Gabriels Antrittsbesuch bei Putin in Moskau Jetzt wirklich Außenminister

Sigmar Gabriel pflegt gute Beziehungen zu Russland, für manchen allzu gute. Bei seinem ersten Moskau-Besuch als Außenminister zeigt der Sozialdemokrat, wie man schwierigen Partnern schmeichelt - und trotzdem klare Kante zeigt.

Wladimir Putin und Sigmar Gabriel
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Wladimir Putin und Sigmar Gabriel

Von und , Moskau


Wladimir Putin lässt auf sich warten. Dann, mit eineinhalb Stunden Verspätung, geht eine weiße Tür auf: Außenminister Sergej Lawrow tritt in den Saal des Kreml, grinst breit in Richtung Sigmar Gabriel, dem neuen deutschen Chefdiplomaten. Der deutet eine Verbeugung an und grüßt zurück: "Herr Außenminister".

Mit etwas Verzögerung erscheint auch Putin, lange schütteln der russische Präsident und Gabriel die Hände. Putin lächelt in die Kameras. "Unsere gemeinsame Aufgabe besteht darin, die Beziehungen vollständig zu normalisieren und die Schwierigkeiten zu überwinden, auf die wir stoßen", wirbt der Staatschef bei Gabriels Antrittsbesuch in Moskau. Gabriel nickt. Fast zwei Stunden werden die beiden miteinander sprechen.

Dass Gabriel immer zu "schwierigen Zeiten", wie er es bei seiner letzten Visite im September ausdrückte, in das Flugzeug nach Moskau steigt, brachte ihm den Ruf ein, ein "Russland"- oder gar "Putinversteher" zu sein. Hinzu kam, dass er sich anders als Kanzlerin Angela Merkel, für eine Lockerung der Sanktionen gegen Russland aussprach - und damit den Nebenaußenminister gab.

Putin empfing den Sozialdemokraten, damals noch Wirtschaftsminister, deshalb gern. Drei Mal trafen sich die beiden, das erste Mal zu der Zeit, als im März 2014 auf der ukrainischen Halbinsel Krim Bewaffnete in Uniformen ohne Hoheitszeichen strategisch wichtige Orte besetzten und Politiker aus dem Westen Putin mieden. Gabriel dagegen setzte weiter auf Dialog.

Anders als Steinmeier

Es gebe zwei Möglichkeiten, mit Russland umzugehen, erklärt er am Donnerstag. Entweder wolle man weiter eskalieren oder eben versuchen zu verstehen: "Was ist eigentlich beim Gegenüber los?" Als Chefdiplomat geht Gabriel bei diesem Dialog geschickter vor.

Für einen Sozialdemokraten tritt er ungewöhnlich klar gegenüber Russland auf. Anders als sein Vorgänger Frank-Walter Steinmeier hat er in den ersten Wochen seines neuen Amtes den Vorschlag, die Sanktionen gegen Moskau schrittweise abzubauen, nicht öffentlich wiederholt, Forderungen danach gar zurückgewiesen.

Auch den Vorwurf Steinmeiers, die Nato betreibe Säbelrasseln und Kriegsgeheul, macht sich Gabriel nicht zu eigen - im Gegenteil. Bei seinem Zwischenstopp in Warschau verteidigte Gabriel die Stationierung von 4000 Soldaten an der Nato-Ostflanke. "Wenn wir uns ansehen, welche gewaltige Militärmaschine dem gegenübersteht", Gabriel meint Russland, "kann man nicht davon sprechen, dass die Nato eine Aufrüstungsspirale begonnen hat." Er wirbt deshalb in Moskau sowohl bei Putin und Lawrow für Abrüstung. Doch die sehen ihr Land wiederum von der Nato umzingelt.

Sergej Lawrow und Sigmar Gabriel
DPA

Sergej Lawrow und Sigmar Gabriel

Bei seiner ersten Pressebegegnung mit Lawrow zeigt Gabriel, dass er den Außenamtschef mit der weltweit größten Erfahrung durchaus geschickt zu nehmen weiß. Gabriel gratuliert dem Russen, der genau auf den Tag 13 Jahre im Amt ist. "Insofern bist du mir überlegen", schmeichelt der Deutsche seinem Kollegen. "Ich bringe es nicht mal auf 13 Wochen." Lawrow grinst.

"Auch wenn das auf Pressekonferenzen unüblich ist"

Tatsächlich sind es bei Gabriel gerade einmal sechs Wochen. Und in denen hat er lernen müssen, wie verfahren der Krieg in der Ostukraine ist. Mehrmals wirbt er für das Minsker Abkommen; es brauche den Willen der Konfliktparteien, sich an die Vereinbarungen zu halten. Lawrow hört sich das ungerührt an - auch als Gabriel im Hinblick auf die von Russland annektierte Krim sagt, die Verletzung von Grenzen sei etwas, "was wir nicht akzeptieren können".

Dem Schlagabtausch mit seinem russischen Kollegen ist Gabriel durchaus gewachsen, er gibt dem erfahrenen Kollegen Kontra. Lawrow holt auch an diesem Tag zu einem seiner berüchtigten historischen Vorträge über die Demütigungen Russlands und Überheblichkeit des Westens aus. Über zehn Minuten lang doziert der russische Chefdiplomat über die Welt, die "multipolar" und "postwestlich" werde - seine Botschaft: Man möge sich doch im Westen nicht mehr so wichtig nehmen, der Westen spiele nicht mehr "die erste Geige".

Anfangs hört Gabriel noch mit amüsierter Miene zu, dann lehnt er sich zurück und legt die Stirn in Falten. Als Lawrow geendet hat, will seine Sprecherin bereits die nächste Frage aufrufen, doch Gabriel geht dazwischen. Er wolle noch etwas dazu sagen, "auch wenn das auf Pressekonferenzen unüblich ist".

Er habe etwas zusammengezuckt, als Lawrow von der "postwestlichen" Welt geredet habe, sagt Gabriel. Er begreife den Westen nicht als einen geografischen Ort, sondern als Wertekonzept. Auf dem Kairoer Tahrir-Platz hätten die Menschen im Arabischen Frühling für westliche Werte demonstriert. "Herausgekommen ist eine Regierung der Muslim-Bruderschaft", setzt Lawrow nach. Gabriel hält dagegen, man könne im Ringen um die Werte auch verlieren, aber das bedeute nicht, "dass sie falsch sind".

"Wir halten das alles hoffentlich für ein Gerücht"

Mürrisch zeigt sich Lawrow, als es um die Vorwürfe geht, Russland schalte sich in die Wahlkämpfe im Westen ein: alles "haltlos". Gabriel aber erwidert: "Es gibt ja Gerüchte über alle möglichen Länder, die versuchen, uns zu beeinflussen. Wir halten das alles hoffentlich für ein Gerücht."

Eine russische Journalistin will es dennoch genauer wissen und fragt nach den Vorwürfen aus Deutschland. Wer denn diese Vorwürfe erhebe, will Gabriel wissen. Antwort: "Die Medien." Der deutsche Außenminister macht eine Pause: "Die deutschen Medien verantworten sich selbst", antwortet er. Und das sei auch ein Unterschied zwischen Deutschland und anderen Ländern. Lawrow grinst einmal mehr an diesem Tag.

Spätestens Ende Juni sieht er seinen deutschen Kollegen Gabriel wieder - dann in der südrussischen Stadt Krasnodar, ganz in der Nähe der Krim.

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