Sicherheitsrisiko Kernkraft Terrorziel AKW

Auf Einladung von US-Präsident Obama debattieren Staatenlenker aus 47 Ländern über Abrüstung und Sicherheit. Alles kommt auf den Tisch - nur ein Aspekt wird übersehen: Auch von zivilem AKW-Brennstoff geht Gefahr aus. Denn er wird bislang nicht ausreichend vor Missbrauch geschützt.

US-Atomkraftwerk: "Stolperstein bei der Frage der Nichtverbreitung"
AFP

US-Atomkraftwerk: "Stolperstein bei der Frage der Nichtverbreitung"

Von , New York


John Rowe ist einer der mächtigsten Männer in der US-Wirtschaft. Doch viele Amerikaner dürften seinen Namen noch nie gehört haben. Selbst in seiner Heimatstadt Chicago ist der 64-Jährige eher nur einem inneren Zirkel bekannt. Dabei kriegt er nicht selten Anrufe aus dem Weißen Haus, wenn Präsident Barack Obama mal wieder seine Hilfe braucht.

Rowe ist Vorstandschef des US-Energiekonzerns Exelon. Exelon betreibt das größte Netz aus Atomkraftwerken in der atomkraftreichsten Nation der Welt. Es bedient 5,4 Millionen Kunden und machte voriges Jahr 17,3 Milliarden Dollar Umsatz, etwa so viel wie British Airways oder Samsung. Fast 20.000 Mitarbeiter wachen über 17 Reaktoren und zehn Kraftwerke, die meisten im Staate Illinois.

Doch Rowe, der 2009 mehr als zwölf Millionen Dollar verdiente, ist viel mehr als nur ein klassischer Firmenchef. Als längstgedienter CEO in der US-Atombranche engagiert er sich auch politisch - und überraschend progressiv.

Im Kongress trommelt der Farmerssohn seit längerem für Obamas neues Klimagesetz, das zurzeit in den Ausschüssen feststeckt. Er wirbt für den Emissionshandel. Und im September 2009 trat er mit Exelon demonstrativ aus der US-Handelskammer aus, der lautesten Industrielobby der Nation - aus Protest gegen deren konservative, klimafeindliche Politik.

Es gibt noch ein anderes Feld, auf dem sich Rowe als Wegbereiter kümmert: die globalen Anstrengungen zur Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen und -material (Non-Proliferation). So hat Exelon ein langfristiges Abkommen mit dem russischen Brennstoffexporteur Tenex abgeschlossen, um diesem Uran aus einst sowjetischen Atomwaffen abzunehmen - damit dieses nicht in die falschen Hände gerät.

Atomindustrie spielt eine widerwillige Rolle

Es ist ein Anfang. Die US-Atomindustrie spielt bei der Abrüstung und den Schritten zur Nichtweiterverbreitung bis heute eine diffuse, oft sogar widerwillige Rolle - obwohl diese Milliardenkonglomerate nach der Regierung die wichtigsten Protagonisten im weltweiten Nuklearkarussell sind. Letzteres zeigt sich unter anderem daran, dass US-Marktführer Exelon rund 1500 hauseigene Wachbeamte beschäftigt, nur um seine Anlagen zu schützen.

Zwar gelten die Brennstoffe für Reaktoren als nicht waffenfähig. Doch haben zivile Technologien und Materialien schon oft heimlich ihren Weg in militärische Programme gefunden, etwa in Iran und Indien: Das friedliche System hat bedrohliche Löcher.

Die Bemühungen der Branche, solche Lecks zu stopfen, stecken trotzdem noch in den Kinderschuhen. Grund: Die Industrie, die aus vielen internationalen Multis besteht, fürchtet Umsatzeinbußen und die Regulierungsknute.

Jetzt aber wächst vor allem in den USA der Druck auf die Konzerne, sich aktiv an den politischen Bemühungen zu beteiligen, die diese Woche in Obamas Atomgipfel münden.

Stolperstein in der Frage der Nichtweiterverbreitung

"Die Kernenergie war von Anfang an einer der großen Stolpersteine bei der Frage der Nichtweiterverbreitung", klagt Jessica Matthews, die Präsidentin des Carnegie Endowments for International Peace. "Sowohl die Bedrohung durch den Terrorismus wie auch das langfristige Problem der Abrüstung machen die globale Absicherung der Atomenergie gegen Proliferation zu einer dringenden Frage."

Es sei "kritisch", schreibt auch die International Commission on Nuclear Non-Proliferation and Disarmament in einem Positionspapier, die friedliche Kernenergie so zu managen, "dass sie die Probleme der Welt reduziert und nicht noch dazu beiträgt". Bisher jedoch habe die Industrie dafür "keine direkte Verantwortung" übernommen, die Kooperation sei "minimal" gewesen. Nicht nur die Politik, sondern auch die Wirtschaft müssten künftig gemeinsam dafür sorgen, "dass es keine Umleitung von Kernmaterial zu militärischen Zwecken" gebe.

In den USA wird das Thema gerade doppelt akut. Neben dem Gipfel geistert die Branche auch anderweitig durch die Schlagzeilen: Angeblich genießt sie das größte "Comeback" ("Wall Street Journal") seit Jahrzehnten - dank Obama.

Der hat der Atomindustrie 54 Milliarden Dollar an neuen Darlehensgarantien in Aussicht gestellt - ein Riesenschritt auf dem Weg zum ersten neuen US-Atomreaktor in fast 30 Jahren. Die Sparte hatte seit 1979 förmlich brach gelegen, nachdem es im Reaktor Three Mile Island in Pennsylvania zur beinahe katastrophalen Teilschmelze gekommen war. Inzwischen hat die Industrie Bauanträge für 26 neue Meiler gestellt. Wenn alles läuft wie geplant, könnten die ersten 2018 ans Stromnetz gehen.

insgesamt 384 Beiträge
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Seite 1
Arg-US 09.04.2010
1. "Begrenzung der Atomarsenale", aber keine Wende in der aggressiven Politik der USA!
Zitat von sysopAtomwaffen abschaffen, Terrorismus verhindern: US-Präsident Obama setzt sich ehrgeizige Ziele für seinen historischen Nuklear-Gipfel in Washington. Staatslenker aus 46 Nationen sind geladen - doch nicht alle teilen seine Vision einer atomwaffenfreien Welt. Ist die Abrüstung wieder eine realistische Vision?
Das wäre wünschenswert, doch es steht zu befürchten, dass sich de facto überhaupt nichts an der essentiellen Gefährdung der Menschheit ändern wird. Beide Staaten verfügen trotz der "Begrenzung der Atomarsenale" immer noch über ein mehrfaches atomares Overkillpotential. Außerdem hat Obama durchblicken lassen, dass die USA stattdessen ihre konventionelle Rüstung aufstocken wollen, obwohl sie bisher schon für Rüstung und Militär alleine mehr ausgeben als die nächsten zehn größten Rüstungsetats anderer Staaten zusammen. Es wird keine Wende in der aggressiven Weltpolitik der USA herbeiführen, denn es findet kein grundsätzliches Umdenken statt und der modus operandi bleibt der alte!
Palmstroem, 09.04.2010
2. Obama - Der Heilige des Weltfrieden
Zitat von sysopAtomwaffen abschaffen, Terrorismus verhindern: US-Präsident Obama setzt sich ehrgeizige Ziele für seinen historischen Nuklear-Gipfel in Washington. Staatslenker aus 46 Nationen sind geladen - doch nicht alle teilen seine Vision einer atomwaffenfreien Welt. Ist die Abrüstung wieder eine realistische Vision?
Warum, wird die Kalaschnikow verboten?
Arg-US 09.04.2010
3. Die Rhetorik einer schlichten Gewinn- und Verlustrechnung!
Zitat von PalmstroemWarum, wird die Kalaschnikow verboten?
Die ist noch weltweit im Einsatz und wird wohl noch auf Weiteres gebraucht werden! Atombomben kamen genau genommen – trotz der darauf verschwendeten Billionen Dollars - nur zweimal zum Kriegseinsatz auf wehrlose zivile Großstädte und das eigentlich nur als zynischer Feldversuch unter Realbedingungen. Unschuldige Menschen degradiert zu hilflosen Versuchskaninchen! Er hat keine Kosten gescheut, diese nuklearen Waffen zu vermehren und zu vervollkommnen, so dass er jetzt auf die alten und obsoleten gut verzichten kann. Der Gipfel der Heuchelei besteht wohl darin, dass man dieses Ausmustern von Atomschrott als "Begrenzung der Atomarsenale" demagogisch geschickt darzustellen versucht, weil die Unterhaltung unnötige Kosten verursachte.
ambergris 09.04.2010
4.
Spannend wird Abrüstung erst da, wo zwei Nationen freiwillig eine militärische Option aufgeben. Auch nach dem Abkommen haben die USA und Russland die Möglichkeiten, die Welt in Grund und Boden zu bomben.
Antje Technau, 09.04.2010
5.
Zitat von sysopAtomwaffen abschaffen, Terrorismus verhindern: US-Präsident Obama setzt sich ehrgeizige Ziele für seinen historischen Nuklear-Gipfel in Washington. Staatslenker aus 46 Nationen sind geladen - doch nicht alle teilen seine Vision einer atomwaffenfreien Welt. Ist die Abrüstung wieder eine realistische Vision?
Obama nannte als Ziel eine atomwaffenfreie Welt. Israel verweigert sich dieser Vision und Netanjahu kommt nicht zu der von Obama einberufenen Konferenz: Binyamin Netanyahu pulls out of Washington nuclear weapons summit (http://www.guardian.co.uk/world/2010/apr/09/netanyahu-snubs-nuclear-weapons-summit) Präsident Obamas Reaktion auf diesen Affront durch Israel wird zeigen, wie ernst es Obama mit seinem Plan ist. Oder ob seine "atomwaffenfreie Welt" sich nur auf Staaten wie den Iran bezieht. Wie die Vorredner schon sagten: außer Atombomben gibt es noch genug andere Waffen, mit denen die USA und andere Länder die Welt zerstören können. Auch diese Waffen müssten verschwinden, wenn man dafür sorgen wollte, dass Menschen nicht mehr zu Millionen in Kriegen sterben sollen.
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