Selbstmord vor Irak-Einsatz "Ich kann da nicht hingehen und auf kleine Kinder schießen"

Ein 19-jähriger britischer Soldat hat sich wahrscheinlich aus Verzweiflung vor seinem anstehenden Irak-Einsatz das Leben genommen. Er könne nicht auf Kinder schießen, sagte er auf dem Sterbebett. Die Armee habe ihn vor minderjährigen Selbstmordattentätern gewarnt.


London - "Ich kann einfach nicht in den Irak gehen. Ich kann nicht auf kleine Kinder schießen", sagte der Infanteriegefreite Jason Chelsea seiner Mutter, kurz bevor er starb. Das berichtet die britische Zeitung "The Independent". Zuvor hatte Chelsea am 10. August einen Abschiedsbrief geschrieben, 60 Schmerztabletten genommen und sich die Pulsadern aufgeschnitten.

Sein Vater Tony Chelsea sagte, sein Sohn habe der Familie erst nach der Überdosis von seinen Ängsten um den bevorstehenden Einsatz im Irak mit dem Duke of Lancaster's Regiment erzählt. Der Gefreite habe berichtet, "dass sie ihm gesagt haben, er müsse vielleicht auf Kinder schießen, weil sie als Selbstmordattentäter Bomben tragen". Jason Chelsea habe gesagt, die Taktik bei mutmaßlichen Selbstmordattentätern sei: "Erst schießen, dann fragen."

Bisher sind aus dem Irak keine Fälle von Kindern als Selbstmordattentäter bekannt geworden. Die Richtlinien für die Vorbereitung britischer Soldaten auf einen Einsatz dort sieht keine Warnung vor Kindern vor. Quellen im Verteidigungsministerium bestätigten dem "Independent" allerdings, dass jedes Regiment selbst entscheide, welche Detailwarnungen es seinen Soldaten mitgebe.

Psychisch krank durch Irak-Einsatz

Der Tod Jason Chelseas hat in Großbritannien die Debatte um die psychologische Betreuung von Soldaten neu entfacht. Vier Tage bevor der Gefreite die Tabletten schluckte, veröffentlichte das Verteidigungsministerium eine Studie, nach der mehr als 1500 Soldaten, die im Irak im Einsatz waren, unter psychischen Erkrankungen litten. Derzeit sind rund 7000 britische Soldaten im Irak stationiert, bis Mitte des kommenden Jahres soll die Hälfte von ihnen abgezogen werden.

In Großbritannien sind Spezialeinheiten aufgestellt worden, die Soldaten bei der Bewältigung ihrer Stress-Symptome helfen sollen. Es scheint jedoch, als ob Jason Chelsea sich ihnen nicht mitteilen wollte.

Wie der "Independent" berichtet, hätte der Gefreite die Überdosis überleben können. Die Ärzte stellten allerdings fest, dass seine Leber irreparabel durch Alkohol geschädigt war. Chelseas Mutter sagte: "Mein Sohn fing vor anderthalb Jahren an zu trinken, in der Zeit hat er seine Leber zerstört. Ich glaube, das war, weil er wieder schikaniert wurde." Jason Chelsea litt unter Legasthenie, einer Lese- und Rechtschreibschwäche. Die Untersuchung, die das britische Verteidigungsministerium jetzt einleitete, soll auch klären, ob der Gefreite von Kameraden drangsaliert wurde. Sein Vater sagte, Chelsea habe sich im Jahr 2004 schon einmal die Pulsadern aufgeschnitten.

In einem Abschiedsbrief an seine Eltern hatte der junge Soldat geschrieben, er sei nicht gut genug für sie, er sei überflüssig, Abfall. Seinem Vater hatte Chelsea gesagt, er schreibe einen Brief an Verwandte. Als er sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte, rief er einen Notarzt und sagte am Telefon: "Ich habe eine Dummheit begangen." Chelsea starb am 14. August im St. James's Hospital in Leeds, nachdem die Ärzte erklärt hatten, er würde auch eine Transplantation nicht überleben.

Seine Vater sagte nach Angaben des "Independent": "Ich unterstütze die britische Armee und ihren Auftrag. Aber ich würde mich gerne mit einem Bild meines Sohnes vor seine Einheit stellen und diejenigen, die wieder und wieder diese Bemerkungen gemacht haben, auffordern, über die Auswirkungen nachzudenken."

sön



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