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13. Dezember 2010, 16:06 Uhr

Selbstmordattentat in Stockholm

Terrorist mit Wunsch nach Großfamilie

Von Yassin Musharbash

Es sollte ein Massaker werden: Selbstmordattentäter Taimour Abdulwahab wollte seine Bomben in einem Stockholmer Bahnhof oder Kaufhaus zünden, vermuten Ermittler. Nun werten sie Hinweise aus: War er Einzeltäter oder Teil einer Zelle? Seiner Moscheegemeinde in England fiel sein Extremismus schon 2007 auf.

Berlin/London - "Ich hoffe, du bist eine fromme Gläubige und sehnst dich nach dem Paradies. Wenn ja, melde dich": Mit diesen Worten suchte Taimour Abdulwahab bei einer muslimischen Internet-Partnerbörse nach einer zweiten Ehefrau. Seine erste Frau, auch das schrieb er in sein Profil, sei mit einer Mehrehe einverstanden. Er wünsche sich eine große Familie, ließ er die Leserinnen wissen. "Ich kann nicht sagen, dass ich reich bin, aber Gott sei Dank bin ich auch nicht arm."

Diese Kontaktanzeige war noch bis zum Samstag im Internet zu finden - dem Tag, an dem Abdulwahab als Selbstmordattentäter in der Innenstadt Stockholms starb. Es war der Tag vor seinem Geburtstag, heißt es in der norwegischen Presse, er wäre am Sonntag 29 Jahre alt geworden.

Kurz zuvor hatte er eine Audiobotschaft an eine Nachrichtenagentur und den schwedischen Nachrichtendienst versandt, in der er zwei Motive für seine Tat nannte: das Engagement Schwedens in Afghanistan; und eine Mohammed-Karikatur des schwedischen Karikaturisten Lars Vilks.

Zwei Tage nach dem Anschlag liegt eine Fülle von Details zu Abdulwahab vor. Aber eine entscheidende Frage ist ungeklärt: Handelte der gebürtige Iraker auf eigene Faust - oder war er Teil einer Zelle? Gab es womöglich sogar einen Einsatzbefehl oder eine Absprache mit einer Terrorgruppe?

Radikale Facebook-Seite

Die schwedischen Behörden gehen davon aus, dass die Angaben, die Abdulwahab in dem Dating-Portal gemacht hat, mehrheitlich stimmen. Ihnen zufolge wurde Abdulwahab in Bagdad geboren und kam 1992 nach Schweden. 2001 zog er nach Großbritannien. Er habe dort eine Ausbildung zum Physiotherapeuten gemacht und habe zwei Töchter. Als Wohnort gab er Luton an; tatsächlich wurde seine Familie dort gefunden. Dem britischen "Guardian" zufolge wurde Abdulwahab selbst dort zuletzt vor circa zweieinhalb Wochen gesehen.

Auch eine (mittlerweile abgeschaltete) Facebook-Seite soll Abdulwahab Medienberichten zufolge betrieben haben. Die Angaben lassen sich nicht mehr nachvollziehen, aber der Inhalt seiner Facebook-Seite soll in den letzten Monaten radikaler geworden sein; auch dschihadistische Propaganda habe er eingestellt, berichtet der "Guardian".

Weniger eindeutig sind die Hinweise in der Frage, ob Abdulwahab Kontakt mit Terrorgruppen hatte. Dem Fachblog Long War Journal zufolge fand sich auf seiner Facebook-Seite ein Bild, das ihn in Jordanien zeigt. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht - ebenso wenig für Meldungen und Berichte, denen zufolge Abdulwahab sich zeitweise im Irak aufhielt. Oder gar in Pakistan in einem Terrorcamp war.

In seiner Audiobotschaft gibt es allerdings drei Bemerkungen, die nun genau überprüft werden.

Mit dem "Islamischen Staat" könnte Abdulwahab auf al-Qaida im Irak angespielt haben; die dortige Filiale des Terrornetzwerks tritt unter dem Namen "Islamischer Staat Irak" auf und hat den Zeichner Vilks 2007 mit dem Tode bedroht. Allerdings ist es für eine Gruppe wie al-Qaida im Irak untypisch, dass das Vermächtnis eines Attentäters vor dem Anschlag abgeschickt wird. Außerdem würde ein Attentäter, der im Auftrag al-Qaidas agiert, vermutlich diesen Bezug herausstellen. Bis zum Montagnachmittag hat sich weder al-Qaida noch eine andere Gruppe zu dem Anschlag bekannt.

Ermittler: Anschlag war "gut vorbereitet"

Der norwegische Terrorexperte Thomas Hegghammer gibt indes zu bedenken, dass Abdulwahab "sich aber auch nicht in einem Vakuum radikalisiert haben kann". Zu irgendeinem Zeitpunkt müsse er mit Radikalen in Kontakt gewesen sein - womöglich über das Internet, eventuell "im Feld", also zum Beispiel im Irak.

Auch die schwedische Polizei glaubt, dass es Mitverschwörer gab. Das Attentat sei zwar fehlgeschlagen, aber "gut vorbereitet" gewesen, sagte der zuständige Staatsanwalt Thomas Lindstrand am Montag. Deshalb gehe man von Helfern bei der Vorbereitung aus. Es gebe aber keine Verdächtigen.

Der Anschlag sollte offenbar ein Massaker anrichten; dass es dazu nicht kam - es wurden nur zwei Unbeteiligte verletzt; der Attentäter selbst kam ums Leben -, lag möglicherweise daran, dass einer der Sprengsätze, die Abdulwahab am Leib trug, zu früh explodierte. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hatte er ein halbes Dutzend Bomben in einem Rucksack bei sich. Die schwedischen Ermittler berichteten am Montag, es gebe Vermutungen, dass er auf dem Weg zum Hauptbahnhof oder in ein Kaufhaus gewesen sei, als eine dieser Rohrbomben versehentlich hochging.

Kurz vor dieser Explosion war schon das Fahrzeug des Attentäters in Flammen aufgegangen. Womöglich gab es auch hier Glück im Unglück, denn Medienberichten zufolge, die aber nicht offiziell bestätigt sind, hatte Abdulwahab in dem Audi Gasbehälter deponiert - mutmaßlich mit dem Ziel, eine größere Explosion herbeizuführen.

Ein Held für Cyber-Dschihadisten

In dschihadistischen Internetforen wird Abdulwahab als Held gefeiert - allerdings nicht von allen. Es gibt auch Skeptiker in der Community der Cyber-Dschihadisten: "Andere Länder, Italien oder England zum Beispiel, sind doch wohl eher dran", schrieb einer. Schweden sei im Vergleich unwichtig. Auf einer dieser Websites tauchte ein Foto des Attentäters auf - zusammen mit einem kurzen Text, der zu bestätigen schien, dass es sich um Abdulwahab handelt. Ob es sich bei diesem Posting um das Bekenntnis eines Mitverschwörers handelt, ist unklar. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass der Text und das Bild von einem Terrorsympathisanten eingestellt wurden, der das Bild von Abdulwahabs Facebook-Seite kopiert hatte.

Da Abdulwahab seinen Wohnsitz in Luton hatte, rückt die Kleinstadt mit ihrer berüchtigten islamistischen Szene ebenfalls in den Fokus der Ermittler. Bereits am Sonntagabend durchsuchte die britische Polizei das Haus in Luton, in dem Abdulwahab mit seiner schwedischen Frau Mona und drei kleinen Kindern gelebt hatte.

Dem "Daily Telegraph" zufolge fiel er schon 2007 wegen seiner Radikalität auf - aus einer lokalen Moschee wurde er mehr oder weniger herausgeworfen. Qadeer Baksh, der Vorsitzende des Luton Islamic Centre, sagte dem Blatt, der Attentäter habe dort auch gepredigt. Als er bemerkte, wie extrem seine Ansichten seien, habe er ihn zur Rede gestellt. Erst privat - dann vor aller Augen, woraufhin Abdulwahab aus dem Gebetshaus gestürmt sei.

Rund 15 Prozent der 200.000 Einwohner von Luton sind Muslime, die große Mehrheit hat mit Terror nichts im Sinn. Dennoch gab es immer wieder Schlagzeilen: Einer der Verschwörer des vereitelten "Düngemittel-Bombenattentats" von 2004 lebte hier. Die Attentäter der Londoner Terroranschläge vom Juli 2005 trafen sich ebenfalls in Luton. Und 2008 wurde die Stadt in einem britischen Geheimdienstbericht als Zentrum der Radikalen erwähnt.

Unklares Profil

Der Anschlag vom Samstag war der erste seiner Art in Skandinavien - er markiert eine Zäsur und fügt sich in die seit Monaten gestiegenen Befürchtungen, Europa stehe derzeit besonders im Visier dschihadistischer Terroristen. Sicher scheint zudem, dass Abdulwahab und seine vermuteten Mitverschwörer nicht besonders gut ausgebildet waren - wenn sie überhaupt in einem Terrorcamp waren, dann vermutlich nur kurz. Der Anschlag lässt sich insofern am ehesten mit den gescheiterten Londoner Anschlägen vom 21. Juli 2005 oder dem Fall der Kofferbomber in Deutschland 2006 vergleichen.

Sollten Abdulwahab und seine vermuteten Mittäter gar ohne jeden Kontakt zu Terrorgruppen gehandelt haben, würde dies Befürchtungen bestätigen, dass die Propaganda von al-Qaida und Co., die ihren Anhängern seit Monaten Eigeninitiative einimpfen, zunehmend befolgt wird.

Mitarbeit: Carsten Volkery, London

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