Silvio Berlusconi wird Tierschützer Das Stündchen des Schäfers

Lämmchen kraulen statt Häschen jagen: Italiens ewiger Premier Silvio Berlusconi geht unter die Tierschützer, auch politisch. Aus Leidenschaft, sagt er. Aus kalter Berechnung, sagen Kritiker.

Silvio Berlusconi und Vittoria Brambilla
imago/ Italy Photo Press

Silvio Berlusconi und Vittoria Brambilla


Ach, wenn die Welt doch allerorten so friedlich wäre wie rund um die Villa San Martino, im kleinen Städtchen Arcore, nicht weit von Mailand. Jeden Morgen tritt der Hausherr aus seinem 147-Zimmer-Domizil und durchwandert seinen von Bildhauern und Gärtnern harmonisch gestalteten Park. Ihn begleiten, wie er selber gern erzählt, Schafe, Lämmer und 13 Hunde, die Küsschen an die niedlichen Zicklein verteilen, die in diesem Paradies spielen. Schöpfer und Herr des italienischen Garten Eden ist Silvio Berlusconi, den man offenbar lange verkannt hat.

Als milliardenschweren Medienmogul hat man ihn gesehen. Als Politiker, der Italien zwei Jahrzehnte lang dominiert und, wie seine Kritiker sagen, heruntergewirtschaftet hat. Als Steuerbetrüger und Sexbesessener wurde er berühmt. Seine Bunga-Bunga-Parties mit vielen jungen Damen wurden zum Symbol für seine sündige Arcore-Villa.

War das alles ein Trugbild? Offenbart er uns jetzt den wahren Berlusconi? Silvio mit Hündchen auf dem Schoß, die er ergriffen, beinahe verliebt, betrachtet. Auf manchen Fotos - in ansonsten ähnlicher Gemüts- und Blicklage - sind die Hunde gegen Lämmchen getauscht. Ist dieser Silvio womöglich doch nicht nur getrieben von Geld- und Machthunger, wie die meisten vermuten?

20 Prozent wollen für Tier- und Umweltschützer stimmen

Am vorigen Wochenende sah es jedenfalls ganz danach aus. Vittoria Brambilla, 49, Vorsitzende der "Italienischen Liga zur Verteidigung der Tiere und der Umwelt" hatte zur Gründung einer neuen Partei geladen, mit dem Namen "Movimento Animalista", übersetzt etwa: Tierschützerbewegung. "Heute ist ein historischer Tag", sagte die Tochter eines Stahlbarons dazu, "Millionen Menschen, die Tiere lieben, werden Italien verändern".

Der Saal war rappelvoll, vor allem mit Emissären von Tier- und Umweltschutzorganisationen. Besonders großer Beifall brandete auf, als Berlusconi ans Rednerpult trat, Mitgründer und Taufpate der neuen Partei. "7,5 Millionen Familien haben ein Tier daheim", sagte er mit Blick auf die Zukunft der neuen Bewegung, die auch nach einer Umfrage unter 2000 Italienern nur rosig sein kann.

Von den Befragten sagten 20 Prozent, sie würden bei der nächsten Wahl für eine Tier- und Umweltschutzpartei stimmen, wenn es die denn gäbe. "Das wären 160 Parlamentarier und 63 Senatoren für euch", rechnete Berlusconi seinen Zuhörern vor. Und selbst wenn es am Ende vielleicht doch nicht ganz so viele würden, "mit meiner Unterstützung und der von Forza Italia" werde man eine ganze Menge verändern können. "Macht es wie ich 1994!", rief er den Tierfreunden zu, und erinnerte sie an den großen Erfolg der Forza-Wahlversammlungen in 8000 italienischen Kommunen.

Thema geklaut

Wenn die Sache gut läuft, könnte natürlich neben den Haustieren auch Berlusconi profitieren. Denn dessen eigene Partei Forza Italia ist in letzter Zeit etwas heruntergekommen und auf zwölf Prozent abgesackt. Damit kann man nicht viel reißen. Da wäre selbst ein kleiner neuer Partner hochwillkommen. Und die Chefin der "Animalisti" ist ja eine langjährige Vertraute und Parteifreundin Berlusconis.

Vittoria Brambilla hat ihre Karriere als Reporterin beim Berlusconi-Fernsehen begonnen, war zu Berlusconis Regierungszeiten Staatssekretärin und mehr als zwei Jahre lang sogar Ministerin - wenn auch nur für Tourismus. Eines der vielen Berlusconi-Geschöpfe in Italiens Politik, sagen denn auch manche und behaupten, Berlusconi habe sich das Tierschutzdrehbuch selber ausgedacht und die Signora Brambilla nur als Strohfrau auf den neuen Job gesetzt.

Und selbst wenn? Sind die Opponenten vielleicht nur neidisch? Bei den Grünen sagen einige, Berlusconi habe ihnen "unser Thema" geklaut. Bei den Sozialdemokraten ärgern sich jetzt viele, dass ihr Vormann Matteo Renzi sich voreilig auf die Seite der Jäger geschlagen habe. Dabei seien diese den Tierfreunden zumindest zahlenmäßig deutlich unterlegen. Während die Zahl der Jäger jedes Jahr stetig abnimmt, wächst die der Tierschützer, Vegetarier und Veganer zuverlässig.

Mit 80 auf den Hund gekommen

Berlusconi, inzwischen 80 Jahre alt, hatte offenbar das richtige Gespür im rechten Moment. Aber ist das etwa verwerflich? Zumal er es ja ernst meint, wie er sagt. Wenn er von all den üblen Sachen höre, die man Tieren antue, dann "schaudert es mich", hat er in Mailand in den Saal gerufen. Und er hat es ja auch nicht bei Worten belassen, sondern gehandelt: Fünf Hunde hat er vor einem Hundeleben im Tierheim gerettet. Die haben es jetzt gut bei ihm. Gemeinsam mit seinem Ersthund Dudù und Dudina, dessen Partnerin, sowie mit Wendy, Peter und Trilly, deren Kindern und noch ein paar anderen bellenden Vierbeinern. Damit nicht genug: Auch seine Tochter Marina, die ja immerhin einen großen Konzern leiten muss, hat plötzlich Zeit für 13 Hunde daheim.

Was einer wie Berlusconi mit seiner Tierliebe schaffen kann, hat er ja schon vor Ostern demonstriert. Da hat er fünf Lämmchen adoptiert und damit "vor dem Gemetzel des Osteressens gerettet", wie eine Tierschutzorganisation jubelte und den Italienern dringend ans Herz legte: "Macht es wie er!"

Im Video: Berlusconis rettet die Lämmchen

ROPI

Und offenbar machten es etliche wie er. Die Bestellungen für den traditionellen Festtagsbraten gingen laut "Corriere della Sera" um 20 bis 30 Prozent zurück. "Der Berlusconi-Effekt ist spürbar", meldete der Verband der Lebensmittelgeschäfte. Und die Fleischerlobby tobte, es sei "unglaublich", dass ausgerechnet der Unternehmer Berlusconi dazu beitrage, der Fleischindustrie zu schaden, nur um sich tierfreundlichen Wählern anzubiedern.

Aber welcher echte Tierfreund glaubt schon Fleischern?

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