Selbstmordanschlag Bhutto will trotz Anschlags in Pakistan bleiben

136 Menschen tot, bis zu 500 verletzt – nach dem Anschlag auf Pakistans Ex-Premierministerin Bhutto laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Ihr Ehemann beschuldigt die Geheimdienste der Tat, Präsident Musharraf militante Islamisten. Bhutto selbst will trotz der Bluttat im Land bleiben.


Karatschi – Pakistan im Ausnahmezustand: Viele der rund 500 Verletzten ringen Stunden nach dem Anschlag noch immer um ihr Leben. Die Polizei ermittelt am Ort des Grauens, Ermittler suchen nach Attentätern und Hintermännern. Augenzeugen berichten von der Horrornacht.

Der Fotograf B. K. Bangash hat den Anschlag beim Empfang für die frühere pakistanische Ministerpräsidentin Benazir Bhutto als Augenzeuge hautnah miterlebt. "Die erste Explosion hörte sich an, als ob ein Reifen an einem Bus geplatzt wäre. Ich ging näher heran, da gab es eine zweite Explosion. Dutzende Leute rannten als Flammenbälle umher. Dreck und Trümmer wurden in den nächtlichen Himmel geschleudert. Ein Polizeiwagen stand in Flammen. Die Straßen waren übersät mit Leichen. Überall lagen Arme, Beine und andere Körperteile. Ich hörte, wie ein Vater verzweifelt nach seinem Sohn rief. Er bat mich, ihm bei der Suche zu helfen. Später erfuhr ich, dass der sechs Jahre alte Junge tot war", berichtet der Mitarbeiter der Nachrichtenagentur AP.

"Die meisten der Opfer waren Männer. Viele von ihnen hatten die Prozession auf ihren Motorrädern begleitet. Ich sah aber auch mindestens zwei Kinderleichen. Opfer ohne Gliedmaßen schrien um Hilfe. Eltern suchten wahnsinnig vor Sorge nach vermissten Kindern. Die Flammen schickten Hitzewellen durch die Straßen. In der Luft hing der Geruch von Blut. Etwa 20 Minuten später - es erschien wie eine Ewigkeit - drangen die Sirenen von Krankenwagen durch das Chaos", so Bangash.

Auch die Londoner Bürochefin von AP war nahe am Geschehen. Paisley Dodds begleitete Bhutto auf dem Flug von Dubai nach Karatschi und auf der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt. Dodds beschreibt die letzten Minuten vor dem Attentat aus dem nächsten Umfeld Bhuttos: "Bhutto, die eine Baseballkappe ihrer Partei über dem weißen Schal trug, der zu ihrem Markenzeichen geworden ist, stand da und winkte ihren Anhängern zu. Dann suchte sie Zuflucht im Gewühl ihrer Berater im Bus. So saß sie meist für die Massen verborgen da. Sie fummelte an ihrem Handy herum, offenbar schrieb sie SMS."

15 bis 20 Kilogramm Sprengstoff

Als die Menge immer dichter wurde, habe sich Bhutto immer mehr in den Hintergrund zurückgezogen. "Eine kleine Gruppe von Männern steckte drei US-Fahnen in Brand und rief: 'Nieder mit den USA, nein zu Bhutto und den USA!'", berichtet Dodds. "Doch insgesamt war die Versammlung friedlich. Die Leute schienen glücklich. Für einen Moment hielt ich mich für paranoid, weil ich dachte, Bhuttos Heimkehr würde in einer Tragödie enden."

Doch wenig später bestätigten sich Dodds Befürchtungen: Kurz nach Mitternacht (Ortszeit) griffen Terroristen Bhuttos Parade-Lastwagen an. Nach Angaben der Polizei wurde zuerst eine Granate gezündet, dann sprengte sich ein Selbstmordattentäter mit 15 bis 20 Kilogramm Sprengstoff direkt neben dem Fahrzeug Bhuttos in die Luft. Die pakistanische Zeitung "The Dawn" berichtete unter Berufung auf nicht näher genannte Quellen, ein Mann habe sich dem Konvoi genähert und "Bombe, Bombe!" gebrüllt. Dann habe er einen Sprengsatz gezündet, der auch einen Polizeiwagen traf.

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