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26. Januar 2019, 11:43 Uhr

Iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi

"Der Staat hat Angst vor seinen Bürgern"

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Das iranische Regime feiert sein 40-jähriges Jubiläum - und verfolgt seine Gegner brutal. Shirin Ebadi erzählt, wie es dazu kommen konnte. Und welche Schuld sie selbst daran trägt.

2003 erhielt Shirin Ebadi als erste muslimische Frau den Friedensnobelpreis für ihren Einsatz als Menschenrechtsanwältin. Fünf Jahre später entzog ihr das iranische Regime die Anwaltslizenz, verhaftete Kolleginnen und schloss Ebadis NGOs, die sich für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzten. Ebadi lebt seitdem in Großbritannien.

SPIEGEL ONLINE: Frau Ebadi, 2019 ist ihr zehntes Jahr im Exil - in Ihrer Heimat müssten Sie mit schweren Strafen rechnen. Haben Sie noch Hoffnung, eines Tages zurückzukehren?

Shirin Ebadi: Lassen Sie mich bitte zuerst etwas klar stellen: Ich lebe nicht aus Angst vor einer Strafe im Exil. Ich habe früher viel Zeit im Gefängnis verbracht und weiß, dass ich das sehr gut aushalten kann. Aber ich weiß auch, dass man meine Stimme von dort nicht hören würde. Aus dem Ausland dagegen kann ich für die Menschen in Iran sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre langjährige Mitstreiterin Narges Mohammadi erlebt zurzeit, was es bedeutet, in Iran in Haft zu sitzen. Sie ist schwerkrank, ihr wird der Zugang zu medizinischer Hilfe verweigert.

Ebadi: Narges hat ein Blutgerinnsel in der Lunge, zusätzlich leidet sie unter Krampfanfällen. Dafür bräuchte sie Medikamente. Zuletzt ist sie in einen dreitägigen Hungerstreik getreten, um für bessere Haftbedingungen zu protestieren. Aber das hat an ihrer Situation nichts verändert.

SPIEGEL ONLINE: Neben Frau Mohammadi hält das Regime viele weitere politische Gefangene fest - unter ihnen Journalisten, Studenten, Musiker. Wie schätzen Sie die aktuelle Menschenrechtslage in Iran ein?

Ebadi: Sie wird leider von Tag zu Tag schlechter. Der Staat geht immer gewaltsamer gegen seine Bürger vor, weil immer mehr Menschen ihn nicht mehr unterstützen. Davor hat er Angst. Die Zahl der Gefangenen steigt, und sie werden häufiger gefoltert. Vor Kurzem erst wurden 70 Arbeiter verhaftet, deren Lohn nicht gezahlt worden war - dagegen hatten sie protestiert. Anschließend folterte man einige von ihnen und zeigte ihre erpressten Geständnisse im Staatsfernsehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie erfahren Sie von diesen Schicksalen?

Ebadi: Ich habe täglich Kontakt zu meinen Kolleginnen in Iran, aber auch zu politischen Gefangenen. Nach dem Gesetz ist das zwar nicht erlaubt, aber wir finden unsere Wege.

SPIEGEL ONLINE: Es war das iranische Volk selbst, das 1979 den Schah stürzte und damit dem heutigen Regime zum Aufstieg verhalf. Wie standen Sie damals den neuen Machthabern gegenüber?

Ebadi: Ich war damals eine derjenigen, die die neue Regierung unterstützten. Leider.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam das?

Ebadi: Wir hatten zwei Slogans bei der Revolution: Unabhängigkeit und Freiheit. Uns wurde versprochen, dass diese beiden Ziele in der Islamischen Republik Iran erreicht würden. Beides ist am Ende nicht passiert. Es gibt keine freien Wahlen, die Rechte der Frauen sind extrem eingeschränkt worden.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie heute wütend auf die Shirin Ebadi von damals?

Ebadi: Ja. Wenn ich sehe, in welcher Lage sich die iranische Jugend befindet, bin ich sauer auf mich. Genau das Gegenteil wollten wir ja erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Wann bemerkten Sie Ihren Irrtum?

Ebadi: Sehr bald, am 8. März 1979, am Weltfrauentag. Das neue Regime war gerade erst an der Macht. Wir hatten eine Versammlung organisiert, um die Rechte der Frauen zu feiern. Der neue religiöse Führer des Landes, Ruhollah Chomeini, hatte vor der Revolution immer verkündet, dass alle Frauen im Land frei sein sollten. Doch an dem Morgen brachten sie im Radio, dass von nun an alle Frauen in den Behörden Kopftuch tragen müssten. Unsere Versammlung wurde dann von Männern mit Schlagstöcken unterbrochen, sie prügelten auf uns ein.

SPIEGEL ONLINE: In diesem Jahr feiert die iranische Revolution den 40. Jahrestag, der religiöse Führer des Landes, Ali Khamenei, ist umstritten. Worin sehen Sie die Hauptgründe für die wachsende Wut vieler Iraner?

Ebadi: Die Menschen in Iran setzen keine Hoffnung mehr in ihren Staat. Sie schreien nach Brot und Arbeit. Wenn Menschen das schreien, dann muss man einsehen, dass die Lage sehr ernst ist. Dafür gibt es drei Hauptgründe: Erstens die hohe Korruption, zweitens die falsche Verwendung staatlicher Gelder, drittens die Wirtschaftssanktionen. Iran ist eigentlich ein reiches Land, aber es gibt sein Geld an der falschen Stelle aus - zum Beispiel, um die Hisbollah im Irak und im Libanon zu unterstützen.

SPIEGEL ONLINE: Während Deutschland und die EU weiter auf Kommunikation mit Iran setzen und den Atomdeal aufrecht erhalten wollen, setzen die USA unter Donald Trump auf Konfrontation. Was ist Ihrer Meinung nach die richtige Strategie, mit Iran umzugehen?

Ebadi: Haben die Gespräche etwas gebracht? Seit 40 Jahren führt man Verhandlungen. Eine harte Linie könnte eine echte Veränderung bringen. Sie müsste aber auf die Schwächung des Regimes zielen und nicht die Menschen quälen. Die aktuellen Wirtschaftssanktionen sind deshalb der falsche Weg, unter ihnen leiden nur die einfachen Bürger, während sich die Mächtigen weiter bereichern.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt 71 Jahre alt. Wann gehen Sie in Rente?

Ebadi: Dann, wenn es endlich Freiheit für die Menschen in Iran gibt. Ich hoffe, dass wir eines Tages große Veränderungen in Iran sehen. Ohne Blutvergießen. Dann werde ich in meine Heimat zurückkehren.

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