Seltsame Ahnung Stadtverwaltung verteilte Katastrophen-Broschüre

Nur wenige Tage vor dem katastrophalen Stromausfall ließ die New Yorker Stadtverwaltung eine Broschüre verteilen. Darin wurden die Menschen auf den Katastrophenfall vorbereitet und Tipps zum Überleben gegeben: Unter den Tisch krabbeln, pfeifen, ruhig bleiben.

Die Bürger in New York hatten sich daran gewöhnt, jeden Tag mit allerlei Farben zu leben, die verschiedene Stufen der Terrorgefahr anzeigten. Gekümmert haben sich immer weniger darum. Und so haben sie sich auch nicht weiter gewundert, als das New Yorker Amt für Katastrophenschutz in den letzten Wochen eine halbe Million Broschüren der Aktion "Ready New York" unters Volk brachte. Darin erläuterten die Beamten den Bürgern in kurzen Kapiteln, auf welche Eventualitäten sie sich vorbereiten sollten.

Gleich zu Beginn der freundlichen 16-Seiten-Anleitung zur Bewältigung der Apokalypse findet der interessierte Bürger eine Übersicht der potentiellen Gefahren, die ihm bevorstehen können im Großstadtdschungel. Dazu gehören unter anderem Erdbeben, Stürme, Buschfeuer, Atomschläge, Seuchen, chemische Angriffe, schlechtes Wetter - und, als hätten die Behörden es geahnt: Stromausfälle.

Viele der Leute, die sich nach den aktuellen Stromausfällen in Kolonnen wie Ameisen über New-Yorker Straßen schoben, wären mit dem Heftchen sicher auch nicht vom Fleck gekommen - denn sie waren teilweise in Bahnen eingeschlossen und steckten in Aufzügen fest. Zu mehr als zum Festhalten hätte die Broschüre in Sachen Überleben also nicht gereicht.

Sie hält aber allerlei nützliche Tipps für den Ernstfall bereit: So soll sich, wer in der U-Bahn fest steckt, stets gewiss sein: "Der U-Bahn-Kontroll-Center ist ständig in Verbindung mit den Zug-Mannschaften." Und für den Fall, dass das nicht klappt: "Die Zugmannschaft wird durch die Züge laufen, um die Passagiere über den Unfall-Evakuierungsplan anzuweisen."

Ob alle das Heft gelesen haben, wird sich erst heraus stellen, wenn die Bahnen wieder fahren. Den Handlungsanweisungen geht ein kleiner geschichtlicher Abriss voran zur Beruhigung, frei nach dem Motto: Stromausfälle sind nichts ungewöhnliches, auch wenn sie selten sind.

Zwei Mal in der Geschichte New Yorks (1965 und 1977) gab es demnach so starke Stromausfälle, Probleme bei der Wasser- oder Gasversorgung und mit dem Telefon, dass die ganze Stadt lahm lag.

Im Juli 1999 hat dem Infoblatt zufolge eine Hitzewelle 200.000 Leute in Manhattan vom Strom abgeschnitten - manche davon für 19 Stunden. Und die U-Bahn legte den Verkehr in der Rush Hour lahm. Im Juli 2002 sah es nicht besser aus: Mehr als 60.000 Kunden einer Stromfirma in Manhattans lower west side waren für sieben Stunden vom Netz, sechs U-Bahn-Linien fuhren nicht mehr. Und 1998 sorgte ein Wasserschaden dafür, dass in halb Manhattan nichts mehr lief. Kleinere Wasserprobleme plagen die New Yorker rund 600 Mal im Jahr.

Für alle möglichen Katastrophenfälle gibt es in dem Survival-Heft aus dem Hause Bloomberg Handlungsanweisungen. Die Gegenmaßnahmen sind glücklicherweise denkbar simpel. Bei Erdbeben, Atomschlägen und einstürzenden Gebäuden empfiehlt das Amt, Schutz unter einem Tisch zu suchen.

Wer unter Trümmern eingeklemmt wird, sollte sich mit einer Trillerpfeife bemerkbar machen. Befindet man sich im Falle einer radioaktiven Verseuchung im Freien, hilft es, ein Gebäude aufzusuchen. Es sei denn, die Quelle der Radioaktivität befindet sich in einem Gebäude. Dann freilich sollte man dieses umgehend verlassen.

Außerdem sollte man sich bei Kältewellen warm anziehen, bei Hitze pralle Sonne vermeiden und bei Gewitter nicht unter Bäumen stehen. Ferner empfiehlt es sich, allzeit ein Fluchtköfferchen mit wichtigen Dokumenten, Medizin und einem Notradio gepackt zu haben. Was bei Stromausfall zu tun sei, ist im "Ready-New-York"-Heft allerdings nicht zu lesen.

Roman Pletter

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