Berlusconi-Prozess Ein Kosmos aus Macht, Geld und Sex

Ist Silvio Berlusconi gegen Gerichtsurteile immun? Obwohl er mehrfach verurteilt wurde, sitzt der Ex-Regierungschef nicht im Gefängnis, sondern im Senat. Jetzt droht ihm schon wieder ein Urteil - und dieses Mal könnte es wirklich ernst werden.

AFP

Rom - Geschichten von Macht, Geld und Sex füllen das Universum des Silvio Berlusconi. Erzählt werden sie meist in Gerichtssälen. Kein Politiker stand so oft im Zentrum einer juristischen Untersuchung wie der viermalige Ministerpräsident Italiens, der Medienmogul und Milliardär Silvio Berlusconi.

Mehr als hundert Prozesse mit insgesamt 2600 Sitzungen hat er gegen sich gezählt - andere Statistiker kommen nur auf etwa 30 Verfahren, aber das wäre durchaus auch eine ordentliche Leistung. Mindestens 900 Staatsanwälte und Richter hätten sich an ihm und seinem Medienimperium abgearbeitet, sagte er vor einer Weile selbst - offenbar voller Stolz. Einmalig sei das "nicht nur weltweit, sondern im ganzen Sonnensystem".

400 Millionen Euro Anwaltskosten

Bislang kam der 76-Jährige immer haarscharf davon. Mal fehlte der letzte Beweis. Oft verschleppte seine Anwaltsarmada die Verfahren über die Verjährungsfrist. Mehr als 400 Millionen Euro habe er denen an Honorar gezahlt, so Berlusconi. Und manchmal musste der Politiker Berlusconi durch seine Parlamentsmehrheit sogar das eine oder andere Gesetz so ändern lassen, dass dies den Angeklagten Berlusconi rettete.

In letzter Instanz rechtskräftig verurteilt wurde er bis jetzt nicht. Das kann sich kommenden Dienstag ändern. Da droht ihm ein Urteil in dritter Instanz. In den achtziger und neunziger Jahren soll er, so die Anklage im sogenannten Mediaset-Prozess, über eine Tochterfirma in der Karibik preiswert US-Spielfilme gekauft und überteuert an seine Mediaset-Fernsehstationen verkauft haben. So habe er mächtig Steuern gespart und dazu ein hübsches Sümmchen Schwarzgeld angesammelt. Die Anklage spricht von über 360 Millionen Dollar.

Zwei Gerichtsinstanzen haben ihn dafür zu vier Jahren Haft verurteilt und ihn für fünf Jahre von allen öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. Bestätigt das römische Kassationsgericht - das entspricht etwa dem deutschen Bundesgerichtshof - dieses Urteil, sieht es gar nicht gut aus für Berlusconi. Zumal weitere Verfahren mit schweren Anklagen die Instanzen durchlaufen und neue Fälle auf ihn zurollen.

  • Im Jahr 2010 soll er wiederholt bezahlten Sex mit der damals minderjährigen Tänzerin Karima el-Marough, Künstlername: "Ruby Rubacuore" ("Herzensbrecherin"), gehabt und sein Amt als Ministerpräsident missbraucht haben, um das zu vertuschen. Urteil in erster Instanz: sieben Jahre Haft, dazu lebenslanger Ausschluss von allen öffentlichen Ämtern.

  • In seiner Zeitung "Il Giornale" soll Berlusconi denText eines illegalen Telefonmitschnitts veröffentlicht haben, um dem angesehenen Links-Politiker Piero Fassino zu schaden; Urteil in erster Instanz: ein Jahr Haft.

  • Beim umstrittenen Erwerb des Verlagshauses Mondadori soll er den Richterspruch "gekauft" haben. Die Bestechung ist verjährt, aber dem unterlegenen Mondadori-Mitbewerber stehen nach dem Urteil in zweiter Instanz 564 Millionen Euro Schadensersatz zu. Das Urteil der letzten Instanz wird in Kürze erwartet.

  • 2006 soll Berlusconi den damaligen Regierungschef Romano Prodi durch die Bestechung korrupter Parlamentarier gestürzt haben. Ex-Senator Sergio De Gregorio sagte aus, er habe für seinen Parteiwechsel drei Millionen Euro bekommen. Auch andere Überläufer seien bezahlt worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

  • Den Unternehmer Gianpaolo Tarantini aus Bari soll Berlusconi mit Geld zur Falschaussage vor Gericht angestiftet haben. Tarantini gilt als wichtigster "Lieferant" für Escort-Damen, die Berlusconi zu seinen "Bunga Bunga"-Partys lud. Die Ermittlungen laufen.

Für Silvio auf George Clooney verzichtet

Zusätzlich braut sich im juristischen Vorfeld einiges zusammen. Der Berlusconi-Freund und Zeitungsherausgeber Valter Lavitola soll eine halbe Million Euro bekommen haben, damit er Berlusconis langjährigen Verbündeten und späteren politischen Gegner Gianfranco Fini ins Zwielicht rückt.

Die Schauspielerin Sabina Began soll von Berlusconi 1,4 Millionen Euro für den Kauf einer Eigentumswohnung im römischen Zentrum bekommen haben. Unter dem Beinamen "Bienenkönigin" spielte sie eine wichtige Rolle im "Bunga Bunga"-Umfeld. Sie sagt, das Geld sei ein Geschenk der Liebe. Denn sie liebe Berlusconi und habe für ihn, so wird sie von der Zeitung "La Repubblica" zitiert, sogar auf George Clooney verzichtet.

So und ähnlich geht es weiter bis zum Horizont.

Im Mai 2009 hatte Berlusconis Ehefrau Veronica Lario die Scheidung eingereicht und so begründet: Sie könne das System, in dem "Jungfrauen dem Drachen zum Verspeisen gereicht" würden, nicht mehr ertragen.

Berlusconis zwielichtige Entourage

Auch Berlusconis Freunde und Kumpane werden in der Regel reich und landen von Gericht. Die Namensliste ist lang und erst vorige Woche kamen drei dazu.

Emilio Fede, langjähriger Chef von Berlusconis TV-Kanal "Rete 4", und der frühere Theater-Agent Gabriele Mora, genannt "Lele" - schon mit etlichen Urteilen wegen Drogenhandel, Steuer- und Konkursbetrug auf dem Buckel -, bekamen in erster Instanz sieben Jahre Knast. Beide sollen junge Tänzerinnen, Models, Teilnehmerinnen an Schönheitswettbewerben und Wetterfeen für Berlusconis nächtlichen Zeitvertreib angeworben haben. Das gilt als "Förderung der Prostitution", in Deutschland würde man vielleicht eher "Zuhälterei" sagen, und ist im italienischen Recht eine schwere Straftat - zumal wenn Minderjährige dabei sind.

Neben den beiden Herren auf der Anklagebank saß Nicole Minetti. Die kümmerte sich erst um Berlusconis Zähne, dann um sein Sexualleben, sie wurde Akteuse im Berlusconi-Fernsehen, danach Politikerin in der Berlusconi-Partei. Sie soll die geselligen Abendessen in Berlusconis Villa organisiert und dort selbst zum Striptease auch mal im Sexy-Nonnen-Kostüm aufgetreten sein. Sie war es auch, die in Berlusconis Auftrag die unter Diebstahlverdacht verhaftete "Ruby" aus dem Polizeigewahrsam holte. Sie wurde, gleichfalls wegen "Förderung der Prostitution", zu fünf Jahren Haft verurteilt.

insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
diepresselügt 26.07.2013
1. eher geht morgen der Spiegel pleite...
Zitat von sysopREUTERSIst Silvio Berlusconi gegen Gerichtsurteile immun? Obwohl er mehrfach verurteilt wurde, sitzt der Ex-Regierungschef nicht im Gefängnis, sondern im Senat. Jetzt droht ihm schon wieder ein Urteil - und dieses mal könnte es wirklich ernst werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/silvio-berlusconi-vor-gericht-macht-geld-und-sex-a-912921.html
als das Silvio in den Bau geht !
Pfaffenwinkel 26.07.2013
2. Der Teufel steckt im Detail:
Er wird möglicherweise über irgend eine Kleinigkeit stolpern, die seine Anwalts-Armada übersehen hat.
ziegenzuechter 26.07.2013
3. berlusconi wird niemals in den knast gehen.
dafür sind seine verdienste um italien einfach zu groß, das weis jeder italiener. wäre er nicht gewesen wäre italien schon in den 90er jahren von den kommunisten übernommen und in einen gulagstaat verwandelt worden. jeder klardenkende italiener ist froh, dass berlusconi bella italia vor den roten horden bewahrt hat.
copperfish 26.07.2013
4. Schade
Zitat von sysopREUTERSIst Silvio Berlusconi gegen Gerichtsurteile immun? Obwohl er mehrfach verurteilt wurde, sitzt der Ex-Regierungschef nicht im Gefängnis, sondern im Senat. Jetzt droht ihm schon wieder ein Urteil - und dieses mal könnte es wirklich ernst werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/silvio-berlusconi-vor-gericht-macht-geld-und-sex-a-912921.html
Schade Silvio, Barack stiehlt dir in punkto krimineller Energie eindeutig die Show. Und dabei hast du dir doch soviel Mühe gegeben!
commonsense2 26.07.2013
5. Berlusconi- Strauss Kahn halten sich fuer Uebermenschen
solange sie ihre Machtbasis,, Geld in Ueberfluss besassen- Aemter hatten, lebten sie in "abgeschirmten Wolkenkuckusheim" mit der Vorstellung "mir kann niemand etwas" quasi als unverwundbare Uebermenschen. was dazu fuehrt, dass sie sich alles erlauben was Normalsterbliche sich eher 2x vorher ueberlegen. Wenn sie ihrer Aemter entkleidet sind, stehen sie ploetzlich als stink normale Menschen da, die sich dem Gesetz unterwerfen muessen. Leider dient die mit Aemtern verbundene Macht dazu, dass sie auch lange tatsaechlich unantastbar sind, bis sich jemand traut alles an die grosse Glocke zu haengen und die Medien mit einstimmen. Von Groessenwahnsinn scheint der Mensch mit Macht nicht gefeit zu sein, es trifft fast alle.
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