Migration nach Europa "Wir Afrikaner müssen etwas für Afrika tun"

Im Senegal sitzen erstmals 15 Diaspora-Abgeordnete im Parlament. Sie vertreten all jene, die ausgewandert sind. Einer von ihnen ist Mor Kane, der 35 Jahre in Europa gelebt hat. Warum braucht es Politiker wie ihn?

Mor Kane, der Diaspora-Abgeordnete in Senegal
privat

Mor Kane, der Diaspora-Abgeordnete in Senegal

Aus Dakar berichtet


Als Mor Kane 1983 zum ersten Mal nach Paris reiste, da war Europa noch keine Festung. Wer einreisen wollte, musste lediglich das Geld für ein Flugticket sparen und sich einen Reisepass besorgen. Visa gab es noch nicht. Kane, damals 32, wollte nach Frankreich, um Geld zu verdienen, mehr, als er in seiner Heimat oder in den Nachbarländern Niger und Mali verdient hatte. Seiner Frau und den Kindern im Senegal sollte es gut gehen.

Zwei Jahre später ging er nach Italien, noch mal drei Jahre später, 1990, landete er in Spanien, weil er eine Aufenthaltsgenehmigung beantragt hatte, die innerhalb weniger Tage genehmigt wurde. Heute unvorstellbar. Er landete in Burgos, einer Stadt nördlich von Madrid, wo er bis 2017 wohnte, und arbeitete mal als Händler oder Techniker, mal am Flughafen, beim Bau, bei einer Stadtverwaltung. In den vergangenen Jahren importierte er vor allem Gürtel und Taschen aus Marokko nach Spanien. Das Geld, das er verdiente, schickte er zum großen Teil seiner Familie. Jedes Jahr fuhr er für zwei, drei Monate nach Hause. Im Laufe der Jahre heiratete er drei Frauen, die bis heute alle in einem großen Haus leben. Kane hat insgesamt elf Kinder. Der älteste ist 42, der jüngste elf.

Als 2017 zum ersten Mal 15 Abgeordnete ins senegalesische Parlament gewählt wurden, um alle Auswanderer zu vertreten, stellte Kane sich zur Wahl und gewann ein Mandat. Er war gut vernetzt, weil er seit 2010 dem Rat der Senegalesen im Ausland als Präsident vorstand, ein Gremium, das direkt an das Innenministerium angegliedert ist.

Mor Kane
privat

Mor Kane

Die senegalesische Diaspora spielt für die Politiker im Inland offenbar eine große Rolle. Dabei ist noch nicht mal klar, wie groß diese Gruppe überhaupt ist. Laut Uno waren 2017 insgesamt 559.952 Senegalesen im Ausland registriert, knapp die Hälfte davon in Europa. Der Rat der Senegalesen im Ausland schätzt die Zahl eher auf 2,5 bis 3 Millionen. Im Senegal selbst leben etwa 14 Millionen Menschen.

Auch wenn es noch immer Senegalesen gibt, die sich in Boote Richtung Europa setzen, einen Massenexodus wie in Nigeria oder Gambia gibt es nicht. Der Senegal ist ein armes Land, aber ein stabiles. Das Wirtschaftswachstum steigt jährlich um einige Prozentpunkte, abgewählte Präsidenten erkennen ihre Niederlagen an, es gab seit der Unabhängigkeit 1960 keinen Putsch.

Entscheidend dafür, dass die Diaspora eine so große Rolle in dem Land spielt, ist aber nicht die schiere Anzahl der Menschen, sondern die Summe ihrer Rücküberweisungen. Die Senegalesen im Ausland schicken ihren Familien Geld, sie investieren in Fabriken und Unternehmen, sie bauen Hotels und Wohnhäuser. Allein 2017 kamen so laut Westafrikanischer Zentralbank BCEAO 1103,8 Milliarden CFA zurück ins Land, umgerechnet 1,68 Milliarden Euro. Das ist so viel wie ein Drittel des Gesamthaushalts des Landes.

Aus Europa kamen um die 40 Prozent der Rücküberweisungen. Auch deshalb kommen sechs der Diaspora-Abgeordneten dorther. Die restlichen Abgeordneten leben in Amerika, Asien und anderen Teilen Afrikas.

An einem drückend heißen Tag Ende September sitzt Mor Kane, 67, in seinem Büro der Assemblée Nationale, dem Parlament in der Hauptstadt Dakar, vor einem leeren Schreibtisch. Kane teilt sich das Büro mit den beiden anderen Abgeordneten aus Südeuropa, Nango Seck und Mame Diarra Fam. Die beiden leben mit ihren Familien in Italien. Kane hingegen ist nach seiner Wahl zurück in den Senegal gezogen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten wohnt er mit seiner Familie zusammen, endlich. Jetzt fliegt er einmal im Jahr für einige Monate nach Spanien, um mit seinen Wählern Kontakt zu halten.

Was denen vor allem am Herzen liegt? "Sie wollen Arbeit und Papiere, also Aufenthaltsgenehmigungen." Außerdem sei es manchmal "kompliziert" für Menschen mit dunkler Haut in Europa.

Doch das ist nichts, was er als senegalesischer Abgeordneter so einfach ändern kann. Was er von seiner Regierung fordert, ist Ehrlichkeit. Früher sei Migration ja eine gute Sache gewesen, er selbst habe davon profitiert. Aber als einer seiner Söhne ihm 2016 erklärte, er wolle jetzt auch mit dem Boot übers Mittelmeer, um sein Glück in Europa zu versuchen, habe er es nicht fassen können. Heute hätten schließlich selbst die Franzosen und Spanier Schwierigkeiten, Arbeit zu finden. Und in den USA zum Beispiel gäbe es furchtbar viele Obdachlose. "Wieso sollte man in diese Länder auswandern?", habe er seinen Sohn gefragt. Der habe es zum Glück eingesehen.

Der Weg durch Libyen und übers Mittelmeer sei viel zu gefährlich. "Aber keiner hier in Afrika macht den Mund auf", sagt Kane und wird auf einmal wütend. Weder die Afrikanische Union noch die Westafrikanische Wirtschaftsunion CEDEAO würden mit der EU zusammenarbeiten, um die Migration zu zügeln, das sei ein Fehler. "Die müssen die jungen Leute aufhalten!"

Auch der senegalesischen Regierung macht er Vorwürfe, keine Verantwortung zu übernehmen. Kane selbst ist Mitglied der Oppositionspartei PDS. Der Staat müsse die Leute ausbilden und richtige Jobs schaffen, nicht nur falsche Versprechen machen. Es gebe im Senegal schließlich Gas, Öl, Gold, auch der Boden sei fruchtbar.

Viele der Diaspora-Senegalesen würden gern noch mehr in ihrer Heimat investieren, behauptet Kane, wenn sie nur sichergehen könnten, dass ihr Geld nicht durch Korruption auf irgendwelchen privaten Bankkonten verschwinde. Die Regierung müsse die Projekte der Auswanderer besser beaufsichtigen, fordert Kane deshalb.

Dass Senegalesen wie die meisten anderen Afrikaner heute nur in Ausnahmefällen ein Visum für Europa bekommen, dass die Grenzschutzorganisation Frontex auf dem Mittelmeer patrouilliert und illegale Einwanderung eindämmen soll, findet Kane nicht verwerflich. Es brauche Abkommen mit der EU, ja, aber vorher müssten die afrikanischen Staaten etwas tun. "Die Migration kommt doch von uns. Europa macht seine Arbeit - für die Europäer. Jetzt müssen wir als Afrikaner etwas für Afrika tun."

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