch verhaftet, mit einem Messer in das Axel-Springer-Verlagshaus in Berlin einzudringen. Die Staatsanwaltschaft hatte Anklage wegen Nötigung in einem besonders schweren Fall und Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte erhoben. Mehr als 15.000 Menschen hatten vor zwei Wochen an der Beerdigung des Studenten in Saroki in der zentralpakistanischen Provinz Punjab teilgenommen.

Die Familie Cheemas hatte der deutschen Polizei Mord vorgeworfen. In Pakistan war es wegen des Falls zu anti-deutschen Protesten gekommen.

ler/phw/mgb/dpa



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