Simbabwe Das "Krokodil" lächelt - und lässt schießen

Nach der Mugabe-Ära versprach Staatschef Mnangagwa ein neues Simbabwe. Nun haben seine Sicherheitskräfte Proteste blutig niedergeschlagen. Angeblich wird auch Deutschland beschuldigt, die Demos angefacht zu haben.

Emmerson Mnangagwa
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Emmerson Mnangagwa

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Bei der Amtseinführung von Emmerson Mnangagwa lieferte das Staatsfernsehen noch schönste Bilder: 60.000 Menschen jubelten ihm im Nationalstadion von Harare zu. Blechbläser spielten, jemand trug ein Plüschkrokodil hinter dem neuen Präsidenten Simbabwes her, als Anspielung auf Mnangagwas Spitznamen.

"Das Krokodil" hatte in nur neun Tagen die Geschicke seines bankrotten Landes scheinbar gewendet. Ihm war es gelungen, den greisen Diktator Robert Mugabe nach fast vier Jahrzehnten aus dem Amt zu putschen. Das war im November 2017.

Mnangagwa und Krokodil im November 2017
AP

Mnangagwa und Krokodil im November 2017

Zwar hatte derselbe Mnangagwa in seiner Position als Mugabes Sicherheitschef noch den Tod Tausender befohlen und die desolate Lage des Landes mit verschuldet. Nun aber versprach er in seiner Antrittsrede ein Ende von Simbabwes Wirtschaftskrise. Der Spaß mit dem Stofftier sollte wohl unterstreichen: Künftig wird alles anders, heiter, besser.

Vergangene Woche, 13 Monate später, war dann wieder alles beim Alten: Soldaten schossen auf Demonstranten, mindestens zwölf Menschen starben, 75 wurden wegen Schusswunden behandelt, im ganzen Land gab es mehr als 600 Verhaftungen.

Kurz zuvor hatte Mnangagwa verfügt, der Liter Benzin werde künftig mehr als doppelt so teuer. Mit 3,31 US-Dollar hat Simbabwe jetzt einen der höchsten Spritpreise weltweit. In Massen zogen die Menschen auf die Straße, und dann war es wie bei Mugabe: Die Sicherheitskräfte schlugen den Benzinpreisprotest brutal nieder.

Mnangagwa nennt Tote und Verletzte "bedauerlich und tragisch"

Laut der NGO Ärzte für Menschenrechte könnte es sogar noch mehr als die offiziell zwölf Todesopfer geben: Menschen sei gezielt in den Kopf geschossen, ihre Leichen versteckt und Verwundete aus ihren Krankenhausbetten heraus verhaftet worden. Der simbabwische Menschenrechtsrat, ein gesetzlich vorgeschriebenes Organ zur Wahrung der Menschenwürde, sprach von systematischer Folter durch Polizisten.

Festgenommene warten auf der Erde sitzend auf ihren Gerichtstermin
REUTERS

Festgenommene warten auf der Erde sitzend auf ihren Gerichtstermin

Die Wirtschafts- und Währungskrise hatte Simbabwe schon unter Diktator Mugabe jahrelang im Griff. Seit Mnangagwas Antritt hat sich die Lage nicht verbessert, im Gegenteil. Beharrlich erklärt seine Regierung zwar, die anstelle der abgeschafften Landeswährung ausgegebenen "bond notes", auch Zollar genannt, hätten den gleichen Wert wie der US-Dollar. Das aber war schon zu Mugabes Zeiten gelogen. Und jeder weiß es.

Nur eine Sache scheint bei Mnangagwa wirklich neu: Seine Kommunikationsabteilung zeigt, dass der Chef mit der Zeit gehen will. Seinen Besuch beim Weltwirtschaftsforum in der Schweiz musste er wegen der Krise absagen, die Erklärung dazu war geschliffene Polit-PR: "Im Lichte der wirtschaftlichen Lage" kehre er nach Harare zurück, damit "Simbabwe wieder ruhig, stabil und arbeitsfähig" werde.

Dann rechtfertigte er den brutalen Einsatz aus der Vorwoche und verteidigte die verordnete Preisexplosion als "Maßnahme zur Stabilisierung der nationalen Treibstoffreserven". Die "unpopuläre" Entscheidung habe er "nicht leichtfertig getroffen", sie sei aber "der richtige Schritt" gewesen. Die Proteste seien "bedauerlich und tragisch".

Mnangagwa bei der spontanen Rückkehr nach Harare
AP

Mnangagwa bei der spontanen Rückkehr nach Harare

Und dann verurteilte er zu gleichen Teilen die tödliche Gewalt der Sicherheitskräfte und der Demonstranten als "inakzeptabel". Beides sei "Verrat am neuen Simbabwe". Alle Taten würden aufgeklärt, wenn nötig "Köpfe rollen".

Das Ausland ist schuld, soll aber helfen

Die einzigen allerdings, die bislang hinter Gittern sitzen, sind Anführer der Opposition. Der international bekannte Pastor und Aktivist Evan Mawarire wurde wegen Anstiftung zur Gewalt verhaftet. Ebenso in Haft ist Simbabwes wichtigster Gewerkschaftsführer Japhet Moyo, der in der Protestwoche zum Streik aufgerufen hatte.

Außerdem sieht Mnangagwas Regierung ausländische Kräfte am Werk, sie hätten die Proteste angezettelt. Ein Autor des Thinktanks International Crisis Group schreibt, neben den USA werde auch Deutschland beschuldigt, die teils gewaltsamen Demonstrationen angefacht zu haben.

Fußballer tragen den Sarg ihres Mitspielers Kelvin T. Choto, der am Rand der Proteste erschossen wurde
AP

Fußballer tragen den Sarg ihres Mitspielers Kelvin T. Choto, der am Rand der Proteste erschossen wurde

Mit Schuldzuweisungen an fremde Mächte aber wird Mnangagwa die Simbabwer nicht beruhigen. Sie begraben ihre Toten, pflegen die Verwundeten und können sich nach wie vor weder Treibstoff noch Essen kaufen.

Der Staatschef ist dringend auf ausländische Hilfe angewiesen, um den drohenden Kollaps abzuwenden. Ein erster Appell dazu wurde teilweise erhört: Zwar lehnte es Südafrika ab, den von Mnangagwa gewünschten 1,2-Milliarden-Dollar-Sofortkredit zu überweisen. Präsident Cyril Ramaphosa sprach sich aber für eine Lockerung der aus der Mugabe-Ära geerbten internationalen Wirtschaftssanktionen aus. Simbabwe habe "den Pfad zur Demokratie" eingeschlagen und befinde sich auf dem Weg "der echten Erholung", so Ramaphosa.

Mnangagwa hatte bei seiner Amtseinführung Ende 2017 klar gemacht, er wolle die Vergangenheit ruhen lassen. Jetzt hat sie ihn nach nur 13 Monaten eingeholt. In Parteikreisen von Mnangagwas Zanu-PF ist angeblich von einer Amtsenthebung die Rede. Schön geschriebene Pressestatements allein aber werden das "Krokodil" nicht retten.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
lschulz 24.01.2019
1.
Die Entwicklung Simbabwes entspricht mit ganz wenigen Ausnahmen der Lage in allen afrikanischen Staaten. Der Tribalismus ( in Simbabwe die Mashona /Matabele) ist in erster Linie der größte Hemmschuh einer modernen staatlichen Entwicklung. Hinzu kommt das sich jeder an die Macht gekommene Staatschef als Stammeshäuptling sieht und entsprechend Stammesritualen unumschränkt herrschen will. Die Minister werden von diesen Staatschefs als Hofstaat eingesetzt und an der Ausbeutung der Länder beteiligt. Die Staaten mit großen Vorkommen an Rohstoffen sind von ihren Staatshäuptlingen um den Reichtum ihrer Länder betrogen worden. Die Macht und das Militär wird von diiesen Cliquen rücksichtslos gegen ihre eigenen Völker eingesetzt. Armes Afriika.
pit.duerr 24.01.2019
2. Na, dann
bin ich aber gespannt wie die ach so hochgelobte Welt-und USA Gemeinschaft nun bei Simbabwe reagiert. Geht ja ähnlich zu wie in Venezuela. Hat Simbabwe Bodenschätze ??;-))
mitverlaub 24.01.2019
3. Seit der
Aufgabe der Kolonien durch die Europäer haben die nachfolgenden Regierungen die ehemals blühenden Länder, z.B. Simbabwe, die Kornkammer Afrikas, in Schrott verwandelt. Jeder der schwarzen - hoffnungsvoll gewählten Regierungschefs - war korrupt bis ins Mark, sie haben sich und ihre Verwandten zu Multi-Millionären gemacht, auch Dank der üppigen westlichen Entwicklungshilfe, und ihre Länder in den Ruin getrieben. Die können es einfach nicht, wahrscheinlich sehnt sich so mancher Afrikaner nach den Kolonialzeiten zurück, da ging es ihnen tausendmal besser. Da sie aber keine Perspektiven in ihren Ländern sehen, machen sie sich zu den ehemaligen Kolonialisten auf. Und was machen die Europäer? Sie überlegen, ob sie noch mehr Geld in diese Korrupten Rachen werfen und glauben tatsächlich, diese Despoten würden das Geld nutzen, um ihre Leute damit zu stärken.
thequickeningishappening 24.01.2019
4. Neuanfang mit Dem "Sicherheitsbeauftragten" Mugabes?
Der Mann hat unter Mugabe "aufgeräumt". The King is dead. Long live the King. Veraendert hat sich genau 0 ! Wie Ein Vorposter beschrieb, Die Perlen Afrikas: Das waren Rhodesien, Uganda und Suedafrika. Man schaue sich "vorher" und "danach" an.
neanderspezi 24.01.2019
5. Wenn das Militär hinter der Regierung steht,
kann das Volk weiter nach Herzenslust ausgebeutet werden und darin dürfte genügend Erfahrung in Simbabwe regierungsseitig erworben worden sein. Das alte gewohnte Mugabe-Gewaltregime mit einem anderen Häuptling an der Spitze hat wieder nach Simbabwe zurückgefunden und sich wie gewohnt festgesetzt, jetzt wird es eben von einem Krokodil angeführt. Gewaltmaßnahmen und Ausbeutung der Bevölkerung in aufgefrischtem Stil hat ganz von fern mit Bereicherung bestimmter Kreise zu tun, aber mit harten Maßnahmen gegen alles, was sich als Opposition bezeichnen lässt, wird das Land wieder in eine neue Erstarrung finden, die gewohnheitsmäßig zum Segen der neu ausgerufenen Ordnung um sich greifen wird.
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