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24. Juni 2008, 19:36 Uhr

Simbabwe-Krise

Mugabes Schergen prügeln das Volk zur Wahl

Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt

Die Lage in Simbabwe gerät außer Kontrolle. Staatschef Mugabe hält trotz aller Kritik an der geplanten Stichwahl fest - und manövriert sich vollends in die internationale Isolation. Seine Häscher gehen mit irrsinniger Brutalität gegen Opposition und Volk vor.

Sie bezeichnen sich selbst als die treuesten Unterstützer Simbabwes. Doch am Dienstag reichte es selbst der südafrikanischen Kricket-Union, im südlichen Afrika eine fast geheiligte Institution. "Wir haben Simbabwe bisher gegen alle Angriffe verteidigt," erklärte Kricket-Präsident Norman Arendse, "Aber so, wie die Situation jetzt ist, ist uns das unmöglich. Wir setzen deshalb unsere bilateralen Beziehungen zur Kricket-Union von Simbabwe bis auf weiteres aus."

Arendses Erklärung mag nur eine Marginalie sein. Aber sie symbolisiert, wie isoliert Simbabwes Diktator Robert Mugabe inzwischen ist. Die einstimmige Verurteilung seiner Gewalt- und Einschüchterungsstrategie durch den Weltsicherheitsrat hat weltweit die letzten Zweifler davon überzeugt, dass Südafrikas mächtiger ANC-Chef Jacob Zuma Recht hat: "Die Situation ist außer Kontrolle geraten."

Prügel für die Opposition: Zanu-PF-Mitglieder schlagen einen Unbekannten
AP

Prügel für die Opposition: Zanu-PF-Mitglieder schlagen einen Unbekannten

Zum Schluss haben sich die Ereignisse überschlagen: Mugabes Herausforderer Morgan Tsvangirai hat sich am Sonntag überraschend in die niederländische Botschaft in der Arden Road in Harares Villenviertel Highlands geflüchtet. Eine Wahlkundgebung seiner "Bewegung für einen demokratischen Wandel" (MDC) war am Sonntag von Mugabes Schlägern verhindert worden, obwohl ein Gericht sie ausdrücklich genehmigt hatte.

Erst am Dienstag wurde bekannt, dass der MDC-Präsidentschaftskandidat offenbar nur um Haaresbreite Mugabes Häschern entkommen ist. Der senegalesische Präsident Abdoulaye Wade berichtete: "Er hat sich nur in Sicherheit bringen können, weil er einen Tipp bekommen hat, dass bereits Soldaten auf dem Weg zu seinem Haus waren. So konnte er wenige Minuten vor ihrem Eintreffen gerade noch fliehen."

Der niederländische Botschafter Weterings hat seitdem mit den simbabwischen Behörden verhandelt, um Zusicherungen für Leib und Leben des Oppositionsführers zu bekommen. Die wurden ihm auch mit scheinbarer Großzügigkeit gewährt. Aber Tsvangirai, der in den vergangenen zehn Tagen bereits mehrfach verhaftet worden ist, mag dem nicht trauen. "Ich hoffe, dass sie meinen, was sie sagen. Aber ich bleibe misstrauisch." Zunächst werde er in der Botschaft bleiben. Er hoffe, dass bis Donnerstag eine Lösung gefunden werden könne. "Aber ich werde noch einige Tage hier bleiben, bis ich meines Lebens wieder sicher sein kann."

Brutale Einschüchterung

Kurz vor Tsvangirais Flucht hatte Mugabes Einschüchterungsstrategie noch einmal neue, unvorstellbare Dimensionen angenommen. Trevor Ncube, aus Simbabwe stammender Herausgeber der südafrikanischen Wochenzeitung "Mail & Guardian", berichtete nach seiner Rückkehr aus Harare: "Die Zanu-Milizen fragen ihre Opfer nur noch: Lang- oder Kurzarm? Dass heißt, sie können wählen, ob ihnen die Hand oder der ganze Unterarm abgehackt wird." Er allein wisse von drei Menschen, die bei lebendigem Leib verbrannt worden seien. Seine Mutter, so erzählt er, habe ihre Schwester in Bikita besuchen wollen. Aber ihr sei geraten worden: "Geh nicht dorthin. Dort wirst Du getötet." Ncube ist sicher, dass "die Gewaltwelle der Zanu aus den Händen geglitten ist. Sie finden den Knopf nicht mehr, um sie abzustellen". Aber Mugabes Getreue beklagten sich darüber nicht. "Gewalt und Einschüchterung arbeiten für sie."

In den Dörfern würden die Menschen nachts von Kriegsveteranen und Jugendmilizen aus dem Schlaf gerissen. Sie müssten in Reihen antreten, Loblieder auf Mugabe singen und versichern, dass sie bei der immer noch geplanten Wahl am 27. Juni ihr Kreuz an "der richtigen Stelle" machen würden. Wer nicht spure, werde in Foltercamps gebracht. "Einer meiner Mitarbeiter hat mir erzählt, dass seine Eltern dorthin gebracht worden seien. Sie haben gesehen, wie eine Oppositionsanhängerin gezwungen wurde, ein Büschel trockenes Gras in ihre gefesselten Hände zu nehmen. Dann steckten Zanu-Leute das Gras an beiden Enden an."

Schlägertrupps der Zanu drangen am Wochenende auch in eine der größten Platin-Minen des Landes in Selous ein, 72 Kilometer westlich von Harare, und zwangen die Mitarbeiter in nächtelangen Sitzungen, Mugabe die Treue zu schwören. In Chegutu, 107 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, wurden alle Farmarbeiter zusammengetrieben und in Umerziehungslager gebracht. Die ganze Nacht hindurch mussten sie Revolutionslieder singen und zum Schluss schwören, dass sie ihr Leben Mugabe und der Zanu weihen wollten. Wenn auch nur ein Arbeiter für Tsvangirai stimme, müssten sie alle darunter leiden, versicherten ihnen ihre Peiniger. Verantwortlich für die Exzesse in diesem Gebiet ist der örtliche Parteichef, Mugabes stellvertretender Informationsminister Bright Matonga.

Das Uno-Flüchtlingshilfswerk hat angesichts der zunehmenden Gewaltexzesse vorsichtshalber an den Grenzen Simbabwes zu Mosambik, Sambia, Südafrika und Botswana die Einrichtung von Auffanglagern geplant. Das UNHCR erwartet eine neue Flüchtlingswelle aus Simbabwe, wenn die Wahl am Freitag Mugabe erneut in seinem Amt bestätigen sollte.

Die treuen Vasallen wenden sich ab

Als dann der Diktator verkündete, er sei von Gott gesandt und nur Gott, aber keine Wählerstimme könne ihn wieder aus seinem Präsidentenamt entfernen, dämmerte selbst seinem treuen Verbündeten Thabo Mbeki die Erkenntnis, dass die geplante Stichwahl an diesem Freitag zur Farce werden muss. Sein sambischer Amtskollege Levy Mwanawasa, derzeit SADC-Vorsitzender, hatte zuvor erneut einen gezielten Warnschuss gegen den zögernden Vermittler Mbeki abgefeuert: "Es ist ein Skandal, wenn die SADC ihr Schweigen gegenüber den Vorgängen in Simbabwe nicht bricht." Auch die USA machten erneut Druck auf Mbeki, der als offizieller SADC-Vermittler eine Schlüsselrolle in dem Konflikt in Simbabwe spielt. Er müsse sich darüber im Klaren sein, "dass die Augen der Welt nicht nur auf Simbabwe, sondern auch auf Südafrika gerichtet sind," hatte US-Regierungssprecher Sean McCormack am Wochenende drohend verkündet. "Wir werden das sehr genau beobachten."

Seit der Flucht Tsvangirais und seinem Rückzug als Präsidentschaftskandidat für die Wahl am Freitag ringen Afrikas Politiker nun erneut um eine Lösung der scheinbar ausweglosen Krise. Die drei Außenminister der SADC-Troika haben sich in Luanda getroffen. Aber niemand scheint zu wissen, wie es weiter gehen soll. Tsvangirais Sprecher Nelson Chamisa beteuerte am Dienstag die Entschlossenheit Tsvangirais und der MDC, nicht an der Wahl am Freitag teilzunehmen. "Wir wollen die Präsidentschaft nicht auf einem Berg von Leichen und Totenschädeln aufbauen."

Erstes Plädoyer für einen Militärschlag

Der Chef der simbabwischen Wahlkommission, George Chiveshe, versicherte hingegen: "Das Spiel läuft." Die Vorbereitungen für den Urnengang würden fortgesetzt. Auch Mugabe selbst will an der Wahl festhalten, bei der er mangels Gegenkandidaten schon heute als Sieger feststeht.

Kenias Premierminister Odinga plädiert angesichts der jüngsten Eskalation für die Entsendung einer Friedenstruppe, die zunächst die Sicherheit in Simbabwe wieder herstellen und dann einen fairen und freien Wahlgang ermöglichen solle. Südafrikas Mbeki träumt immer noch von einer Regierung der nationalen Einheit, in der Mugabe neben Tsvangirai sitzen soll.

Der radikalste Vorschlag aber kommt von dem britischen Oberhausmitglied Paddy Ashdown. Er befürchtet, dass es in Simbabwe ohne Eingreifen von außen zu einem Blutbad wie in Ruanda kommen wird, wo 1994 in ethnischen Kämpfen 800.000 Menschen buchstäblich abgeschlachtet worden sind.

Für den Briten gibt es daher nur eine Lösung: "Da hilft wohl nur noch ein Militärschlag."

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