Regimekritiker in Simbabwe "Entführungen sind fast alltäglich"

Wegen ihrer Arbeit erhält sie Todesdrohungen, ihre Kollegin wurde verschleppt und misshandelt. Die simbabwische Satirikerin Sharon Chideu erklärt, warum Witze in ihrem Land lebensgefährlich sein können.

Am Rand der Großproteste gegen die desolate Wirtschaftslage in Simbabwe umringen Polizisten einen Mann
Philimon Bulawayo/ REUTERS

Am Rand der Großproteste gegen die desolate Wirtschaftslage in Simbabwe umringen Polizisten einen Mann

Ein Interview von


Sharon Chideu, 28, ist Journalistin und Satirikerin in Harare, Simbabwe. Als "Magi" tritt sie neben ihrer Sketch-Partnerin Samantha Kureya in einer Satiresendung auf, die Zehntausende in Simbabwe sehen.

Sharon Chideu (r.), alias Magi, mit Sketch-Partnerin Samantha Kureya aka Gonyeti
Bustop TV

Sharon Chideu (r.), alias Magi, mit Sketch-Partnerin Samantha Kureya aka Gonyeti

Die beiden spotten über lange Schlangen an Tankstellen, leere Supermarktregale, Polizeigewalt, die galoppierende Inflation. Damit haben die jungen Frauen offenbar den Zorn der diktatorisch regierenden Staatspartei Zanu PF auf sich gezogen.

SPIEGEL: Frau Chideu, Sie machen auf ihrem Internetkanal Bustop TV eine erfolgreiche Satiresendung. Worum geht es?

Chideu: Wir beischreiben, was in Simbabwe passiert: die traurige Realität. Auf Bustop TV gibt es journalistische Formate, Interviews, aber eben auch Satire. Die staatliche Zeitung stellt leider nie die richtigen Fragen. Wir stellen sie. Und ich glaube, das ist es, was der Regierung nicht passt.

SPIEGEL: Vor gut drei Wochen wurde ihre Sketch-Partnerin und Kollegin Samantha Kureya verschleppt und schwer misshandelt. Ist sie zurück aus dem Krankenhaus?

Chideu: Ja, es geht ihr besser. Ihr Bein ist noch geschwollen, aber sie hat schon wieder einen Sketch produziert, wenn auch im Sitzen: als trauernde Witwe Grace Mugabe.

SPIEGEL: Es hieß, auch Sie sollten entführt werden.

Chideu: Ich vermute es. Kurz nachdem Samantha verschleppt wurde, hatte mich ihr Bruder angerufen und mich gewarnt. Ich habe meine Handtasche gegriffen und bin raus. Meine Mutter blieb zu Hause und Minuten nachdem ich weg war, kamen zwei Männer und schlichen um unser Haus. Das haben Nachbarn am nächsten Tag berichtet.

SPIEGEL: Wer war das?

Chideu: Bei Samantha stellten sich die Entführer als Polizisten vor. Als die Männer sie dann fortgebracht hatten und auf sie eintraten, sagten sie ihr, sie solle sich im Dreck wälzen, so wie sie es als Soldaten in der Ausbildung täten. Wer auch immer die Tat ausführte, angesichts ihrer Geschichte, tippe ich auf Mitglieder der Regierungspartei Zanu PF als Auftraggeber. Dafür ist sie leider bekannt. Wenn du zu viel sagst, dich zu frei fühlst, zu laut deine Meinung sagst, bestrafen sie dich.

Sharon Chideu: "Die staatliche Zeitung stellt leider nie die richtigen Fragen. Wir stellen sie."
Bustop TV

Sharon Chideu: "Die staatliche Zeitung stellt leider nie die richtigen Fragen. Wir stellen sie."

SPIEGEL: Kommt das in Simbabwe öfter vor?

Chideu: Entführungen sind fast schon alltäglich. Das Ziel ist Einschüchterung. Schlimm wurde es Anfang August, ungefähr eine Woche vor dem lang geplanten Protestmarsch gegen die wirtschaftliche Misere.

SPIEGEL: Wie erklärt die Regierung solche Fälle?

Chideu: Die Regierung spricht gern von einer dritten Kraft, aber keiner weiß, wer das sein soll. Sie nennen es "Black Ops", auch im Fall von Samantha verwies ein Minister der Mnangagwa-Regierung auf so eine verdeckte Aktion durch Unbekannte. Damit räumen sie ein, dass es die Angriffe gibt.

SPIEGEL: Wird in der Sache ermittelt?

Chideu: Samanthas Familie erstattete sofort Anzeige. Auch als sie Samantha dort abholten, wo die Entführer sie unbekleidet zurückgelassen hatten, waren Polizisten dabei. Und später bestellte die Polizei Samanthas Schwester ein, die bei ihrer Entführung zugegen war, um sie zu befragen. Trotzdem hieß es danach, die Familie habe den Fall nicht angezeigt und Samantha sich das alles nur ausgedacht.

SPIEGEL: Robert Mugabe, 2017 gestürzt und vergangene Woche in Singapur verstoben, war erst Befreier und später Tyrann. Nun regiert Emerson Mnangagwa seit zwei Jahren. Hat sich die Lage verbessert?

Chideu: Nein, im Gegenteil. Es geht weiter abwärts, nichts ist besser geworden. Als Mnangagwa an die Macht kam, dachten wir tatsächlich: Mal sehen, vielleicht sind wir nun etwas freier. Vielleicht achtet er die Meinungsfreiheit, wie er es gesagt hat.

SPIEGEL: Wie ist die Stimmung derzeit im Land?

Chideu: Es heißt, wir in Simbabwe halten viel aus. Aber jetzt sind alle zwar unfassbar wütend, zugleich zu müde und zu verängstigt, um irgendetwas zu unternehmen. Im August 2018 wurden Menschen in der Innenstadt von Harare erschossen. Dieses Jahr wurden sie verprügelt, einige sind gestorben.

SPIEGEL: Ihr Bustop-TV-Team hat trotzig erklärt, Sie seien getroffen aber nicht besiegt. Wie geht es Ihnen persönlich?

Chideu: Ich bin sehr nervös und ängstlich. Ich traue mich nicht einmal mehr, mein eignes Auto zu fahren, sie kennen es ja. Ich kriege Drohungen. Ein anonymer Account, der auch kurz vor Samanthas Entführung genau damit gedroht hatte, hat mir geschrieben, ich sollte fortziehen und ein Stück Land bewirtschaften. Wenn ich mit Bustop TV weitermache, würde ich sterben.



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