Serbien Schüsse in Sniper City

Vor einem Jahr sorgte der Mord an dem serbischen Premier Zoran Djindjic weltweit für Aufsehen. Nun wurde einer der wichtigsten Zeugen im Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder ausgeschaltet - er wurde ebenfalls erschossen.

Von Marion Kraske


Nach dem Djindjic-Mord: Polizeiaktionen in ganz Serbien
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Nach dem Djindjic-Mord: Polizeiaktionen in ganz Serbien

Belgrad/Hamburg - Die Mörder hatten sorgfältige Arbeit geleistet: Ihr Opfer lag in seinem Auto, durchsiebt von Einschüssen - und ganz sicher nicht mehr fähig, seine so wichtige Aussage zu wiederholen. Eine Aussage, die Kujo Krijestorac vor Gericht noch einmal bestätigen sollte: Dass er sie gesehen hat, die Männer, die vor genau einem Jahr vor einem Belgrader Regierungsgebäude den serbischen Premier Zoran Djindjic niederstreckten. Nun wurde Krijestorac ermordet - nachts, wenige Meter von seinem Haus entfernt.

Das zuständige Gericht bestätigte nun die Erschießung des 52-Jährigen. Schon am 1. März, sagte Gerichtssprecherin Maja Kovacevic, sei Krijestorac von Unbekannten erschossen worden. Die Tatwaffe, so viel wisse man, war mit einem Schalldämpfer ausgestattet. Warum aber das Gericht nicht schon eher die Öffentlichkeit über den spektakulären Tod des Zeugen informierte, sagte Kovacevic nicht. Doch die Verbindung zu seiner Rolle als Zeuge des Djindjic-Mordes liegt auf der Hand. Und vor seinem Tod hatte Krijestorac offenbar Morddrohungen erhalten.

Krijestorac galt als einer der Schlüsselzeugen im Djindjic-Prozess. Von den Untersuchungsrichtern war der Unternehmer jüngst bereits zu den Vorkommnissen am 12. März letzten Jahres befragt worden. Vor allem zu den 13 Männern, die angeklagt sind, an der spektakulären Ermordung des serbischen Reformers beteiligt gewesen zu sein. Einige von ihnen sollen Kontakte zum berüchtigten Belgrader Mafia-Clan "Zemun" unterhalten haben. Den Erkenntnissen der Ermittler zufolge haben sie gezielt den Sturz der Regierung Djindjic betrieben. Eine "Verschwörung gegen die konstitutionelle Ordnung", so die Anklage.

Verbindung zwischen der Mafia und Milosevic-Strukturen

Ermordeter Premier: Zoran Djindjic
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Ermordeter Premier: Zoran Djindjic

Mit Stellen im staatlichen Sicherheitsapparat sollen die Belgrader Mafia-Größen gemeinsame Sache gemacht haben, um ihre Pfründe zu sichern und die neue Regierung zu entmachten. Die vom Belgrader Despoten Slobodan Milosevic kriminalisierten Staatssicherheitsstrukturen wollten Chaos stiften, um dann den endgültigen Staatsstreich zu proben.

Ihr Motiv? Noch kurz vor seinem Tod hatte Djindjic angekündigt, enger mit Den Haag zusammenzuarbeiten. Also diejenigen ans Messer zu liefern, die in den Balkankriegen für das Milosevic-System geraubt, gemordet und vergewaltigt hatten. Eine "Anti-Haag-Lobby", so serbische Medien, setzte sich in Gang, gegen das Großreinemachen im serbischen Apparat. Als einer der Hauptdrahtzieher der Verschwörung gilt der ehemalige Anführer der berüchtigten Roten Barette, Milorad "Legija" Lukovic - er ist nach wie vor auf der Flucht.

Der Anwalt der Djindjic-Familie, Rajko Danilovic, ist überzeugt, dass der Mord an Krijestorac dazu dienen sollte, andere Zeugen einzuschüchtern. Das wohl wichtigste Ziel wird die Bluttat vermutlich verfehlen: Denn Danilovic ist überzeugt, dass der jüngste Mord keinen direkten Einfluss auf den Strafprozess im Mordfall Djindjic haben wird. Krijestoracs Aussage, zumal bereits dargelegt, werde im Gerichtssaal verlesen und sei daher geeignet, einige oder sogar alle der Angeklagten zu belasten, sagt Danilovic optimistisch.

"Konterrevolution mit voller Kraft"

Flüchtiger Hauptverdächtiger am Djindjic-Mord: Legija, Ex-Kommandant der Roten Barette
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Flüchtiger Hauptverdächtiger am Djindjic-Mord: Legija, Ex-Kommandant der Roten Barette

Dennoch: Die neuerliche Tat der Heckenschützen liefert Grund zur Sorge. Serbien kommt auch ein Jahr nach dem Verlust ihres Reformpolitikers nicht zur Ruhe. Im Gegenteil: Das Balkanland befindet sich gesellschaftlich, politisch und auch wirtschaftlich in der Dauerkrise.

Von der Aufbruchstimmung nach der Entmachtung des Despoten Milosevic im Oktober 2000 ist so gut wie nichts mehr zu spüren. "In Serbien läuft die Konterrevolution mit voller Kraft", sagt Politologe Vojin Dimitrijevic vom Belgrader Zentrum für Menschenrechte. "Man will uns überzeugen, dass die Jahre unter Milosevic die besten unseres Lebens waren."

Das siegreiche, demokratische Parteienbündnis DOS, das Milosevic einst so triumphal vom Sockel der Macht stieß, ist inzwischen aufgelöst. Stattdessen wartet Serbien seit einer Woche mit einer neuen Regierung auf, die kaum geeignet ist, das Land zu stabilisieren und Richtung Europa zu führen.

Denn mit dem neuen Premier Vojislav Kostunica hat nicht nur der alte Djindjic-Rivale die Stufen der Macht erklommen. Gestützt wird dessen Minderheitsregierung, an der auch die wirtschaftliche Reformpartei G17 Plus beteiligt ist, von Kräften aus der Vergangenheit: den wieder erstarkten Sozialisten. Damit hat die Partei von Slobodan Milosevic, der sich momentan in Den Haag verantworten muss, sozusagen durch die Hintertür wieder eine Rolle in der serbischen Politik zurückerlangt. "Ein fragwürdiges Zweckbündnis", urteilt Balkan-Experte Dusan Reljic von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik.

Einen Tribut an die Sozialisten musste Kostunica bereits zollen: Der nationalorientierte Politiker, der selbst in der Vergangenheit immer wieder gegen das Haager Jugoslawien-Tribunal gewettert hatte, ließ in den vergangenen Tagen bereits durchblicken, dass die Zusammenarbeit mit den Ermittlern um Chefanklägerin Carla del Ponte für ihn "keine Priorität" besitze. Sein Vertrauter, Wirtschaftsminister Dragan Marsicanin, ging sogar noch weiter: Öffentlich schloss er weitere Auslieferungen von mutmaßlichen Kriegsverbrechern kategorisch aus.

Diese Weigerung könnte das Land teuer zu stehen kommen: Washington und Brüssel machen die Freigabe von 100 Millionen Euro Wirtschaftshilfe an Belgrad von einer kompromisslosen Zusammenarbeit mit Den Haag abhängig. Sollten die Gelder nicht fließen, würde sich die wirtschaftliche Krise des Landes weiter verschärfen; schon jetzt leben 30 Prozent der Bevölkerung in Armut. Beste Voraussetzungen also für den weiteren Vormarsch der radikalen Kräfte. Bester Nährboden für Auftragsmörder.



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