Serbien Stichwahl scheitert mangels Wählern

Wahlkuriosum in Serbien - die Stichwahl eines neuen Präsidenten für die jugoslawische Teilrepublik ist am Sonntag wegen zu niedriger Wahlbeteiligung gescheitert.


Eine Mehrheit ohne Nutzen: Präsidentschaftskandidat Vojislav Kostunica
AP

Eine Mehrheit ohne Nutzen: Präsidentschaftskandidat Vojislav Kostunica

Wie die Staatliche Wahlkommission am Sonntagabend mitteilte, gingen nur 45,5 Prozent der 6,5 Millionen Wahlberechtigten zu den Urnen. Nötig wäre eine Mindestbeteiligung von 50 Prozent gewesen. Damit ist der gesamte Wahlprozess ungültig, also auch das Ergebnis der ersten Runde vom 29. September. Nach amtlichen Angaben muss die Wahl nunmehr bis spätestens 5. Dezember wiederholt werden.

Begleitet von Boykottaufrufen radikaler Kräfte waren die Kandidaten zu der Stichwahl angetreten. "Ein geringes Interesse der Bürger an den Wahlen bedeutet nicht, dass sie kein Interesse an den Beziehungen im Lande haben", sagte der serbische Ministerpräsident Zoran Djindjic bei der seiner Stimmabgabe. "Die Menschen interessiert die Zukunft, aber in diesen Wahlkampagnen finden sich nicht die für sie wichtigen Themen wieder - es geht um den Lebensstandard."

Nach Experten-Schätzungen entfielen am Sonntag etwa zwei Drittel der abgegebenen Stimmen auf Kostunica, ein Drittel auf Labus.

Kostunica galt als Favorit, nachdem er schon in der ersten Runde 30,8 Prozent der Stimmen bekommen hatte. Labus, der stellvertretender jugoslawischer Regierungschef ist, hatte 27,3 Prozent erhalten. Beide Kandidaten gehören der früheren Opposition gegen den Machthaber Slobodan Milosevic an, die sich nach dessen Sturz und der Übernahme der Regierung erbitterte Flügelkämpfe liefert.

"Ich habe alles getan, damit die zweite Runde erfolgreich ist", hatte Labus erklärt. "Ich hoffe, ich konnte die Unentschiedenen überzeugen, für ein modernes, europäisches Serbien zu stimmen." Kostunica meinte, die Wahl werde die Entschlossenheit der Menschen zeigen, echte Veränderungen bis zum Ende durchzusetzen. Der serbische Extremistenführer Vojislav Seselj, Dritter im ersten Wahlgang, und andere Politiker hatten ihre Anhänger zum Boykott aufgefordert. Der amtierende serbische Präsident Milan Milutinovic ist vom UN- Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wegen Kriegsverbrechen angeklagt.

Der Wahlablauf wurde von einheimischen und Beobachtern der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) verfolgt. Nach vorliegenden Berichten gab es keine größeren Zwischenfälle.



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