Shoah-Gedenken Eine Stadt im Griff der Schatten

Oswiecim - von den Deutschen Auschwitz genannt - kämpft um Normalität. Die Kleinstadt in Südpolen will endlich aus dem Schatten des Konzentrationslagers treten. Dabei hoffen die Stadtväter auch auf deutsche Hilfe.

Aus Oswiecim berichtet


Die Verkäufer im Baumarkt "Twoj Dom" (Dein Haus) haben die letzten Tage früh Feierabend gemacht. Die Straße zwischen Oswiecim und Brzezinka war gesperrt, wie immer an Gedenktagen. Die Kunden bleiben dann weg. Dafür waren 29 Staats- und Regierungschefs eingeflogen zu den Feierlichkeiten am 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee, dazu Überlebende des Grauens und ihre Nachkommen, Hundertschaften an Staatsgästen, Historiker, Künstler und viele andere, die die Gräuel der Nazis nicht vergessen wollen.Wo "Twoj Dom" heute Rasenmäher, Raufaser und Kacheln feilbietet, zogen bis vor 60 Jahren täglich Kolonnen ausgemergelter Gestalten vorbei. SS-Männer prügelten die Menschen, trieben zur Eile, wer stolperte wurdeerschossen. Die zwei Kilometer lange Strecke vom Stammlager Auschwitz I zum Vernichtungslager Auschwitz II in Birkenau war für Hunderttausende europäische Juden, Polen, Kriegsgefangene Russen und andere Nazi-Opfer der letzte Gang."Was sollen wir machen, wir wohnen hier in Oswiecim und Brzezinka", sagt ein Baumarkt-Angestellter. Oft ziehen Nachkommen der Opfer vorbei, oder sogar Überlebende in ihrer alten Lagerkluft. "Manche winken sogar, nochnie hat sich jemand aufgeregt." Ab und zu fahren Bauarbeiter vor, die die Lagergebäude instand halten,kaufen Mörtel, Farben, Kitt oder Schrauben. "Die kriegen bei uns gute Preise."42.000 Menschen wohnen heute in Oswiecim, das mit deutschem Namen Auschwitz heißt. Eine typische Kleinstadt in Südpolen: Die Häuser am Marktplatz sind renoviert. Es gibt Cafés, Bankautomaten, einen Spielzeugladen. In einem Schaufenster hängt Marschall Josef Pilsudski inÖl, der den Polen nach fast eineinhalb Jahrhunderten unter den Teilungsmächten 1918 wieder zu einem eigenen Staat verhalf. Nicht weit entfernt riecht es nach Döner, türkische Imbisse kommen in Mode in Polen. Eine Chemiefirma, mit Produktionsanlagen auf dem altenIG-Farben-Gelände, ist mit rund 3000 Angestellten der größte Arbeitgeber der Stadt, dann kommt schon das KZ-Museum mit rund 400 Beschäftigten. "Miss Kreis Oswiecim"Nur wenige der rund 500.000 Gäste, die pro Jahr das ehemalige Konzentrationslager besuchen, finden den Weg in die Stadt. Denn die Lager liegen auf der anderen Seite des Flusses Sola, inmitten heruntergekommener Industriegebäude, wo einst die Gefangenen zur Arbeit gezwungen wurden.Einige hundert Menschen wohnen hier unmittelbar neben den Wachtürmen. Reden will keiner. Lasst uns in Ruhe, wir haben das Lager nicht gebaut, lautet die Abfuhr."Wir wollen endlich ein normales Leben führen", sagt AgnieszkaLobodzinska im Kulturzentrum von Oswiecim. Ihre langen Beine und die braunen Haare haben ihr den Titel "Miss Kreis Oswiecim" eingebracht. Sie ist die schönste Frau in der Stadt, in der die Deutschen die hässlichste aller Narben hinterlassen haben. Die Oswiecimer sind stolz auf die hübsche Agnieszka. Junge Kerle zücken ihre Foto-Handies, wenn sie in ein Cafe kommt. Wie viele andere möchte die 17-Jährige raus aus dem Schatten des Lagers, am liebsten nach Warschau oder Krakau. Nächstes Jahr macht sie Abitur, internationale Politik oder Marketing könnte sie sich als Studienfächer vorstellen. Einstweilen versucht sie als Model ein paar Zloty zu verdienen. So richtig klappt das noch nicht. Agnieszka hat auch schon an überregionalen Schönheits-Wettbewerben teilgenommen. Bei der Wahl zur "Miss Kleinpolen" - dem süd-östlichen Landesteil um Krakau - belegte sie den zweiten Platz. Sie hat große Zweifel, ob eine Schönheit aus Oswiecim jemals die Chance hätte weiter zu kommen. Weder Politiker mögen sich mit ihr schmücken, noch drängeln sich die Sponsoren. "Wo ich auch hinkomme, die Leute gucken mich komisch an." "Miss Auschwitz", sagen sie dann und schütteln den Kopf. "Selbst viele Polen, wissen gar nicht, dass hier Menschen leben, die glauben hier sei alles tot."Eigentlich ist es sogar ein Verstoß gegen polnisches Recht und Gesetz, den Namen "Auschwitz" für die Stadt zu benutzen. Offiziell gibt es die Kleinstadt Oswiecim und das Dorf Brzezinka und es gibt das "Museum KL Auschwitz Birkenau", vor allem bestehend aus dem Stammlager I, demVernichtungslager II."Wie könnt ihr hier leben? Diese Frage wird hier sehr häufig gestellt ", weiß Pater Manfred Deselaers. "Oder noch schlimmer: Wie konntet ihr eure Stadt hier aufbauen." Dabei reicht die Chronik Oswiecims 850 Jahre zurück. Pater Manfred ist wahrscheinlich der einzige Deutsche seit dem Krieg, der auf Dauer in Oswiecim wohnt. Der Geistliche hat sein Leben der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen verschrieben. Seine Doktorarbeit dreht sich um Rudolf Höss:"Gott und das Böse in Hinblick auf den Kommandanten vonAuschwitz". Pater Manfred bringt im "Zentrum des Dialogs und Gebets" polnische Jugendliche mit jungen Menschen aus Deutschland zusammen - meistens unmittelbar nach der Besichtigung ehemaliger Baracken und Gaskammern."Die Besucher sehen die Stadt unter dem Eindruck des Lagers", weiß Pater Manfred - und bei den Oswiecimern kommt das Entsetzen der Holocaust-Touristen als Anklage an. "Sie fühlen sich zu Mittätern gemacht. Auschwitz ist der Friedhof der jüdischen Welt, aber das ist nicht die Schuld der Menschen hier."Disco in der Todeszone Ganz und gar nicht: Die Nazis terrorisierten nicht etwa nur die Juden und ließen den Rest der Bevölkerung in Frieden. Sie deportierten Hunderte Katholiken, verhafteten die Führungsschicht, Rechtsanwälte, Lehrer; einige wurden auf offener Straße erschossen. Priester aus Oswiecim kämpften in Auschwitz ums Überleben.Manchmal, nach Feierabend geht Jarek Mensfelt noch ein Bier trinken. Als Sprecher des Museums Auschwitz liegt sein Büro direkt neben einer ehemaligen Gaskammer. Was er in der Kneipe ab und zu hört, gefällt ihm gar nicht: "Die Ausländer haben zu viel zu sagen hier. Über uns wird in Warschau, Moskau, New York und Tel Aviv entschieden",raunen die Menschen am Stammtisch.Vor einigen Jahren eröffnete eine Diskothek ausgerechnet dort, wo die Nazis Gefangene schuften ließen und erschossen hatten. Juristisch gab es keine Handhabe gegen den Vergnügungstempel, doch der Druck der Opferverbändewar so groß, das die Gäste wegblieben, das Etablissement schließen musste. Immer wieder gab es Konflikte wie diesen.17 Prozent Arbeitslosigkeit in der Stadt sind polnischer Durchschnitt, die Mehrheit der Jugendlichen will nach Warschau oder Krakau zum Studieren, und auch das ist normal für Kleinstädte in der Gegend. Aber in Oswiecim werden die Opfer des Nazi-Terrors und ihre Verbände zu Sündenböcken für die Misere gemacht. "Es ist nicht unsere Schuld, was der verrückte Hitler angerichtet hat""Manche Anwohner sind unsicher, wissen nicht, was man machen darf in Oswiecim und was nicht", sagt Mensfelt. Juristisch wirksam ist nur eine Schutzzone von 10 bis 100 Metern Breite. "Daneben kann theoretisch ein Puff oder ein Schnellrestaurant aufmachen." Deshalb fordern Opferverbände und der Internationale Auschwitz-Rat eine "Zone der Stille" um die Lager herum. Diesem Anliegen hat Bürgermeister Janusz Marszalek den Kampf angesagt. Der Mann im feinen Zwirn ist umstritten: Vor ein paar Jahren beganner - damals noch einfacher Geschäftsmann - gegenüber dem ehemaligen Stammlager einen Supermarkt zu bauen. Internationaler Druck stoppte das Projekt. Doch Marszalek gab sich nicht geschlagen, zog vor Gericht - undbekam Recht.Heute steht dort ein kleines Einkaufszentrum. Parken kostet zwei Zloty - etwa 50 Cent - die Stunde, einen Kaffee gibt es umsonst, wirbt ein Plakat. Im Restaurant "Art-Deco" wird - mit Blick auf das Konzentrationslager -altpolnische Küche serviert. Nebenan bei "Art-Burger" bruzzeln Frikadellen und Pommes Frites. Marszaleks Unbeirrbarkeit hat ihm den Titel eines Stadtpräsidenten eingebracht. "Einer, der sich wehrt gegen die Ausländer", so ein Image kommt an bei den Oswiecimer Wählern.Janusz Marszalek ist charmant, er trägt Nadelstreifen undspricht perfektes Deutsch. "Ich möchte, dass sich die Stadt entwickelt, wie jede andere. Es ist nicht unsere Schuld, was der verrückte Hitler und seine Schergen hier angerichtet haben."Der Mann hat dazu gelernt. In der heißen Phase des Kampfes um das Einkaufszentrum nannte er den ehemaligen polnischen Außenminister und Auschwitz-Überlebenden Wladyslaw Bartoszewski einen Agenten des internationalen Judentums. Heute hat er die israelische Flagge und die deutsche nebeneinander im Regal stehen. Marszalek redet von derHochschule, die nach Oswiecim kommen soll. Erzählt von dem Europäischen Friedenspark, der gebaut wird, dem alten Schloss, für dessen Renovierung Brüssel Geld lockergemacht hat. Sollen deutsche Investoren kommen? "Ich bitte darum." Die Entdeckung jüdischer Geschichte Die Deutschen sind wieder willkommen in Oswiecim. Auch bei Halina Koziol. Die kleine, stämmige Frau nestelt an ihrer Kette aus bunten Kunststoffteilen. Sie lacht viel, wenn sie Gästen die Skulpturen und Bilder in ihrer Galerie "Pro Arte" zeigt. "Die Leute - ob es nun Juden sind oder Deutsche - sind allesamt erleichtert, wenn sie in Oswiecimauf Kunst treffen." Demnächst möchte Halina ein Jugendzentrum aufmachen. Dort sollen Kinder malen lernen. "Ich möchte die böse Energie an diesem Ort in Kreativität umwandeln."Bis vor vier Jahren hatte Halina Koziol ihre Galerie über der alten Synagoge. Doch da musste sie wegziehen. Eine New Yorker Stiftung ließ das Gebäude renovieren, gründete das Jüdische Kulturzentrum. Heutebeten dort wieder Männer mit Schläfenlocken - Gäste allerdings. Denn in Oswiecim gibt es keine Juden mehr. 7000 Menschen jüdischen Glaubens lebten in der Stadt vor dem deutschen Überfall friedlich mit katholischen Polen zusammen.Nur einige wenige überlebten den Holocaust. Nach dem Krieg versuchten rund 180 Juden hier wieder Fuß zu fassen. Doch die Gemeinde starb langsam aus. Viele verließen das Land, als die Kommunisten Ende der sechziger Jahre in Polen eine antisemitische Hetzkampagne lostraten. Szymon Kluger hielt aus. Er galt als der letzte Jude von Oswiecim. Im Frühjahr 2000 starb er in seiner Wohnung nur Wochen, bevor die Synagoge ein paar Häuser weiter wiedereröffnet wurde - und er hat auch nicht mehr erlebt, wie die katholischen Polen begannen, sich für ihre jüdischen Nachbarn von einst zu interessieren."Wir befassen uns mit der jüdischen Geschichte in der Stadt vor Auschwitz", erklärt Tomasz Kuncewicz, Direktor des angegliederten Jüdischen Kulturzentrums: "Die Resonanz ist gewaltig, damit hätte ich nicht gerechnet." Natürlich gebe es wie überall einen Bodensatz fremdenfeindlicher Einstellungen, doch nie sei ihm in Oswiecim Antisemitismus entgegengeschlagen. "Die Sensibilität ist gewachsen.Judenfeindliche Parolen sind - nicht nur hier - in den vergangenen Jahren langsam von der politischen Bühne verschwunden", hat Kuncewicz beobachtet.Jahrzehntelang galt in der offiziellen kommunistischenGeschichtsschreibung Auschwitz vor allem als ein Lager für Polen, das Martyrium der Juden wurde heruntergespielt. Erst nach der Wende habe sich das Geschichtsbild vieler Polen geändert, sei bei vielen das Interesse an den jüdischen Traditionen ihres Landes wieder erwacht, erklärt Pater Manfred: "Oswiecim muss zur Normalität zurückfinden.Hitler darf nicht das letzte Wort behalten."



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