Präsident des Kosovo zur Lage auf dem Balkan "Serben und Kosovaren trennt ein ganzer Fluss aus Blut"

Hashim Thaci ist Präsident des Kosovo - und lehnt einen möglichen Gebietstausch mit Serbien vehement ab. Hier spricht er über historischen Hass in der Region. Dem Westen macht das Staatsoberhaupt schwere Vorwürfe.

Kosovos Präsident Hashim Thaci: "Serbien muss das Kosovo endlich anerkennen"
John Macdougall/ AFP

Kosovos Präsident Hashim Thaci: "Serbien muss das Kosovo endlich anerkennen"

Ein Interview von und


Zur Person
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    Hashim Thaci, 51. Sein Deckname war "Schlange", als er noch für die Kosovo-Befreiungsarmee UCK gegen die Serben kämpfte. Er musste fliehen und erhielt in der Schweiz den Status eines politischen Flüchtlings. Ab 2007 war er Premier des Kosovo und wurde 2016 Präsident. Ihm wurden Verbindungen zur Organisierten Kriminalität nachgesagt. Zur Anklage kam es nie. Als Staatsoberhaupt setzte sich Thaci für eine Annährung mit Serbien ein.

SPIEGEL ONLINE: Herr Präsident, es gab große Erwartungen an den Westbalkan-Gipfel im Kanzleramt. Das Resultat ist mager - mehr als eine vage Absichtserklärung, einen Dialog zwischen Serbien und Kosovo neu aufzunehmen, gab es nicht. Sind Sie enttäuscht?

Hashim Thaci: Ich hatte keine großen Erwartungen an diesen Gipfel, aber ich schätze die Initiative und persönlichen Engagement von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Präsident Emmanuel Macron sehr und hoffe, dass wir in den nächsten Gipfel die ersten konkreten Ergebnisse erzielen.

"Aufgebauscht": Im Vorfeld des Westbalkan-Gipfels wurde ein Gebietsaustausch diskutiert.
SPIEGEL ONLINE

"Aufgebauscht": Im Vorfeld des Westbalkan-Gipfels wurde ein Gebietsaustausch diskutiert.

SPIEGEL ONLINE: Um einen dauerhaften Frieden zwischen dem Kosovo und Serbien zu stiften, wurde zuletzt auch ein Gebietstausch diskutiert: Der mehrheitlich serbisch besiedelte Nordteil ihres Landes würde an Belgrad gehen, dafür bekäme das Kosovo das von Albanern bewohnte Presevo-Tal. Was halten Sie davon?

Thaci: Da hat es viele Missverständnisse gegeben. Wir werden keinem Gebietsaustausch zustimmen. Solch einen Handel lasse ich nicht zu. Wir wollen auch nicht, dass im Kosovo eine zweite Republika Srpska entsteht, also wie in Bosnien ein von Serbien kontrollierter Teilstaat. Das könnte passieren, wenn wir dem Norden irgendwie einen Sonderstatus einräumen. Das Kosovo ist ein multiethnischer Staat. Deshalb wird es keine Grenzziehung nach ethnischen Kriterien geben.

SPIEGEL ONLINE: Der Tausch ist also damit für Sie vom Tisch. Was wollen Sie dann?

Thaci: Der lag nie auf dem Tisch, das wurde aufgebauscht. Ich wäre aber dafür, die albanisch besiedelten Gebiete Presevo-Tal (lesen Sie hier eine Reportage von vor Ort), Bujanovac und Medvedja enger an das Kosovo anzuschließen - durch offene Grenzen, aber ohne Grenzen zu verändern, nicht mal um einen Zentimeter. Dort werden Albaner von den Serben diskriminiert.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie wirklich, dass Belgrad Ihnen diese Gebiete überlassen würde?

Thaci: Ich spreche von einer europäischen Perspektive. Wenn Serbien und Kosovo EU-Mitglieder werden, wäre so eine Anbindung möglich. Serbien muss das Kosovo endlich anerkennen. Und ich verlange von Serbien, dass es den Völkermord an den Albanern im Kosovo als solchen anerkennt.

SPIEGEL ONLINE: Zu welchen Zugeständnisse gegenüber Serbien ist Pristina bereit, etwa im Norden?

Thaci: Null! Warum sollten wir das tun? Die Serben im Norden sind Bürger des Kosovo mit allen Rechten.

Angela Merkel, Hashim Thaci und Emmanuel Macron auf der Westbalkan-Konferenz in Berlin
Annegret Hilse/ Reuters

Angela Merkel, Hashim Thaci und Emmanuel Macron auf der Westbalkan-Konferenz in Berlin

SPIEGEL ONLINE: Die EU-Außenbeauftrage Federica Mogherini hatte sich für einen Gebietstausch ausgesprochen, aus der Trump-Administration kamen ermutigende Signale.

Thaci: Die USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien waren sich bisher immer einig, dass es keine neuen Grenzziehungen auf dem Westbalkan geben darf. Jetzt sprechen sie offenbar nicht mehr mit einer Stimme. Das ist schlecht. Ein dauerhaftes Abkommen hat nur dann eine gesunde Basis, wenn alle und auch die USA dahinter stehen. Denn Serben und Kosovaren trennt heute ein ganzer Fluss aus Blut.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die neue Debatte über Grenzen entlang ethnischer Siedlungsgebiete dem Frieden zwischen Albanern und Serben eher geschadet hat?

Thaci: Der historische Hass sitzt sehr tief. Wir haben viel getan, es gab eine Kommission für die Versöhnung, ich habe serbische Gemeinden besucht. Aber in den vergangenen Monaten haben viele Länder diese Bemühungen untergraben - auch durch die Debatte um einen Gebietstausch.

SPIEGEL ONLINE: Wie realistisch ist es, dass das Kosovo und Serbien in absehbarer Zeit Mitglieder der EU werden? Die EU ist erweiterungsmüde, eine neuer Nationalismus greift um sich.

Thaci: Die einzige vorstellbare Zukunft für uns liegt in der Europäischen Union. Und wir arbeiten daran. Aber in der Tat fällt es uns schwer, daran zu glauben. Kosovarische Bürger brauchen immer noch ein Visum um einzureisen. Die Bewegungsfreiheit gilt für uns nicht, obwohl wir schon seit zwei Jahren die Bedingungen dafür erfüllt haben. Wir wollen keine Geschenke, aber wir wollen Respekt für das, was wir erreicht haben. Wir sind Europäer, aber es gibt noch immer viele Vorurteile gegen uns.

SPIEGEL ONLINE: Ähnlich unrealistisch ist Ihre Hoffnung, Serbien könne seine Verbrechen als Genozid anerkennen.

Thaci: 13.000 Tote, 400 Massaker, 20.000 Vergewaltigungen, 1300 tote Kinder, Serbien ist schuldig, im Kosovo einen geplanten Völkermord ins Werk gesetzt zu haben. Die internationale Justiz, das Jugoslawien-Tribunal in Den Haag, hat gegenüber Serbien versagt. Deshalb kann Belgrad diese Verbrechen noch immer leugnen.

SPIEGEL ONLINE: Aber nicht nur zwischen den Staaten Serbien und Kosovo ist das Verhältnis schwierig, sondern auch zwischen der serbischen und der albanischen Bevölkerung in Ihrem Land gibt es noch starke Spannungen.

Thaci: Man muss trennen zwischen den Serben und den Serben im Kosovo. Mit denen habe ich selber lange und sehr konstruktiv zusammengearbeitet. Die Mehrheit von ihnen will in Ruhe integriert in die Gesellschaft des Kosovo leben. Aber einige von Ihnen werden von Belgrad instrumentalisiert. Sie werden unter Druck gesetzt, viele haben Angst. Dazu müsste die EU viel klarer Stellung beziehen.

Kosovos Präsident Hashim Thaci nach der Westbalkan-Konferenz: "Serben und Kosovaren trennt heute ein ganzer Fluss aus Blut"
John Macdougall/ AFP

Kosovos Präsident Hashim Thaci nach der Westbalkan-Konferenz: "Serben und Kosovaren trennt heute ein ganzer Fluss aus Blut"

SPIEGEL ONLINE: Aber Serben leben noch immer gefährlich im Kosovo. Schulbusse werden mit Steinen beworfen, orthodoxe Kirchen müssen von internationalen Truppen bewacht werden. Wann hört das auf?

Thaci: Es gibt keine Exzesse. Ich wiederhole: Die Serben im Kosovo sind integriert. Sie haben ihre Schulen, ihre Kindergärten. Sie können sich frei bewegen. Viele von ihnen haben mich sogar gewählt. Meine Nachbarn sind Serben, uns trennt nur eine Wand. Wenn etwas passiert, sind das isolierte Vorfälle. Ich verurteile das.

SPIEGEL ONLINE: Aber muss nicht auch die albanische Seite Schuld eingestehen, um einen Versöhnungsprozess voranzubringen? Auch die UCK, der Sie angehörten, hat Verbrechen begangen.

Thaci: Die UCK war eine Armee, die für die Freiheit kämpfte, sie hat keine Verbrechen begangen. Wenn es Einzeltäter gab, müssen die - und das passiert auch - von der kosovarischen Justiz verurteilt werden. Das ist aber alles nichts gegen das, was die Serben angerichtet haben.

SPIEGEL ONLINE: Die Serben sind also Völkermörder, die UCK hat keine Verbrechen begangen. Es scheint noch ein langer Weg zur Versöhnung zu sein. Was müsste Europa tun, um den Frieden zu sichern?

Thaci: Wir sind Opfer der Tatsache, dass Europa nicht mit einer einheitlichen Stimme spricht. Ich sehe da keine ernsthaften Visionen für den Westbalkan.



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