Senfgas im Irak Keine "smoking gun"

Die Senfgas-Raketen, die heute im Irak von polnischen Soldaten präsentiert wurden, sind zwar gefährlich. Doch selbst die Amerikaner versuchen erst gar nicht, den Fund als Durchbruch bei der Suche nach Massenvernichtungswaffen darzustellen.

Von


Warschau - Saddam Hussein vor Gericht - und jetzt ist auch noch die "smoking gun" gefunden, die schussbereiten Massenvernichtungswaffen, mit denen George W. Bush den Einmarsch im Irak begründet hatte. Solch ein Szenario käme Washington und seinen Verbündeten gerade recht. Doch dafür können die 17 Raketen mit chemischen Kampfstoffen und die beiden Sarin-Granaten, die polnische Soldaten Ende Juni im Irak aufgestöbert haben, nicht herhalten.

Die Raketen vom Typ GRAD, einem hoffnungslos veralteten russischen System, wurden bereits zwischen 1980 und 1988 produziert. Sie haben nur eine Reichweite von 20 Kilometern. Insofern hätte Saddam Hussein damit kaum die Nachbarländer oder gar Israel bedrohen können. Sogar das Pentagon bleibt gelassen: "Das ist vielleicht nicht der Durchbruch, aber der polnische Fund belegt, dass Saddam die Uno angelogen hat", sagte ein Sprecher. Tatsächlich hatte das irakische Regime auch den Besitz solcher Waffensysteme geleugnet. Einen Krieg für ein paar Senfgas-Granaten hätte wohl trotzdem niemand ernsthaft angefangen.

Polnische Militärs sorgen sich denn auch eher darum, dass solche Waffen heute noch in die Hände von Aufständischen geraten könnten. Spezialeinheiten hatten die Geschosse nämlich von der "irakischen Bevölkerung" gekauft, gab der Chef des militärischen Geheimdienstes, Marek Dukaczewski, in Warschau am Freitag bekannt. Der polnische Geheimdienst habe herausgefunden, dass sich gleichzeitig auch Terroristen um die Waffen bemühten. 5000 Dollar hätten sie pro Stück ausgeben wollen. Wahrscheinlich haben die Polen sie einfach überboten.

Solche Kaufaktionen sind in Krisengebieten keine Seltenheit. Auch in Afghanistan sammelte die US-Armee auf diese Weise gefährliche "Stinger"-Raketen ein. 5000 Dollar zahlte die Army pro Rakete, die in den achtziger Jahren von Mudschahidin-Kämpfern mit Vorliebe gegen russische Hubschrauber eingesetzt worden war. Um zu vermeiden, dass auch US-Hubschrauber zur Zielscheibe werden könnten, entwickelten die Amerikaner das Kaufkonzept.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.