Fotostrecke

Handel in Kenia: Sex für Fisch

Foto: Till Müllenmeister

Ausbeutung in Kenia Für eine Tüte voll Fisch

Die Fischer vom Victoriasee verlangen für ihre Ware nicht nur Geld, sondern auch sexuelle Dienste der Marktfrauen. Der deutsche Fotograf Till Müllenmeister hat den zynischen Handel dokumentiert. Seine Bilder zeigen eine Region in größter Not.
Von Andreas Spinrath

Kisumu - Wenn die Männer mit ihren Fischerbooten an den Ufern des Victoriasees anlegen, warten die Marktfrauen bereits. War der Fang gut? Gibt es Ware für uns? Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine normale Transaktion: Die Fischer verteilen ihren Fang an die oftmals minderjährigen Marktfrauen. Diese bezahlen und geben den Fisch an Mittelsmänner weiter, die ihn in die Provinzhauptstadt Kisumu bringen.

Doch im Verborgenen hat der Kauf noch einen zweiten Teil: Während die Männer die paar Tausend Schillinge für den letzten Fang (dreißig bis fünfzig Euro) in den Kneipen durchbringen, warten die Frauen draußen vor der Tür. "Danach", berichtet der deutsche Fotograf Till Müllenmeister, "kommt man sich näher".

Näherkommen bedeutet: Die Fischer fordern die andere Hälfte der Bezahlung ein, sie schlafen mit den Frauen. Nur wer "gute Kontakte" zu den Fischern pflegt, und damit ist eine sexuelle Beziehung gemeint, hat Chancen auf einen Anteil am Fang, berichtet Müllenmeister.

Er hat wochenlang an den Stränden des Viktoriasees fotografiert und das Vertrauen der Menschen gewonnen. So gelang es ihm, auch die Seite des Fischfangs zu dokumentieren, über die hier niemand gerne reden will. Das System nennt sich "Sex for Fish", ein Euphemismus für die bittere Realität der Marktfrauen in Provinz Nyanza.

Nyanza liegt im Westen Kenias, an den Ufern des riesigen Viktoriasees. Das Klima ist feucht, man baut Kaffee und Tee an; Tourismus spielt kaum eine Rolle. Außer der Fischerei, berichtet Müllenmeister, gebe es an dem Binnenmeer "keine andere Einkommensquelle". Schiere Not zwinge die Frauen, auf das unmoralische Angebot einzugehen.

"Sex for Fish" ist zum ungeschriebenen Gesetz geworden.

Das Vierfache der kenianischen HIV-Quote

Eine der Frauen, die Müllenmeister porträtiert hat, ist Roselyn Auma Otiena. Sie ist 31 und eine Jakambi, eine "Kundin" der Jaboyas, der Fischer. Seit fünf Jahren arbeitet Otiena als Fischhändlerin am Asat Beach. Das Geld reicht kaum für sie und ihre zwei Kinder. Ohne den Verdienst geht es nicht, deshalb muss sie sich auf die sexuellen Abhängigkeiten einlassen.

"Wenn man Fisch kaufen will, muss man mehr bieten als das Geld", sagt Müllenmeister. "Jeden Morgen kann man beobachten, wer zu welchem Boot geht, wer den Fisch kriegt, wie das läuft." Manche Frauen mit besonders guten Kontakten geben den Fischern vor der Fahrt Plastiktüten. In denen werden an Bord die Prachtexemplare gesammelt.

Doch am Abend wird "bezahlt", und in der Regel ohne Kondome. "Die Männer denken keine fünf Minuten weit", sagt Müllenmeister, "sie sagen: Wenn wir zum Fischen rausfahren, ist das gefährlicher. Unser Leben ist eben riskant."

Insgesamt sollen an 142 Stränden Nyanzas etwa 30.000 Frauen und 19.000 Männer in der Fischerei arbeiten. Durch "Sex for Fish" beträgt die HIV-Rate am Viktoriasee mit 30 Prozent fast das Vierfache des kenianischen Durchschnitts.

Das Risiko ist auch den Frauen bewusst. Eine Fischhändlerin sagte der Uno-Organisation  IRIN: "Du weißt, dass du Aids bekommen kannst. Aber dann denkst du an deine Familie, die du versorgen musst, und sagst dir, dann sterbe ich für sie."

Die sexuellen Deals haben schwere Folgen für die Familien der Fischer, berichtet Müllenmeister: "Wenn er sein 'Geschäft' mit anderen Frauen macht, ist direkt die ganze Familie involviert." Die Fischer stecken ihre Ehefrauen an, bei vielen bricht die Krankheit aus.

Eine ökologische und kulturelle Katastrophe

Arbeitslose Fischer auf der Suche nach Beschäftigung tragen HIV zudem in andere Regionen des Landes. Doch gesprochen würde darüber kaum: "HIV und Prostitution sind Tabuthemen in der Bevölkerung", sagt Müllenmeister. Auch deshalb sind die Erfolge der Aids-Bekämpfung in der Provinz gering, die Zahlen gehen anders als in den Großstädten kaum zurück.

Auch der Fischfang ist in der Krise. Der Viktoriasee ist verschmutzt, es bilden sich riesige Algenteppiche, oftmals können die Fischer dadurch tagelang nicht aufs Wasser. Dazu kommt die starke Überfischung, es bleibt immer weniger in den Netzen hängen. Eine ökologische und kulturelle Katastrophe.

Für Müllenmeister sind nicht nur die Frauen Opfer. Auch die Männer, die er fotografiert hat, stünden unter hohem ökonomischem Druck: Einer der Fischer ist Joshua Otieno Abwao, der seit zwei Jahren vom Dorf Kagwel aus zum Fischfang hinausfährt. Vorher war der 34-Jährige Schuster, doch der Geldmangel trieb den Vater von zwei Kindern in die Boote auf dem Victoriasee. Er stand wie viele vor der Entscheidung: entweder als Fischer arbeiten oder weggehen aus Nyanza. Er blieb.

Das System "Sex for Fish" ist fester verankert denn je, es ist ein Symbol der Machtverhältnisse, wie die kenianische Verhaltenforscherin Sanyu Mojola  schreibt: "Die Situation in der Provinz Nyanza ist eine sexualisierte Wirtschaft." Geformt werde sie von einer "Fischerei, die streng nach Geschlechtern getrennt ist: Männer fischen, Frauen verkaufen."

In einer aktuellen Feldstudie  berichten Wissenschaftler aber von einer überraschenden Wende: Mittlerweile haben auch einige Frauen Boote gekauft und vermieten diese an die Fischer. Das Gesetz des (wirtschaftlich) Stärkeren gilt auch hier: Bezahlt wird mit Geld - und Sex.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.