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Berlusconis Leben nach dem Rücktritt Cavaliere auf Machtentzug

Um Italiens Lautsprecher ist es still geworden. Ex-Premier Berlusconi sucht eine neue Rolle. Die sieht er offenbar nicht als einfacher Abgeordneter. Im römischen Parlament kommt der "Cavaliere" auf eine rekordverdächtige Abwesenheitsquote. Viele fragen sich: Wo ist Silvio?

Hamburg - Für pikante Details ist Silvio Berlusconi immer noch gut. Als Regierungschef habe er eine Regionalpolitikerin aus seiner Partei im Nonnenkostüm für ihn strippen lassen, berichtete eine Zeugin am Montag vor Gericht in Mailand.

Berlusconi ist dort im Ruby-Prozess angeklagt, und der strippenden Politikerin, Nicole Minetti, wird vorgeworfen, ihm Prostituierte zugeführt zu haben. Die Staatsanwaltschaft fand nun heraus, dass Berlusconi Minetti sowie zwei Showgirls, die ebenfalls im Ruby-Prozess aussagen sollen, 127.000 Euro überwies.

Mit solchen Details aus dem Prozess, in dem Berlusconi unter anderem Sex mit Minderjährigen vorgeworfen wird, sorgt der "Cavaliere" ab und an noch für Schlagzeilen. Ansonsten ist es ruhig geworden um den einstigen Lautsprecher, der Italiens Politik 17 Jahre lang prägte.

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Italiens Ex-Premier: Berlusconi sucht eine neue Rolle

Foto: Gregorio Borgia/ ASSOCIATED PRESS

Seit fünf Monaten ist der Skandalpolitiker nun Privatmann und einfacher Abgeordneter im Parlament. In Rom regiert der seriöse Wirtschaftsprofessor Mario Monti. Und Berlusconi, der früher kaum einen Auftritt scheute, macht sich rar. In der Öffentlichkeit zeigte sich Berlusconi in den vergangenen Wochen selten. Er war in Russland, beim alten Kumpel Wladimir Putin. In Sotschi aßen sie mit dem noch amtierenden Präsidenten Dmitrij Medwedew im Nobelrestaurant, besichtigten eine Bobbahn. Wenn Putin im Mai wieder das Präsidentenamt übernimmt, will Berlusconi nach Moskau kommen.

Doch daheim in Rom sucht er weiter nach seiner Rolle. Mal lobt er das Technokraten-Kabinett um Monti, mal kritisiert er, die Regierung habe kein Mandat von der Bevölkerung. Den Vorsitz seiner Partei "Volk der Freiheit" hat er längst an seinen früheren Kronprinzen Angelino Alfano abgegeben, der auch Spitzenkandidat bei der Wahl 2013 werden soll. Aber angeblich hat Berlusconi noch den Text zur neuen Parteihymne "Gente della libertà" geschrieben. Ein Comeback sei ausgeschlossen. Sagt er.

Berlusconi mache einen depressiven Eindruck, heißt es

Berlusconi bietet wenig Anlass für Mitleid. Er besitzt eine Prunkresidenz im Palazzo Grazioli im historischen Zentrum Roms. Er kann sich in seine Villen nach Arcore und Sardinien flüchten, auf der Privatjacht schippern. Er hat fünf Kinder und sechs Enkel.

Andererseits hat ihn seine Frau verlassen, ihn beim Gehen als "krankhaft" bezeichnet wegen seines "Umgangs mit Minderjährigen". Berlusconi, der von allen gemocht werden will, dürfte sich nach dem Abschied von der Macht einsam fühlen. In Rom hieß es im Winter, Berlusconi mache einen depressiven Eindruck, verschanze sich im Palazzo Grazioli.

Berlusconi sucht immer noch seine Rolle im Leben nach der Politik. In den vergangenen Tagen geisterte die Meldung durch die Medien, er wolle eine "Universität der Freiheit" gründen, dort auch selbst lehren. Zumindest sagte er das in einem Interview mit einer israelischen Zeitung. Doch man darf skeptisch sein. Berlusconi sagt manchmal gern solche Sachen dahin. Angeblich will er sich nun auch um eine Stiftung kümmern, die kranken Kindern hilft.

Im Parlament lässt er sich kaum noch blicken

Was er sagt und dann macht, sind oft zwei verschiedene Dinge. Das mussten die Italiener in den vergangenen Jahren oft erfahren: Angekündigte Reformen wurden nie zu Gesetzen, bestehende Gesetze nicht umgesetzt. Als Monti Mitte November die Regierungsgeschäfte übernahm, wurde aus Berlusconi wieder ein einfacher Abgeordneter - zumindest auf dem Papier. Denn ins Parlament kam Berlusconi so gut wie nicht mehr.

504 Abstimmungen gab es seitdem, bei 500 war Berlusconi nicht da. Seine Anwesenheitsquote beträgt 0,79 Prozent. Das letzte Mal wurde er im Abgeordnetenhaus am 16. Dezember gesehen. In der gesamten Legislaturperiode ist seine Quote kaum besser. Nur: Bis zum November konnte sich Berlusconi stets mit Regierungsgeschäften entschuldigen.

Und vor allem der Justiz in den Strafverfahren konnte er sich mit dem Verweis auf offizielle Verpflichtungen entziehen. Das ist nun vorbei. Der Mills-Prozess nahm wieder Fahrt auf, Berlusconi erschien vor Gericht, der Staatsanwalt forderte fünf Jahre Haft. Doch Ende Februar stellte das Gericht den Prozess wegen Korruption in Zusammenhang mit Schmiergeldzahlungen an den britischen Anwalt David Mills wegen Verjährung ein.

Zum Glück gibt es den Fußball

Zwei wichtige Verfahren laufen noch: Da ist der Ruby-Prozess. Darin wird Berlusconi vorgeworfen, mit der damals minderjährigen Karima el-Marough alias Ruby Rubacuori ("Herzensräuberin") Sex gehabt zu haben. Die Staatsanwaltschaft wirft Berlusconi auch Amtsmissbrauch vor, weil er die wegen Diebstahls festgenommene Ruby per Telefon aus der Haft entlassen habe. Das Argument damals: Sie sei die Nichte des damaligen ägyptischen Staatschefs Husni Mubarak. Berlusconi bestreitet den Sex und den Amtsmissbrauch.

Im Mediaset-Prozess muss sich Berlusconi wegen Steuerhinterziehung beim Verkauf von Film- und Fernsehrechten in Höhe von knapp 500 Millionen Euro verantworten. Auch diese Vorwürfe bestreitet er.

In Berlusconis Medienimperium Mediaset hat mittlerweile Sohn Pier Silvio, 42 Jahre alt, die Geschäfte übernommen. Doch seit der Papa nicht mehr die politische Macht hat, schrumpften zuletzt die Werbeerlöse dramatisch.

Zum Glück ist da noch der Fußball. Berlusconi gehört der Traditionsverein AC Milan - und der Club ernannte ihn im März erneut zum Ehrenpräsidenten. Zweimal war der "Cavaliere" bereits Präsident, von 1986 bis 2004 und von 2006 bis 2008.

Nun ist er wieder an Bord. Kürzlich fuhr Berlusconi gar mit der Mannschaft zum Auswärtsspiel nach Parma, zum ersten Mal seit 18 Jahren. In der Liga ist Milan nach einer Niederlage auf Platz zwei zurückgefallen. Aber der neue Ehrenpräsident lässt ausrichten, er glaube nach wie vor fest an die Meisterschaft. Berlusconi muss sich noch daran gewöhnen, nicht mehr ganz oben zu stehen.