Gabriel in Abu Dhabi Warnende Worte aus der Weißen Moschee

Waffengeschäfte, Menschenrechte - und jetzt die Gefahr des islamistischen Terrors. Vizekanzler Gabriel begleiten auf seiner Golfreise heikle Themen. Beim Moschee-Besuch warnt der SPD-Chef vor radikalen Predigern in Deutschland.

Gabriel vor der Scheich-Zayed-Moschee: Beeindruckter Vizekanzler
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Gabriel vor der Scheich-Zayed-Moschee: Beeindruckter Vizekanzler

Von , Abu Dhabi


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Die Kulisse hätte sich Vizekanzler Sigmar Gabriel nicht besser aussuchen können, um sich laut Gedanken über den Islam zu machen. Es ist der dritte Tag seiner Reise durch die arabischen Golfstaaten, er ist in Abu Dhabi, dem Zentrum der Vereinigten Arabischen Emirate - und er läuft auf Socken durch die viertgrößte Moschee der Welt.

Weiße Moschee heißt der Bau, und die Touristenführerin erklärt dem SPD-Chef, dass diese Farbe für Toleranz, Frieden und Miteinander stehe. Die Scheichs in den Emiraten wollen durch Prachtbauten wie diesen nicht nur ihren Reichtum demonstrieren, sondern den muslimischen Glauben als weltoffen präsentieren.

Staunend schreitet Gabriel unter dem Kronleuchter hinweg. Zwölf Tonnen ist der schwer, der größte der Welt, hergestellt in Bayern. Er geht nach draußen, läuft einen Gang entlang, der mit 1000 Säulen den großen Gebetsplatz umsäumt. 30.000 Gläubige finden in der Moschee Platz, der deutsche Minister ist beeindruckt.

Die ganze Reise über ging es um Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien, die Menschenrechte, den inhaftierten Blogger Badawi. Doch auf einer Reise durch die arabische Welt mit all ihren Krisenherden ist auch Gabriel klar, dass das Verhältnis der Deutschen zum Islam und die Angst der Menschen vor dem Terror immer mitschwingt. Wie ist mit dem radikalen Islamismus umzugehen, der Terroristen hervorbringt, Kämpfer für den "Islamischen Staat" (IS) oder andere Organisationen - nicht nur in der arabischen Welt, sondern auch in der deutschen Provinz?

Beeindruckt vom Scheich

Am Vorabend hat Gabriel mit dem Kronprinzen der Vereinigten Arabischen Emirate gesprochen. Ein Gespräch, das ganz offensichtlich nachhaltigen Eindruck bei ihm hinterlassen hat. Denn Scheich Mohamed Bin Zayed Al Nahyan hat das Problem des radikalen Islam in seiner zweistündigen Unterhaltung mit Gabriel selber aufgegriffen. Der Regent forderte seinen Gast auf, in Deutschland radikale Prediger aus den Gebetshäusern herauszudrängen.

Gabriel war überrascht, dass der Scheich das Verhältnis seiner Religion zum Terrorismus so unverblümt thematisiert. Dass der Islam nicht terroristisch ist, aber die meisten Terroristen derzeit islamisch sind - das ist eine Feststellung, die Gabriel offensichtlich nicht vom Scheich erwartet hat. Und die ihn selbst auch zu klaren Ansagen animiert. Vor dem Eingang der Moschee fordert er eine Debatte über die islamischen Religionslehrer und Imame in Deutschland. "Wir haben zu spät angefangen, darüber zu reden, dass an deutschen Hochschulen Prediger ausgebildet werden, wo wir das Curriculum kennen, wo wir wissen, wie sie ausgebildet werden."

Gabriel warnt vor der Unterwanderung muslimischer Gemeinden durch radikale Prediger aus der Ferne. "Es kann nicht sein, dass in deutschen Gebetshäusern Prediger aus Pakistan oder anderen Ländern predigen, die nichts wissen über unser Land", sagt er. Diese Menschen seien mitunter tief verstört über das, was sie in unserem Land sehen und stachelten anschließend die jungen Migranten, die in die Moschee kommen, gegen die deutsche Gesellschaft auf.

Hunderttausende ohne jede Hoffnung

Als Grund für die Empfänglichkeit fundamentalistischen Gedankenguts nennt Gabriel nicht in erster Linie die wirtschaftliche Benachteiligung junger Muslime. Viel wichtiger noch erscheint dem SPD-Chef, dass die Jugendlichen orientierungslos seien. "Es geht darum, dass unsere Gesellschaft ihnen Orientierung gibt", sagt Gabriel, während im Hintergrund der Muezzin zu singen beginnt.

Gabriel sorgt sich auch um die Flüchtlingsquartiere, in denen Vertriebene aus Syrien und dem Irak leben. Dort wüchsen Hunderttausende heran ohne jede Hoffnung, ohne eine Perspektive. "Wir haben die große Gefahr, dass wir da eine verlorene Generation sitzen haben. Und aus der werden die Terroristen von morgen kommen", sagt Gabriel. Er fordert eine gemeinschaftliche Anstrengung Europas, um diesen jungen Menschen Ausbildung und Arbeit zu verschaffen.

Gabriel hat auf seine Reise den Vorsitzenden des Zentralrats der deutschen Muslime, Aiman Mazyek, mitgenommen. Er weicht Gabriel beim Besuch in der Moschee nicht von der Seite. Die beiden sind befreundet, der Muslimvertreter unterstützt Gabriel in seiner Botschaft. Man müsse genauer in die Moscheen hineinschauen, sagt auch Mazyek und appelliert an beide Seiten: "Die Muslime müssen von der Gesellschaft als ein Teil angesehen werden, sie müssen sich selber aber auch als ein Teil unseres Landes sehen." Er fordert, dass die Muslime den gleichen verfassungsrechtlichen Status bekommen müssten wie die christlichen Kirchen.

Zu diesem Vorschlag des Muslimenvertreters allerdings schweigt Gabriel, steigt in seine Limousine und lässt den Muezzin der Weißen Moschee weiter singen.


Zusammengefasst: Vizekanzler Sigmar Gabriel besucht auf seiner Golfreise die Vereinigten Arabischen Emirate. Beim Besuch der Weißen Moschee in Abu Dhabi warnt der SPD-Chef vor radikalen Predigern, die in Deutschland orientierungslose Muslime aufhetzen. Er fordert: Imame sollten an deutschen Hochschulen ausgebildet werden.

insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
rbwntr 09.03.2015
1. Endlich
mal klare Worte. Danke Herr Gabriel! Aber letztlich erhalten Religionen einen zu hohen Stellenwert. Ja, das wäre o.k., dass "Muslime den gleichen verfassungsrechtlichen Status bekommen", aber nur wenn das hieße, dass den christlichen Kirchen endlich ihre Privilegien genommen werden. Staat und Religionen müssen endlich getrennt werden! Der wachsenden Zahl muss so Rechnung getragen werden. Neue, wie gerade in Niedersachsen hinter verschlossenen Türen ausgehandelte Konkordate sind das Letzte, was wir hier brauchen.
der_radiera 09.03.2015
2.
Trotz gewisser Antipathien gegen Gabriel, immerhin hat er scheinbar das Problem der 'Terroristen von Morgen' erkannt. Leider wird im Nahen Osten grade ganze Generationen von morgen traumatisiert, was keiner Gesellschaftsentwicklung gut tuen kann. Aber im gleichen Besuch dennoch über Waffenlieferungen (wenngleich unter vorbehalt und gemäßigt und so weiter, jaja...) zu reden, das nennt man dann Politik.
maximillian64 09.03.2015
3. Abu Dhabis weisse Moschee
habe ich vor 2 Wochen ebenfalls besucht. Obwohl Touristenströme, viele Europäer und Christen in Massen das beieindruckende Bauwerk besuchen ist der Umgang locker. Alle machen Selfies auch in der Haupthalle wo fotografieren eigentlich nicht erlaubt ist, und die Wärter schreiten nur sanft ein wenns gar zu wild wird. Ein Sakraler Bau der genauso beeindruckt wie der Kölner Dom. Das die Moschee im Zeichen der Toleranz (=weiß) gebaut wurde, zeigt das in einem Land das viele Gastarbeiter aus Europa beherbergt das praktiziert wird, was wir in Deutschland auch lernen sollten. Entspanntes nebeneinander der Religionen.
s1mon 09.03.2015
4. Dummenfang
"Der Regent forderte seinen Gast auf, in Deutschland radikale Prediger aus den Gebetshäusern herauszudrängen." Der Regent kann so viele schöne Sachen sagen wie er will. Wer "radikal" ist, kann jederzeit neu festgelegt werden. Es werden sich alle Moslems immer wieder auf den Koran und die Hadithen berufen. Nein - der Koran und das was sich daraus ergibt ist nicht friedlich. Die Gesamtheit des Moslems handelt gemäß Koran. Und dabei ist es kein Widerspruch, dass einige Moslems gemäßigt oder friedlich sind. Der Koran ist unabänderlich. Langfristig wird er seine Wirkung entfalten. Wer das alles für Unsinn hält: Lest den Koran - gern in geeigneten Ausschnitten und mit historischen Bezügen. Achtet auch auf die Hadithen. Attentate - die hatte Mohammed bereits gegen Lästerer und Kritiker in Auftrag gegeben. Jeder Moslem ist gehalten dem Propheten nachzueifern. Viele Leser des Korans werden Anhänger oder Kritiker. Viel Spass - lesen bildet.
deglaboy 09.03.2015
5. Peinlich...
dass ein muslimischer Potential aus dem Orient den Deutschen ins Gewissen reden muss, ihre Moscheen besser zu kontrollieren. Mir hat ein frustrierte Marokkaner schon vor über zehn Jahren gesagt: "Ich versteh euch Deutsche nicht. Wir hatten drei Moscheen in Frankfurt und die hatten wir im Griff. Aber dann habt ihr Deutsche erlaubt, dass jeder der will irgendwo im Hinterhof eine Moschee eröffnen kann und wir haben die Kontrolle komplett verloren." Im übrigen verstehen die meisten Muslime, mit denen ich gesprochen habe, die Deutschland kennen schon lange nicht mehr die rasche Linie der deutschen Politik gegenüber radikalen Strömungen im Islam. Man erntet nun, was man mit Feigheit vor Zeiten gesät hat.
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