Machtdemonstration in Belgrad Präsident Vucic lässt Zehntausende Serben zu Großkundgebung transportieren

Seit Monaten gehen Tausende Serben auf die Straße, um gegen ihren Präsidenten  zu protestieren. Diesmal gab es eine Pro-Kundgebung. Medien berichteten, Kommunen hätten Vorgaben erhalten, wie viele Menschen sie mobilisieren sollten.

Unterstützer von Serbiens Präsidenten Vucic schwenken während der Kundgebung in Belgrad serbische Flaggen - und halten Bild des russischen Präsidenten Putin.
Darko Vojinovic/DPA

Unterstützer von Serbiens Präsidenten Vucic schwenken während der Kundgebung in Belgrad serbische Flaggen - und halten Bild des russischen Präsidenten Putin.


Zehntausende Serben haben am Freitag in Belgrad für den serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic demonstriert. Mit der Massenkundgebung reagierte Serbiens Staatsoberhaupt auf die seit Ende des vergangenen Jahres anhaltenden wöchentlichen Proteste der Opposition und regierungskritischer Bürger. "Ich danke Ihnen, dass (...) Sie uns, die wir ein würdiges, modernes Serbien wollen, mehr schätzen als jene, die es nur gefährden und zerstören wollen", sagte Vucic.

Hunderte Autobusse, die die Teilnehmer aus dem ganzen Land nach Belgrad gebracht hatten, säumten in mehreren Reihen einen kilometerlangen Boulevard im Zentrum von Belgrad. Wie Oppositionsmedien berichteten, hatten die Städte und Regionen genaue Vorgaben erhalten, wie viele Menschen sie für die Kundgebung des Präsidenten unter dem Motto "Die Zukunft Serbiens" zu mobilisieren hatten. Nahezu alle Gemeindeverwaltungen in Serbien werden von der Vucic-Partei SNS kontrolliert.

Zu den Protesten der Opposition in Belgrad und zahlreichen anderen Städten kommen meist Tausende, manchmal auch Zehntausende Menschen. Sie protestieren gegen die Einschränkung der Medienfreiheit unter Vucic und gegen das von ihm geschürte Klima des Hasses gegen Oppositionelle und Andersdenkende. Sie verlangen den Rücktritt des Präsidenten und Neuwahlen, vermochten aber bislang kein überzeugendes Programm vorzulegen.

lie/dpa



insgesamt 9 Beiträge
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robertslo 19.04.2019
1.
Die Opposition in Serbien ist hoffnungslos fragmentiert, die Demos werden von einer breiten Parteienpalette organisiert. Der einzige gemeinsame Punkt ist "Vucic OUT". Seine Partei ist aber immer noch die fuehrende Kraft. Es wird noch Jahre dauern...
jolly.jumper 19.04.2019
2. Vom Ziehvater Milosevic gelernt
Milosevic, ehemaliger Mentor des jetzigen serbischen Präsidenten Vucic, hatte diese Methode, seine Gefolgsleute aus dem ganzen Land anzukarren, auch verwendet, damals in den 80-er und 90-er Jahren, um seine Macht durch das Volk zu legitimieren. Bekannt und legendär wurden diese Gelage mit viel ultranationalistischer und chauvinistischer Folklore als "Meetings". Ein wichtiger "Tromler" war damals ein weiterer Mentor von Vucic:Der faschistische Tschetnikführer Seselj, der später wegen Kriegverbrechen in Den Haag abgeurteilt wurde. Da hat der Vucic ja die richtigen Vorbilder und handelt wohl nach dem Motto: Lerne von den Siegern. LOL.
tatsachenentscheidung 19.04.2019
3. Stabilität
Serbien braucht für die nächsten Jahre Frieden, Stabilität, Verlässlichkeit und wirtschaftliche Entwicklung. Für das alles steht Vucic mit jugendlichem Lächeln aber eiserner Hand . Man kann nicht alles haben im Leben
anja-boettcher1 20.04.2019
4. Verzweifelte Verhältnisse - nicht nur in Serbien
All Politiker ehemaliger jugoslawischer Republiken sind, nach dem erstmal mit dem dipolaren Modell auch das Wirtschaftsmodell der blockfreien Staaten erodierte, dann die IWF-Auflagen die Wirtschaft Jugoslawiens strangulierten und drittens dann der Staat zusammenkrachte, mafiös aus verschiedenen einander bekämpfenden Fraktionen des jugoslawischen Geheimdienstes hervorgegangen. Das asymmetrische Umwerben der Teilstaaten seitens europäischer und US-amerikanischer Politiker und Konzerne hat dann die Verhältnisse kräftig eskaliert. An dem später folgenden Bürgerkrieg hat auch die Zündelei und Werberei von außen einen erklecklichen Anteil. Hevorgegangen sind aus diesen Voraussetzungen, wie aus dem Gros der Regime-Changes nach 1989, die westliche Hybris vorantrieb, ohne zu reflektieren, welche psychsozialen und sozioökonomischen Voraussetzungen in allen vormals sozialistischen Ländern herrschten, überall mafiföse und prekäre Staaten. Am schlimmsten im Kosovo und in Albanien. Aber auch in Serbien, Bosnien, Montenegro, Mazedonien und Kroatien, in dem nur der Tourismus einen Auftrieb gibt - aber wer profitiert von ihm? Lediglich in Slowenien sieht es etwas besser aus. Insgesamt aber wird höchste Zeit mit der fatalen und in allen wesentlichen Grundzügen verfehlten Politik seit 1989 abzurechnen. Auch die Erosionstendenzen im Süden Europas und in östlichen Tendenzen gehören anders behandelt als mit typisch westlicher Großkotzigkeit. Unser System lief gut im vormaligen Rahmen. Mit dem Niedergang des Ostens hätte insgesamt neu überlegt und nicht einfach nur das westliche System exportiert werden sollen. Wenn Europa je eine stabile Einheit werden will, muss es anfangen, sich wirklich neu zu erfinden - und die westlichen europäischen Staaten müssen endlich den anderen zuhören lernen. Vor allem Deutschland. Als Minikopie der USA nur in Europa, als Hegemon unter dem Gesamthegemon, haben wir nur Fatales hervorgebracht. Es muss ebenso die Beziehung zu den immer zerstörerischen USA neu bedacht werden wie die zu allen anderen europäischen Staaten. Gerade den Serben schulden wir dies. Nach dem Massenmorden zweier Weltkriege 1999 wieder mit Bomben zu antworten (bzw dabei zu assistieren) war der Hammer.
hinifoto 20.04.2019
5. Wertegemeinschaft
Ein so praktiziertes Staatsverständnis mag uns befremdlich erscheinen aber eine Anwesenheitspflicht für Staatsbedienstete bei Huldigungen für das Staatsoberhaupt gibt es auch bei Partnern unserer NATO Wertegemeinschaft. Z.B. werden Angehörige der Stadtverwaltungen oder auch Lehrer in der Türkei verpflichtet ihre aktive Teilnahme an solchen Veranstaltungen nachzuweisen.
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