Sicherheit im Irak USA stellen irakische Schutztruppe auf

Die USA wollen sich bei ihren Sicherheitsbemühungen im Irak nun von einheimischen Kräften unterstützen lassen. Der Oberbefehlshaber der Besatzungstruppen in Irak, John Abizaid, kündigte die Aufstellung einer 7000 Mann starken irakischen Schutztruppe an. Auch türkische Soldaten sollen den Vereinigten Staaten im Irak helfen.


Die USA erhoffen sich bei ihren Razzien Hilfe durch einheimische Kräfte
AP

Die USA erhoffen sich bei ihren Razzien Hilfe durch einheimische Kräfte

Bagdad - Eine "zivile Verteidigungstruppe" solle den amerikanischen und britischen Streitkräften bei der Bekämpfung von Gewalt und Sabotage helfen, sagte Abizaid am Montag bei seinem ersten Besuch in Irak.

Am Vortag waren bei einem Angriff auf einen Militärkonvoi zwei amerikanische Soldaten getötet worden, seit Kriegsbeginn kamen damit 151 US-Soldaten bei Kampfhandlungen ums Leben.

Die irakischen Freiwilligen sollten von US-Soldaten ausgebildet werden und in 45 Tagen einsatzbereit sein, erklärte Abizaid. Sie sollten mit amerikanischen Soldaten zusammen auf Patrouille gehen, an Militäroffensiven aber nicht teilnehmen. Zahlreiche Iraker seien zu einem solchen Dienst bereit, meinte der US-General: "Sie wollen ihr Land verteidigen." In Bagdad gehen bereits seit Kriegsende irakische Freiwillige mit amerikanischen Soldaten zusammen auf Fußstreife.

Neuer US-Oberbefehlshaber: John Abizaid
AP

Neuer US-Oberbefehlshaber: John Abizaid

Der Angriff am Sonntag beunruhigte die Besatzungstruppen besonders, weil er sich in einer bislang weitgehend friedlichen Gegend rund 400 Kilometer nordwestlich von Bagdad ereignete. Der Leiter der US-Zivilverwaltung in Irak, Paul Bremer, wies Spekulationen über einen organisierten Widerstand am Sonntag erneut zurück. Es handle es sich um unkoordinierte Attacken kleiner Gruppen, sagte er dem amerikanischen Fernsehsender NBC.

Trotzdem wäre es hilfreich, wenn der gestürzte Staatschef Saddam Hussein getötet oder gefangen genommen würde, sagte Bremer. "Die Tatsache, dass sein Schicksal unbekannt ist, ermöglicht es seinen Anhängern, für Unterstützung zu werben", erklärte er.

Wolfowitz für neuen Sprachgebrauch

Unterdessen bemühte sich Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz bei einem Besuch in Bagdad um einen neuen Sprachgebrauch: Die Urheber der Anschläge auf US-Truppen dürften nicht als "Widerstandskämpfer" bezeichnet werden. Sie seien "reaktionäre Kräfte" mit dem Ziel, die Privilegien, die sie unter dem alten Regime genossen hätten, zurückzuerobern.

USA möchten türkische Truppen für Irak

Nach Angaben des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan haben die USA die Türkei zudem um die Entsendung von Truppen in den Irak gebeten. Mit einer Entscheidung sei bis Ende dieses Monats zu rechnen, berichtete die türkische Zeitung "Hürriyet". Dem Bericht zufolge könnten rund 5000 Soldaten der 28. mechanisierten Infanteriebrigade, die bereits in Afghanistan im Einsatz war, in Bagdad und Umgebung stationiert werden.

Die Truppenentsendung dürfte auch Thema eines an diesem Dienstag beginnenden Besuchs des türkischen Außenministers Abdullah Gül in Washington sein.

Die Türkei möchte dem Bericht zufolge geklärt wissen, ob die Soldaten einer internationalen Truppe mit Uno- oder Nato-Mandat angehören oder unabhängig davon zum Einsatz kommen sollen. Geklärt werden müssten auch Fragen nach den Aufgaben, Befugnissen, den Kosten und dem Einsatzort der türkischen Soldaten. Einer Entsendung müsste auch das türkische Parlament zustimmen. Vor Beginn des Irak-Krieges hatte sich in der Nationalversammlung in Ankara keine ausreichende Mehrheit für die Stationierung amerikanischer Truppen zum Aufbau einer Nordfront im Irak gefunden. Dies hatte zu einer Krise in den türkisch-amerikanischen Beziehungen geführt.

Amnesty kritisieren Menschenrechtsverletzungen

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat den US-Truppen im Irak vorgeworfen, tausende irakische Gefangene ohne Anklage und unter entsetzlichen Bedingungen festzuhalten. Einige Iraker seien gezwungen worden, 48 Stunden lang in brütender Hitze in der Sonne zu stehen, sagte Amnesty-Sprecherin Judit Arenas Licea der Nachrichtenagentur Reuters in Bagdad.

In den Gefangenenlagern fehlten vernünftige sanitäre Einrichtungen, Angehörige würden über das Schicksal der Festgehaltenen im Unklaren gelassen. "Wir sind enttäuscht darüber, dass Menschenrechte als Entschuldigung für den Krieg im Irak benutzt wurden und jetzt die Menschenrechte der Iraker verletzt werden", sagte Licea. Das US-Militär lehnte eine Stellungnahme zu den Vorwürfen ab.

"Menschen werden Handschellen angelegt, sie müssen sich hinknien und werden erniedrigt", sagte die Amnesty-Sprecherin weiter. "Es gab einen Fall, dass einem zwölfjährigen Jungen in einer Gruppe Erwachsener die Hände auf dem Rücken mit Handschellen gefesselt wurden. Die Amerikaner behandeln die Kinder wie Erwachsene." Anfragen von Amnesty, die Gefangenen besuchen zu dürfen, würden vom US-Militär mit dem Verweis auf Sicherheitsgründe regelmäßig abschlägig beschieden. "

Aber wir wissen von ehemaligen Gefangenen, dass viele seit Monaten nicht mehr richtig gebadet haben und dass es keine sanitären Anlagen gibt." Derzeit untersucht ein Team der in London beheimateten Organisation die Lage der Menschenrechte im Irak.

Einige der irakischen Gefangenen werden in der Haftanstalt Abu Ghraib festgehalten, die zur Zeit des gestürzten Präsidenten Saddam Hussein gefürchtet war. Wolfowitz besuchte das Gefängnis am Sonntag im Rahmen einer fünftägigen Irak-Reise. Saddam und seine Anhänger hätten dort 30.000 Menschen ermordet, sagte Wolfowitz. Er gehe davon aus, dass heute die meisten Iraker hinter den USA stünden.



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