SPD-Chef in Griechenland Gabriels Internationale

Auf seiner Griechenlandreise umgarnt Vizekanzler Gabriel den sozialistischen Premierminister Tsipras. Damit sendet er auch ein Zeichen in die Heimat - für einen Schulterschluss mit der Linkspartei.
SPD-Chef Gabriel (r.), Alexis Tsipras

SPD-Chef Gabriel (r.), Alexis Tsipras

Foto: Wolfram Kastl/ dpa

Es sind Szenen einer neuen Männerfreundschaft, die sich am Donnerstagmittag im Amtssitz des griechischen Premiers abgespielt haben. Demonstrativ zelebrieren Alexis Tsipras und der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel ihren Schulterschluss. Sie sitzen im Büro des Ministerpräsidenten, vor laufenden Kameras, und tauschen Nettigkeiten aus.

"Wir progressiven Führer Europas müssen zusammenhalten", sagt Tsipras, der Linke von der Syriza-Partei.

Gabriel: "Du bist aber progressiver als ich."

Und Tsipras flirtet zurück: "Ich bin radikaler als du."

Zwei Tage ist Gabriel zu Besuch in Griechenland, einem Land, das er in der Vergangenheit wahlweise mal verhätschelt hat - und mal aus der EU rauswerfen wollte. Gerade ist er im Verbrüderungsmodus. "Griechenland hat viel geleistet", sagt Gabriel auf der Reise. Tsipras habe die Reformen gemeistert, die seine Vorgänger jahrelang versprochen und nie gemacht hätten. Das Land würde "den absolut richtigen Weg" beschreiten, und dafür müsse es "belohnt" werden mit Investitionen, also Geld.

Gabriel will ein Zeichen setzen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen die Griechen unter der harten Knute der europäischen und internationalen Finanzinstitutionen gestanden haben. Vorbei die Zeiten, in denen sie ihr Gesundheits-, Renten- und Sozialsystem beschneiden mussten auf eine Weise, "die die Agenda 2010 in Deutschland wie ein laues Lüftchen erscheinen lassen", so Gabriel.

Die sogenannte Austeritätspolitik, mit der vor allem Finanzminister Wolfgang Schäuble in Brüssel gegen Athen agitiert hatte, gehört der Vergangenheit an. Das ist die Botschaft des SPD-Chefs. Tsipras hört sie mit sichtlicher Genugtuung.

Jetzt ist Einheit gefragt

Der verbale Bruderkuss des Bundeswirtschaftsministers für die Griechen ist zum einen Folge des Brexits, der die Lage der EU vollkommen auf den Kopf stellt. Nachdem die Briten sich für den Austritt aus der Union entschieden haben, ist der Grexit, also der Rausschmiss Griechenlands aus der Eurozone, vom Tisch.

Jetzt ist Einheit gefragt, das wollen Gabriel und Tsipras als Botschaft aussenden.

Ganz zu Anfang der eineinhalbstündigen Unterredung mit Gabriel macht der linke Premier klar: Der Brexit sei "wie ein Weckruf" für ein Europa, das bislang "wie ein Schlafwandler" agiert habe, sagte Tsipras: "Der Brexit ist ein Signal, dass Austeritätspolitik ersetzt werden muss durch eine Politik für Wachstum und Arbeitsplätze."

Wirtschaftsminister Gabriel widerspricht ihm nicht, im Gegenteil: Nach seiner Unterredung mit Tsipras listet er auf, welche Fortschritte der griechische Regierungschef etwa in der Steuerpolitik erzielt habe. Gabriel steht in der glühenden Sonne Athens, direkt vor dem Amtssitz des Premiers. Er meint, dass auch Finanzminister Schäuble kaum zu einem anderen Schluss kommen könne als dem, dass die Griechen geleistet haben, was man von ihnen verlangt habe. Tsipras müsse jetzt weiter daran arbeiten, die Strukturen in dem Land so zu verändern, dass deutsche Firmen dort investieren können.

Um das zu unterstreichen, hat er 40 Unternehmen mitgenommen, vor allem aus der Energiebranche, deren Geld für neues Wachstum in der darniederliegenden Wirtschaft Griechenlands sorgen soll.

"Es ist immer das Gleiche mit den griechischen Regierungen"

Als Gabriel das sagt, ist er eingerahmt von Parlamentariern des deutschen Bundestags. Für die CDU ist ausgerechnet Klaus-Peter Willsch mit in die hellenische Hauptstadt gereist, einer der lautesten Befürworter eines Grexits. Immer wieder zuckt es in seinem Gesicht, als Gabriel die Griechen umschmeichelt. Später wird er sagen, er habe sich nur schwer zurückhalten können.

Willsch glaubt Tsipras kein Wort. Die griechische Regierung meine es nicht ernst mit ihren Reformen. In der Unterredung mit Tsipras habe er das auch so angesprochen. "Es ist immer das Gleiche mit den griechischen Regierungen. Sie sagen das, was ihre Gläubiger hören wollen", sagt Willsch.

Gabriel wird in dieser Situation von ganz unerwarteter Seite in Schutz genommen, und zwar vom Abgeordneten der Linken: Michael Schlecht, der mit im Tross des Ministers ist und von Alexis Tsipras mit herzlicher Umarmung begrüßt worden war. Die Linke und Syriza sind Schwesterparteien und Gabriels frische Liebe für den griechischen Premier dürfte auch damit zu tun haben, dass er in der deutschen Heimat gerade an einem linken Bündnis schmiedet (siehe Gabriels Gastbeitrag für den SPIEGEL).

In Deutschland sind Linkspartei und SPD bislang verfeindet. Gabriel will das ändern, hat sich mit dem SPD-Dissidenten Oskar Lafontaine getroffen. Doch das Verhältnis ist schwer zerrüttet.

Warum also nicht am Fuße der Akropolis damit beginnen? Gabriel hatte Tsipras bereits vor einigen Wochen in den Kreis der sozialdemokratischen Führer Europas eingeführt. Als sich der französische Staatspräsident François Hollande, der italienische Premier Matteo Renzi und Gabriel Anfang der Woche zu einem Krisentreffen in Brüssel getroffen haben, war auch Tsipras dabei.

In Athen nutzt er die kurze Zeit auch dazu, sich mit den Führern der zwei anderen linken Parteien zu treffen. Gabriel kann sich sicher sein, dass das linke Volk in der Heimat seine Signale hört.


Zusammengefasst: Der Brexit hat Europa auf den Kopf gestellt. Ein Ausscheiden der Griechen, der sogenannte Grexit, ist nun passé. Stattdessen reist Vizekanzler Gabriel nach Athen und umgarnt dort Premier Tsipras. Das Signal in die Heimat ist klar: Die Annäherung an die Linken geht weiter.