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Teenager-Soldaten in der Ukraine: "Oft rieche ich Blut und verglühtes Metall"

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Teenager-Soldaten in der Ukraine "Oft rieche ich Blut und verglühtes Metall"

Im Ukrainekonflikt werfen sich beide Seiten vor, Kindersoldaten einzusetzen, das gehört zur Propaganda. Doch es gibt tatsächlich solche Fälle. Ein ZDF-Team hat nun junge Kämpfer bei den Separatisten besucht.

Wenn der 15 Jahre alte Semjon heute seine beste Freundin besucht, führt ihn der Weg auf einen Friedhof der ostukrainischen Großstadt Luhansk. Ein einfaches Holzkreuz erinnert dort an Alexandra Kaplina, geboren am 21. Dezember 1998, gestorben am 16. September 2014. Semjon nennt sie zärtlich "Saschenka", das ist Alexandras Kosename. Sie war gerade einmal 15 Jahre alt, als sie von der Kugel eines ukrainischen Scharfschützen getötet wurde.

Ein unbescholtenes ziviles Opfer aber war sie nicht. Auch Semjon ist kein gewöhnlicher ostukrainischer Junge. Beide haben mit der Waffe in der Hand auf der Seite der prorussischen Separatisten in der Ostukraine gekämpft. Laut Unicef und Amnesty International fallen sie damit in die Kategorie "Kindersoldaten".

Ein ZDF-Team hat die Geschichte mehrerer minderjähriger Soldaten der Separatisten-Armee rekonstruiert. Die Reporter trafen Semjon in Luhansk und begleiteten ihn zum Grab seiner Gefährtin.

Propaganda-Schlacht zwischen Kiew und den Separatisten

Der Einsatz minderjähriger Kämpfer wird eher mit Warlords in Afrika in Verbindung gebracht, die Kinder versklaven und zu Killern ausbilden. Aber auch in der Ukraine legen sich die Kriegsparteien immer wieder gegenseitig den Einsatz von Kindersoldaten zur Last.

Russische Medien berichteten groß über den Fall der ukrainischen Rechtsextremen Wita Sawarucha. Die heute 19-Jährige hat im Osten gekämpft. Videos zeigen, wie sie wahllos mit einer Panzerfaust auf ein Dorf feuert. "Lady Genozid" titelte die Moskauer Wochenzeitung "Argumenty i Fakty".

Die Beschuldigungen sind Teil des Propaganda-Duells zwischen Kiew auf der einen sowie den Separatisten und Russland auf der anderen Seite geworden. Die Lager versuchen, sich gegenseitig als möglichst unmenschlich darzustellen.

Tatsächlich werden in der Ukraine Kinder im Alter von 10 bis 16 Jahren militärisch ausgebildet, auf beiden Seiten der Front. Die prorussischen Separatisten unterhalten solche Trainingslager, bei den Ukrainern sind es die Garden der ukrainischen Nationalisten, darunter das "Asow"-Bataillon und der "Rechte Sektor". Zahlreiche Medien haben darüber berichtet. Oft fällt in dem Zusammenhang der Begriff "Kindersoldaten". Es fehlt allerdings an Belegen, dass Teilnehmer aus patriotischen Bootcamps massenhaft zum Fronteinsatz geschickt wurden. Der Drill ist wohl eher Vorbereitung für die ideologischen Auseinandersetzungen von morgen.

Das ZDF hat dagegen als erstes TV-Team aus dem Ausland jene Jugendlichen ausfindig gemacht, die unmittelbar in Kämpfe verwickelt waren. Einer davon ist der 15 Jahre alte Bogdan Krawtschenko. Die Separatisten haben ihn an einem Checkpoint eine Propaganda-Botschaft an seinen Vater aufnehmen lassen. Der lebt jenseits der Front, auf einem Gebiet, das die Regierung der Ukraine kontrolliert. "Hallo Papa, ich lebe, ich bin gesund, mir geht's gut, wie du siehst. Kommt auch hierher, wenn ihr könnt", sagt Bogdan.

"Im Krieg wurden die Kinder schnell erwachsen"

Das ZDF hat sich in Luhansk auf die Suche nach Bogdan und jenen gemacht, die Verantwortung für sein Schicksal tragen. Die Journalisten trafen Larissa Sajez, eine Frau, die für eine Kinderorganisation in den prorussischen Volksrepubliken arbeitet. Laut Medien im Separatistengebiet fungiert sie auch als Vormund für den Jungen. Verwerfliches mag sie an seinem Fall nicht finden. Im Gegenteil: Ihn habe eben "großer Patriotismus" getrieben. Sie spricht auch von "ziemlich vielen Kindern", die an Kämpfen teilgenommen hätten. Und wie das nun mal im Krieg sei, "wurden die Kinder schnell erwachsen", sagt sie.

Bogdan kommt auch selbst zu Wort. Er gibt zu, dass er direkt an Kämpfen beteiligt war. Ob er auch getötet habe, wollen die Reporter von ihm wissen. "Menschen habe ich nicht getötet, nur Faschisten", antwortet der Junge ungerührt. "Ich bin der Meinung, auf der anderen Seite gibt es keine Menschen". Er hat die Propagandaparolen seiner Kommandeure verinnerlicht.

Die Reportage lässt erahnen, welche seelischen Verletzungen viele der jungen Kämpfer davontragen. So konnte das ZDF-Team in einer Kadettenschule in Luhansk drehen. Als ein von den Separatisten abgestellter Aufpasser den Raum verließ, bricht einer der Jungen in Tränen aus. Er heißt Jewgenij und war 15, als er an der Front mit ansehen musste, wie die Körper von Gegnern und Kameraden gleichermaßen von Geschossen zerrissen wurden.

Er habe nachts Albträume, wache auf und könne tagelang nicht wieder einschlafen. "Und oft rieche ich Blut", sagt er. "Und ich rieche verglühtes Metall. Der Geruch von Metall begleitet mich."


Die Sendung "Frontal 21" mit dem Beitrag über die minderjährigen Soldaten läuft an diesem Dienstag um 21 Uhr im ZDF.