Sierra Leone Wahl im Land der Blutdiamanten

70 Prozent Arbeitslosigkeit, fast jedes dritte Kind stirbt vor seinem sechsten Geburtsag - schlechte Voraussetzungen für die junge Demokratie in Sierra Leone, wo heute die erste freie Wahl seit dem Abzug der Uno-Friedenstruppen stattfindet. Doch die Menschen in Freetown hoffen und wählen.

Von Sebastian Funke und Iwailo Nikolov, Freetown


Es ist Wahltag in Freetown. Präsident Kabbah hat verfassungsgemäß nach zwei Amtszeiten seinen Rücktritt erklärt. Doch die Bevölkerung in Sierra Leone ist besorgt, ob die noch junge Demokratie im kleinen westafrikanischen Staat seine erste große Herausforderung bestehen wird. Für die regierende Partei, die Sierra Leone Peoples Party (SLPP), kandidiert der amtierende Vizepräsident Solomon Berewa. Zwar hat die SLPP einige Erfolge vorzuweisen, ein Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent, die Entwaffnung der Rebellen und den Erlass der Auslandsschulden. Bei den Menschen auf der Straße kommt davon jedoch nur wenig an.

Es sind die nackten Zahlen, die die Geschichte des Elends erzählen: Die Arbeitslosigkeit liegt nach Schätzungen von unabhängigen Organisationen weiterhin bei etwa 70 Prozent, die Kindersterblichkeitsrate bei erschreckenden 30 Prozent. Die Ausgaben im Bereich Bildung liegen mit 12,6 Millionen Euro weit unter dem Jahreseinkommen mancher Topmanager.

Die Hauptstadt Freetown mit ihren 1,3 Millionen Einwohnern ist eine trostlose Stadt, in der sich ein Mini-Verkaufsstand an den nächsten reiht. Es ist die einzige Hauptstadt Afrikas, die nicht an ein Stromnetz angeschlossen ist und wo Wasserleitungen ein Luxus sind. Sierra Leone wird auf dem vorletzten Platz des Entwicklungsindexes der Uno geführt - obwohl das Land reich an natürlichen Ressourcen wie Diamanten, Gold und anderen Edelmetallen ist.

Wahlkampf als Karneval

In den vergangenen Tagen verliefen die Abschlussveranstaltungen der Parteien in Freetown friedlich, wie der gesamte bisherige Wahlkampf. Ausgelassen feierten die Anhänger bis zuletzt auf den Straßen der Hauptstadt, eher Karneval als politische Veranstaltung. In den Farben ihrer Parteien gekleidet, zogen die Anhänger durch die Stadt und tanzten zu den neuesten Liedern der lokalen Musikszene. Aufgrund der hohen Analphabetenquote ist Musik ein wichtiges Mittel im Wahlkampf geworden: Ein ganzes Genre von systemkritischen Songs klagt die korrupte Politik in Sierra Leone an und fordert den Wechsel. Die sogenannten "Bore Bellies" die dicken Bäuche der korrupten Beamten und Politiker, werden parteiübergreifend als das größte Hindernis in der Entwicklung des Landes gesehen.

Die stärkste Oppositionspartei, die "All Peoples Congress" (APC), hat schon die Kommunalwahlen im Jahr 2004 gewonnen. Obwohl die APC das Land in einem autoritären Einparteiensystem von 1961 bis 1992 regierte und für den Bürgerkrieg mitverantwortlich war, legen viele Menschen ihre Hoffnung in eine APC geführte Regierung. Ihr Präsidentschaftskandidat Ernest Koroma gilt als unbelastet und gerade die jungen Menschen haben das Vertrauen in die regierende SLPP verloren.

Der lange Arm der Rebellen

Doch noch immer wirft der brutale Bürgerkrieg lange Schatten in Sierra Leone: So kokettiert die APC mit der Unterstützung durch die ehemaligen Rebellen der Revolutionary United Front (RUF), die einst mit Macheten und Maschinengewehren marodierend durch das Land zogen und es beinahe komplett zerstörten. Von 1991 bis 2002 kamen 120.000 Menschen durch den Bürgerkrieg ums Leben. Erst Truppen der Vereinten Nationen konnten das Morden stoppen und den Wiederaufbau in Gang bringen.

Seit dem Abzug der Uno-Soldaten liegt die Sicherheit des Landes nun allein in der Verantwortung der einheimischen Sicherheitskräfte. Doch zur heutigen Präsidentschaftswahl sind auch 2000 ausländische Beobachter im Land, die den Ablauf der Wahl kontrollieren sollen. Denn obwohl die Polizei wiederholt ihre Neutralität erklärt hat, vermuten gerade die Anhänger der oppositionellen APC eine engere Verbindung zu der regierenden Partei.

Ein Land am Scheideweg

Und so ist die Angst vor einem Ausbruch an Gewalt allgegenwärtig auf den Straßen von Freetown. "Stimmungen", so meint Albert Bangura, ein Buchverkäufer in Freetown, "können sich so schnell ändern wie das Wetter". War es bei den Abschlusskundgebungen noch trocken versinkt Freetown am heutigen Wahlsamstag im Wasser. Es ist Regenzeit, die Straßen verwandeln sich in Bäche, die durch die Wohnzimmer der Wellblechhütten fließen.

Trotzdem stehen die Menschen Schlange vor den Wahlbüros. Doch erst danach wird das eigentliche Nervenspiel beginnen: Die National Electoral Comission ist laut Verfassung verpflichtet, das Ergebnis innerhalb von 14 Tagen bekannt zu geben. Die große Frage wird sein, ob der Verlierer der Wahl das Ergebnis anerkennen wird - oder ob ein neues Kapitel von Chaos und Gewalt beginnen wird.



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