Silvio Berlusconi "Wir sind die Kinder Helmut Kohls"

Angela Merkel und ihre CDU umwerben ihn, die Italiener jubeln ihm zu: Silvio Berlusconi, 63, einst wegen seiner rechten Parolen in ganz Europa geschmäht, ist die Hoffnung der europäischen Konservativen. SPIEGEL ONLINE traf den Medienmogul auf dem Kongress der Europäischen Volkspartei in Berlin.

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Silvio Berlusconi
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Silvio Berlusconi

Berlin - Er ist da, wo die Journalisten sind. Und die Journalisten sind da, wo er ist: Wenn Silvio Berlusconi durch das Berliner Interconti-Hotel rauscht, ist der kleine Italiener mit der Halbglatze kaum zu sehen - so dicht drängen sich die Reporter um ihn. Berlusconi in Deutschland, das kommt nicht alle Tage vor. Der letzte Besuch liegt gut sechs Jahre zurück.

Damals, im März 1994, war er gerade Ministerpräsident geworden - mit Hilfe seines Medienkonzerns und seiner Partei, der "Forza Italia", die mit 21,5 Prozent der Stimmen auf Anhieb stärkste Fraktion wurde.

Seine Koalition mit der postfaschistischen Alleanza Nazionale und sein Doppelleben als Unternehmer und Regierungschef stießen im eigenen Land und auch international auf Ablehnung. Der Chef der Lega Nord, Umberto Bossi, bezeichnete den Medienmogul als "eine Gefahr für die Demokratie und das Land".

Skrupellos ging er gegen seine Gegner vor

Skrupellos ging er gegen seine Gegner vor. Er tauschte den ihm nicht gewogenen Verwaltungsrat des öffentlich-rechtlichen RAI-Fernsehens aus und erließ ein Dekret, das die Untersuchungshaft bei Verdacht auf Korruption stark einschränken sollte. Nicht ganz ohne Eigeninteresse, wie vermutet wurde, denn die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen ihn wegen Bestechung und Steuerbetrug. Unter dem öffentlichen Druck zerbrach bald darauf seine Koalition: Berlusconi, der "Grande Communicatore", trat nach nur 226 Tagen zurück.

Heute scheint alles vergessen. Strahlend begrüßt ihn die CDU-Vorsitzende Angela Merkel auf dem Podium in Berlin und alle - alle wollen sie mit ihm reden. Vergessen die umstrittene Aufnahme seiner Forza Italia in die Europäische Volkspartei. Vergessen seine anti-europäischen Auslassungen. Berlusconi ist wieder wer, denn im April hat er Chancen, erneut italienischer Ministerpräsident zu werden.

Die europäischen Konservativen sehen in ihm die ersehnte Führungsfigur, weil von den 15 EU-Staaten derzeit gerade mal drei konservativ regiert werden. Noch dazu von nicht gerade schillernden Persönlichkeiten vom Schlage eines José María Aznar in Spanien. "Der Berlusconi ist der Hoffnungsträger", sagt denn auch der Europaabgeordnete Elmar Brok.

Über Gott und die Welt und das Unternehmertum

Kein Wunder, dass es dem Medienzaren gut geht. Für sein Alter sieht der 63 Jahre alte Senior blendend aus. Braungebrannt und mit Perlweiß-Zähnen lächelt er dem Publikum zu und doziert über Gott und die Welt und das freie Unternehmertum.

Wer seine Berater um ein Interview bitte, erntet entnervte Blicke. "Lesen Sie doch die Agenturen", heißt es. Oder: "Worüber wollen Sie mit ihm reden? Über den Vertrag von Nizza? Dazu haben wir uns noch keine Gedanken gemacht". Eigenartig für den Europaparlamentarier Berlusconi.

Immer lächelnd, immer aalglatt: Berlusconi
AP

Immer lächelnd, immer aalglatt: Berlusconi

Aber dann kommt er doch noch aus dem Fahrstuhl, der große Zampano. Legt gönnerhaft den Arm um den Reporter und bittet zum Interview. Locker sitzt er da in der Hotellobby, leger bekleidet mit einem Sweatshirt, die Krawatte hat er abgelegt. Der Mann ist nicht zu fassen: Seine Antworten sind ausweichend, aalglatt, so wie die mit Pomade getränkten Haare.

SPIEGEL ONLINE: Zwischen Deutschland und Frankreich kriselt es, in Nizza hat jedes Land nur auf seine Interessen geachtet. Es gibt zur Zeit keine europäische Führung. Werden Sie die Chance ergreifen?

Berlusconi: Ich habe bereits eine sehr starke Verpflichtung in meinem Land. Wenn die Italiener mir ihre Unterstützung und ihr Vertrauen geben und mich zum Ministerpräsidenten wählen, werde ich fünf Jahre harter Arbeit vor mir haben.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie das letzte Mal Premierminister waren, sind Sie von den europäischen Nachbarn wegen Ihrer Doppelrolle als Unternehmer und Politiker geschnitten worden.

Berlusconi: Ich hatte durch meine persönlichen Kontakte genau den gegenteiligen Eindruck. Ich leitete damals das Treffen der G7-Staaten in Neapel. Dort hatte ich sehr freundschaftliche Kontakte mit Mitterand, Kohl, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Clinton, Major, Chretien. Natürlich bin ich mir bewusst, dass in Bezug auf meine Partei die linke Presse und die ausländischen Korrespondenten einen Eindruck vermitteln, der der Wirklichkeit in keiner Weise entspricht.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie schon näher erläutern

Berlusconi: Zum Beispiel gibt es immer noch Leute, die meinen, mein Erfolg in der Politik und in den Wahlen liegt in der Unterstützung durch meine Fernsehsender. Um den anderen Journalisten zu zeigen, dass sie unabhängig von mir sind, sind die Journalisten in meinem Sender mir gegenüber viel kritischer als die Journalisten des nationalen Fernsehens Rai, das von der Linken besetzt ist. Sie müssen wissen, dass Fernsehsender in Italien keine Politikerwerbung ausstrahlen dürfen. Folglich ist die Unterstützung, die ich von meinen Fernsehsendern erhalte, niedriger als Null.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie den Vertrag von Nizza unterstützen?

Berlusconi: Wir werden, zusammen mit unserer Europäischen Volkspartei, die Entscheidung von Nizza überprüfen. Ich denke, dass Nizza ein Schritt vorwärts war hin zu einer Wiedervereinigung Europas. Unser Abstimmungsverhalten wird wie immer gemeinsam mit unseren Freunden in der Europäischen Volkspartei entschieden.

SPIEGEL ONLINE: Konservative Abgeordnete kündigen an, dass die Mehrheit von ihnen gegen den Vertrag stimmen werde.

Berlusconi: Wir werden sehen. Nizza war selbstverständlich nicht zufriedenstellend. Wir hatten ein Ergebnis erwartet, was wesentlich weiter gegangen wäre, als wir es erreicht haben. Aber es ist trotzdem ein Schritt vorwärts.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist Ihr Vorbild in der Europapolitik: Helmut Kohl oder eher Jörg Haider?

Berlusconi: Was für eine Frage! Wir sind die Kinder Helmut Kohls. Wir vermissen ihn auf allen unseren Treffen. Er hat gestern eine sehr bewegende Rede gehalten.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich in der Europäischen Volkspartei gut aufgenommen?

Berlusconi: Absolut. Ich fühle mich sehr wohl. Wir, die Forza Italia, haben zur Neufassung des Parteiprogramms beigetragen. Viele unserer Positionen wurden vollständig angenommen. Unser Parteiprogramm in Italien in Bezug auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik, unsere Unterstützung von Firmen und insbesondere von Unternehmern, wird wortwörtlich in das Programm der Europäischen Volkspartei übernommen.

SPIEGEL ONLINE: Aber um die Aufnahme der Forza Italia in die EVP gab es heftige Auseinandersetzungen.

Berlusconi: Nicht von unserer Seite.

SPIEGEL ONLINE: Aber von der anderen Seite.

Berlusconi: Das waren irgendwelche Minderheiten. Wir wurden per Abstimmung aufgenommen. Wenn ich mich richtig erinnere, mit 83 Prozent.



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